Politik

"Jeder Ort der Erde erreichbar" Mit diesen Atomwaffen droht Russland

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Russland hat in den vergangenen Jahren massiv aufgerüstet und viel Geld auch in nukleare Waffen gesteckt.

(Foto: picture alliance/dpa/EPA)

Droht im Ukraine-Krieg der Atomschlag? Russlands Präsident Putin hat diese Möglichkeit vor einigen Tagen ins Gespräch gebracht. Immerhin ist Russland die größte Atommacht der Welt. Moskau besitzt mehrere tausend Nuklearwaffen, die innerhalb kürzester Zeit einsatzbereit sein könnten.

Es sind Kampfansagen wie im Kalten Krieg. Russlands Präsident Putin hat Ende Februar mit einem Atomangriff gedroht, drei Tage nachdem Russland die Ukraine angegriffen hat. Er hat in seinem Befehl zwar nicht ausdrücklich von Nuklearwaffen gesprochen, aber mit Abschreckungskräften sind auch Atomwaffen gemeint. Und damit ist Russland sehr gut ausgerüstet. Das Land ist die größte Atommacht der Welt. Nach aktuellen Zahlen der Federation of American Scentists besitzt Russland aktuell 5.977 nukleare Sprengköpfe. Die USA haben 5.428 Atomwaffen, also nur etwas weniger als Russland - und deutlich mehr als Europa. Rund 600 Nuklearsprengköpfe lagern in europäischen Ländern, rund 100 davon gehören aber den Amerikanern, 15 davon befinden sich im deutschen Büchel.

Die russischen und amerikanischen Waffen lassen sich hauptsächlich in zwei Kategorien unterscheiden, strategische und nicht-strategische. Die strategischen Waffen seien zur Abschreckung gedacht, sie sollen die USA davon abhalten, Russland anzugreifen, erklärt Moritz Kütt im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Kütt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. "Die sitzen im Prinzip auf Raketen und können bis in die USA fliegen, sitzen in U-Booten oder können in Flugzeuge verladen werden."

Russland besitze neben den rund 2500 strategischen noch 2000 nicht strategische Waffen, auch taktische Waffen genannt. "Sie könnten auch in regionalen Konflikten eingesetzt werden. Ist bisher noch nicht passiert, aber dafür waren sie ursprünglich im Kalten Krieg gedacht." Dazu kämen 1500 Waffen im russischen Arsenal, die derzeit eigentlich für Abrüstung vorgesehen seien, erläutert Kütt. "Die sind schon lange außer Betrieb genommen, liegen jetzt in einem Lager, weil Russland mit der Abrüstung der Waffen nicht so schnell hinterherkommt."

Jedes Jahr nimmt die Zahl an Atomwaffen ab. Russland und die USA verschrotten ihre Arsenale nach und nach. Aber immer noch sind um die 4.500 nukleare Sprengköpfe in Russland einsatzbereit. Und das sind keine uralten Systeme aus dem Kalten Krieg. Nicht nur Moskau, auch die USA und China haben in den vergangenen Jahren viel Geld in ihre nukleare Ausrüstung gesteckt und sie modernisiert. Obwohl viele Nationen versprochen haben, ihre Arsenale abzubauen, im Atomwaffensperrvertrag von 1970. Die USA und Russland haben zudem gerade erst im Januar den New-Start-Vertrag zur Rüstungsbegrenzung verlängert.

Russland verfügt über modernste Waffen

Russland hat in den vergangenen Jahren Milliarden in sein Militär gepumpt und vor allem Luft- und Raumfahrt modernisiert. "In Russland können wir davon ausgehen, dass die meisten Waffen maximal zehn Jahre alt sind und die Waffen immer instand gehalten werden, auseinander- und zusammengebaut werden. Gleichzeitig hat Russland vor kurzem noch gesagt, dass 90 Prozent des Arsenals modernisiert wurde, also mit neuen Fähigkeiten versorgt wurde", so der Friedensforscher.

Russland besitzt moderne Waffen wie das Luftabwehrsystem S-400 und den Kalibr-Marschflugkörper. Außerdem neue Hyperschallraketen, die Putin als "unbesiegbar" angepriesen hat. Erst Mitte Februar hatte Russland laut Kreml-Mitteilung eine neue Hyperschallrakete vom Typ Kinschal und auch atomwaffenfähige Raketen getestet.

Sprengköpfe können nicht nur in Raketen, sondern in alle möglichen Trägersysteme eingebaut werden. Dementsprechend sind sie unterschiedlich groß, erklärt Moritz Kütt. "Die strategischen Waffen sind in Interkontinentalraketen eingebaut. Oder auf Marschflugkörpern, die dann von Bombern in die Nähe der USA geflogen werden würden und dann quasi von 1000 bis 2000 Kilometer Entfernung gestartet werden. Weitere Waffen befinden sich auf Raketen mit kürzerer Reichweite, da geht es um 150 bis 300 Kilometer. Es gibt auch welche mit 2000 Kilometern. Sie werden vom Boden, von Flugzeugen oder vom Land gestartet. In Russland gibt es auch nuklear bestückte Raketenabwehrsysteme."

Interkontinentalraketen nahe Ukraine stationiert

Die Atomwaffen sind in ganz Russland verteilt, die meisten im europäischen Teil, sagt Kütt. Dort gebe es sieben Waffenlager. Außerdem existierten im Land noch knapp 20 weitere kleinere Waffenlager, zum Beispiel an Häfen oder Flughäfen - je nachdem, ob die Waffen auf Booten oder in Raketen eingesetzt werden sollen. Interkontinentalraketen sind laut der Federation of American Scentists vermutlich an zwölf Orten in ganz Russland stationiert. Einer davon liegt in Koselsk, nur etwa 300 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt.

"Die maximale Reichweite russischer Waffen liegt zwischen 10 und 15000 km. Damit können Sie im Prinzip fast jeden Ort der Erde erreichen, den Sie wollen, zumindest von russischem Boden aus. Russland ist ja auch durchaus groß und die sind eben auch so stationiert, dass sie dann von der jeweiligen Seite aus losfliegen beziehungsweise fliegen sie über den Nordpol." Auch die USA könnten mit ihren Waffen fast jeden Ort auf der Welt treffen.

Putin kann nicht allein den "roten Knopf" drücken. Bevor russische Atomwaffen abgefeuert werden, muss eine ganze Befehlskette in Gang gesetzt werden. Es gibt insgesamt drei Atomkoffer, in dem die Codes sind. Einen hat der russische Präsident, einen der Verteidigungsminister und einen der Generalstabschef. Es braucht mindestens zwei der drei Koffer, die Codes darin funktionieren nur in Kombination. Das ist so eingerichtet worden, um sich gegen Fehler bei der Anwendung von Atomwaffen abzusichern. An erster Stelle steht der Präsident, er gibt mit dem Koffer den Einsatzbefehl für die nuklearen Waffen verschlüsselt weiter.

Nuklearwaffen innerhalb von Minuten einsetzbar

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Warum wäre ein Waffenstillstand für Wladimir Putin vermutlich nur eine Pause? Warum fürchtet die NATO die Suwalki-Lücke? Wieso hat Russland wieder iPhones? Mit welchen kleinen Verhaltensänderungen kann man 15 Prozent Energie sparen? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

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Russlands Nuklearwaffen sind im Grunde immer in Bereitschaft. "Es gibt Atomwaffen, die innerhalb weniger Minuten einsetzbar sind", sagt Moritz Kütt im Podcast. "Gerade diese Interkontinentalraketen, diese strategischen Waffen, gehören dazu. Sowohl von amerikanischer Seite als auch auf russischer Seite ist es so geplant, dass man auf einen gegnerischen Angriff in wenigen Minuten reagieren kann. Die Flugzeit für eine Rakete von Russland in die USA oder umgekehrt ist etwa eine halbe Stunde." Innerhalb Europas betrage die Flugzeit nur wenige Minuten. "Diese Waffen sind allerdings nicht in gleicher Einsatzbereitschaft. Die Waffen in Deutschland zum Beispiel liegen zwar auf dem Fliegerhorst Büchel, es ist aber nicht so, dass die Flugzeuge mit laufendem Motor auf den Einsatzbefehl warten. Das gleiche gilt auch für Einheiten mit Kurzstreckenraketen."

Atomwaffen sind darauf ausgelegt, maximale Zerstörung anzurichten. Wenn eine Atombombe explodiert, erzeugt das eine gewaltige Druckwelle, Menschen sterben, Gebäude werden zerstört. Außerdem entsteht Hitze, die Feuer und Verbrennungen verursacht. Und die Strahlung tötet Zellen, löst Krankheiten aus und verursacht Erbschäden über Generationen. Dabei sind strategische Nuklearwaffen zerstörerischer als die kleineren, taktischen Sprengköpfe.

"Die russischen Waffen sind fast alle deutlich größer als die Waffen, die in Hiroshima und Nagasaki eingesetzt wurden. Und größer heißt dann so was wie ein Faktor 10 bis ein Faktor 50 stärker als die Waffen dort", gibt Kütt zu bedenken.

Bisher keine Bewegung bei Atomwaffen zu beobachten

Ein Atomschlag heutzutage hätte Folgen, die wir uns nicht ausmalen wollen. Aktuell befürchten Experten aber nicht, dass Putin tatsächlich den Atomknopf bedient. Dazu passt auch, dass Experten wie Moritz Kütt, aber auch Staaten wie Großbritannien momentan noch keine Truppenbewegungen in Bezug auf Kernwaffen sehen.

Kütt befürchtet, dass sich eine Eskalationsspirale in Gang setzt, wenn beide Seiten sich missverstehen. "Vielleicht war gar kein Angriff geplant, vielleicht ist es gar kein Angriff, aber sieht vielleicht so aus. Und dann versucht das andere Land sich nuklear zu wehren. Aber effektiv ist das dann der eigentliche Angriff. Und wir sehen einen nuklearen Schlagabtausch zwischen diesen beiden Staaten, der dann natürlich auch Europa in Mitleidenschaft zieht."

Bisher hat Russland noch nie eine Atomwaffe in einem Krieg eingesetzt. Falls Putin tatsächlich Atomwaffen abfeuern sollte, muss er sehr wahrscheinlich mit einer Antwort aus dem Westen rechnen. Aber wenn Staaten mit Atomwaffen einen Atomkrieg führen, riskieren sie es, selbst ausgelöscht zu werden.

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Quelle: ntv.de

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