Politik

Ein Jahr nach Halle "Will man als Jude erkennbar sein?"

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"Zielführend wäre es, wenn jeder und jede im eigenen Umfeld und auch bei sich selbst mit einer Reflektion anfangen würde", sagt Alexander Rasumny.

(Foto: picture alliance / Boris Roessle)

Auch ein Jahr nach dem antisemitischen Anschlag auf eine Synagoge in Halle stehen Juden in Deutschland immer wieder vor derselben Entscheidung, sagt Alexander Rasumny vom Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus: "Will man als Jude oder Jüdin erkennbar sein oder will man das verstecken? Es prägt den Alltag, wenn man abwägen muss zwischen der Sichtbarkeit der eigenen Identität und dem Sicherheitsrisiko."

ntv.de: Wie viele antisemitische Vorfälle haben Sie im vergangenen Jahr erfasst?

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Alexander Rasumny ist Referent für Öffentlichkeitsarbeit beim Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus e.V.

(Foto: privat)

Alexander Rasumny: In Berlin haben wir im vergangenen Jahr 881 Vorfälle erfasst, etwas weniger als 2018. Im Bund haben wir Anfang dieses Jahres einen ersten Bericht vorgelegt. Der bezieht sich allerdings nur auf die vier Bundesländer mit den aktiven zivilgesellschaftlichen Meldestellen Berlin, Brandenburg, Bayern und Schleswig-Holstein. Dort wurden uns insgesamt 1253 antisemitische Vorfälle bekannt.

Warum bezieht sich Ihr Bericht nur auf diese Bundesländer?

Wir haben 2015 mit der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus in Berlin angefangen. Dann zeigte sich schon bald, dass es auch im restlichen Bundesgebiet die Notwendigkeit solcher Meldestellen gibt. Diese bauen wir nun nach und nach auf. Das ist ein Prozess, bei dem wir jeweils sowohl die Zivilgesellschaft als auch die jüdische Community vor Ort mitnehmen möchten, deshalb braucht das ein bisschen Zeit.

Wie häufig sind körperliche Angriffe unter den von Ihnen genannten Vorfällen?

2019 haben wir in Berlin 33 physische Angriffe dokumentiert, in allen vier Meldestellen zusammen waren es 49 Angriffe und ein Fall von extremer Gewalt. Darüber hinaus gab es zwei weitere Fälle von extremer Gewalt: Das war der Anschlag von Halle vor einem Jahr und ein Fall in Niedersachsen.

Haben Sie das Gefühl oder geben die Zahlen es vielleicht auch her, dass der Antisemitismus in Deutschland in den letzten Jahren lauter oder gefährlicher geworden ist?

Bis zum Beginn der Corona-Pandemie beziehungsweise bis zum Lockdown haben wir in Berlin eine stärkere Tendenz zu physischer Gewalt gegen Personen beobachtet, die als jüdisch erkennbar waren. Während also die Zahl der Vorfälle insgesamt zurückging, gab es weiterhin schwerwiegende tätliche Angriffe. In anderen Bundesländern sind wir noch nicht lange genug vertreten, um längere Trends abbilden zu können.

Gab es durch die Pandemie denn eine Veränderung?

Ja. Uns ist aufgefallen, dass die Anzahl antisemitischer Vorfälle trotz der Einschränkungen des öffentlichen Lebens auf dem gleichen Niveau blieb. Zwar haben wir seltener physische Gewalt oder insgesamt Vorfälle von Angesicht zu Angesicht dokumentiert, aber Antisemitismus war weiterhin im öffentlichen Raum präsent - online wie offline. Thematisch gab es eine Verschiebung hin zu einer stärkeren Präsenz von antisemitischen Verschwörungsmythen.

Vor einer Woche ist in Hamburg ein jüdischer Student vor der Synagoge mit einem Klappspaten angegriffen worden. Eine Polizeisprecherin sagte danach, der Täter habe einen "extrem verwirrten Eindruck" gemacht. Beruhigt Sie so ein Hinweis oder regt Sie das eher auf?

Man muss bei solchen Vorfällen darauf achten, dass man die Tat nicht entpolitisiert und die ideologische Dimension der Tat nicht verleugnet. Ich kenne den Täter nicht und weiß nicht, ob es zutrifft, dass es da psychische Probleme gibt. Sollte das der Fall sein, muss sich die Gesellschaft aber trotzdem damit auseinandersetzen, dass diese psychischen Probleme in Kombination mit einer antisemitischen Ideologie zutage treten und dass diese Ideologie bei weitem nicht nur von Personen mit psychischen Schwierigkeiten getragen wird, sondern weit in die Gesellschaft hineinreicht.

Wie weit in die Gesellschaft reicht Antisemitismus denn?

Ob es sich um antisemitische Verschwörungsmythen handelt oder um die Abwehr der Erinnerung an die NS-Verbrechen und an die Schoah oder um israelbezogenen Antisemitismus - das sind alles keine Randphänomene, sondern Erscheinungen, die breite Akzeptanz oder zumindest Toleranz finden und quer durch die Schichten und quer durch die Altersgruppen präsent sind. Man sieht zudem gerade, was für ein Mobilisierungspotenzial Verschwörungserzählungen, die an Antisemitismus zumindest anschlussfähig sind, bei den Demonstrationen gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie haben.

Unterscheiden Sie als Recherchestelle, ob ein Vorfall einen rechtsextremen oder einen islamistischen Hintergrund hat?

Ja, den politischen und weltanschaulichen Hintergrund dokumentieren wir. Aber in etwa der Hälfte der Fälle können wir einen solchen Hintergrund nicht zuordnen. Das liegt zum einen daran, dass bei vielen antisemitischen Vorfällen der Täter nicht bekannt ist, aber auch daran, dass die verwendeten antisemitischen Erscheinungsformen quer durch die Milieus geteilt werden. Wir sehen zum Beispiel auch rechtsextremen israelbezogenen Antisemitismus oder Verschwörungsideologien in der sogenannten politischen Mitte. Wichtig ist: Antisemitismus ist eine gesamtgesellschaftliche Erscheinung. Die Diskussion, von wem mehr antisemitische Vorfälle ausgehen, wird häufig auf Kosten des Sicherheitsgefühls der jüdischen Community ausgetragen und instrumentalisiert reale Sorgen, anstatt sie ernst zu nehmen.

Haben Jüdinnen und Juden in Deutschland Angst, als jüdisch erkennbar zu sein? Werden Kippas unter Hüten versteckt oder Kettchen mit Davidsternen unter Pullis verborgen?

Es gibt auf jeden Fall Menschen, die so reagieren. Andere entwickeln vielleicht eher ein Gefühl von "jetzt erst recht". Aber jede jüdische Person in Deutschland steht immer wieder vor derselben Entscheidung: Will man als Jude oder Jüdin erkennbar sein oder will man das verstecken? Es prägt den Alltag, wenn man abwägen muss zwischen der Sichtbarkeit der eigenen Identität und dem Sicherheitsrisiko.

Nach jedem größeren Vorfall sagen Politiker, dass man gegen Antisemitismus zusammenstehen müsse. Wie empfinden Sie solche Aufrufe?

Naja, wir sehen, dass die jüdische Community immer noch das Gefühl hat, das die Mehrheitsgesellschaft, auch die Mehrheit der Gesellschaft, dem Problem gleichgültig gegenübersteht. Insofern sind diese Aufrufe aus der Politik sehr positiv gemeint. Inwiefern das allerdings in der breiten Mehrheitsgesellschaft ankommt - das können wir bislang nicht abschätzen. Und wir sehen auch, dass es nach jedem Fall reflexartig als Allererstes gefragt wird: Wer ist denn wirklich dafür verantwortlich? Das ist ja auch eine Abwehrreaktion. Man will nicht über das eigentliche Thema reden, man will nicht über die eigene Verantwortung in der Gesellschaft reden. Zielführend wäre es, wenn jeder und jede im eigenen Umfeld und auch bei sich selbst mit einer Reflektion anfangen würde, mit einer Überprüfung von eigenen Denkweisen und Praktiken.

Mit Alexander Rasumny sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de