Politik

China und Japan streiten um Inseln Willkommene Eskalation

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Die Filiale einer japanischen Restaurant-Kette versteckt ihre Identität.

(Foto: AP)

Ein paar Felsen im Meer lassen die Emotionen in China hochkochen. Es geht um eine Inselgruppe, die in Japan Senkaku und in China Diaoyu heißt. Beide Länder beanspruchen die Inseln für sich. Der Streit beschert den Schülern der deutschen Schule in Peking freie Tage - und der chinesischen Führung Ablenkung von internen Problemen.

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(Foto: Stepmap/n-tv.de)

In Peking verdecken japanische Restaurants in diesen Tagen mit Mülltüten über den Namensschildern ihre Herkunft. Die Betreiber fürchten, dass radikale chinesische Nationalisten ihnen die Fensterscheiben zertrümmern. Die deutsche Schule hat ihren Schülern für heute und morgen kurzfristig frei gegeben, weil die japanische Botschaft in unmittelbarer Nähe des Geländes liegt. Die Schule fürchtet um die Sicherheit der Kinder und Jugendlichen, sollten Demonstrationen vor der japanischen Vertretung erneut eskalieren, obwohl Militär und Polizei die Botschaft sichern. Der Territorialstreit Chinas mit seinem Erzfeind um eine winzige Inselgruppe im Südchinesischen Meer wird zunehmend aggressiv. Das Thema ist emotional aufgeladen und wer nicht aufpasst, wird mit hineingezogen.

Denn mancher Chinese will auch Ausländern unbedingt eine Meinung abringen zu dem Streit. Auf welcher Seite man steht, ist eine wichtige Frage für den einen oder anderen glühenden Patrioten. "Für oder gegen uns" heißt die Losung, wie sie auch George W. Bush nach dem 11. September 2001 ausgab. Eine gemäßigte Ansicht dazu gibt es in ihren Augen nicht. "Die Diaoyu-Inseln gehören zu China“, teilt ein Pekinger Autofahrer in einem China-roten LED-Schriftzug auf der Heckscheibe seines Fahrzeugs anderen Verkehrsteilnehmern mit.

Senkaku oder Diaoyu?

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In dieser Shopping Mall werden japanische Produkte boykottiert.

(Foto: AP)

Es kann regelrecht zum Drahtseilakt  werden, sich aus einer solchen Diskussion herauszuwinden, wenn man den Chinesen nicht nach dem Mund reden mag, sondern auch japanische Ansprüche als berechtigt empfindet. Das spürte neulich eine Sprecherin des Weißen Hauses in Washington, als der Korrespondent des chinesischen Staatsfernsehens ihr die Frage stellte, weshalb die USA den japanischen Namen der Inselgruppe benutzen, nämlich Senkaku statt Diaoyu. Man habe keine Position zu dem Streit, betonte die Dame. Doch der Fragesteller ließ nicht locker: "Wieso dann Senkaku?" Die Sprecherin rechtfertigte die Bezeichnung schließlich mit einem kurzen Ausflug in die jüngere Geschichte der Inseln. Nach dem Zweiten Weltkrieg standen sie unter Militärverwaltung der USA, ehe sie 1972 von den US-Amerikanern an die Japaner zurückgegeben wurden. Denn Japan sieht sich als Entdecker der Inseln Ende des 19. Jahrhunderts. Das lassen die Chinesen nicht gelten. Sie haben alte Seekarten rausgekramt aus der Ming-Dynastie, die belegen sollen, dass sie es waren, die einst als Erste auf Senkaku beziehungsweise Diaoyu landeten.

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Ein Kaufhaus in der Stadt Changsha, das von anti-japanischen Demonstranten verwüstet wurde.

(Foto: dpa)

Dass die Stimmung aber wegen ein paar Quadratkilometern Fläche im offenen Meer so hochkocht, ist auch das Resultat vieler anderer Aspekte. Die Emotionen sind in erster Linie die Konsequenz der japanischen Besatzung Chinas im Zweiten Weltkrieg. Unbestritten benahmen sich die Kolonialherren damals schrecklich und brachten großes Leid über viele chinesische Familien. Mancher fühlt sich nun an das "imperialistische Japan" von damals erinnert, während ihm die Zornesröte ins Gesicht läuft. Am 18. September jährt sich der sogenannte Mandschurei-Zwischenfall in Shenyang von 1931, der die Invasion Chinas durch japanische Truppen ab 1937 einleitete. Rohstoffe sind ein anderes Argument. Sie werden üppig vermutet in den Gewässern rund um die Inseln. Wer die Steine sein Land nennt, darf dort bohren und bestenfalls eine wertvolle Energiequelle auftun. Besonders China buhlt auf dem ganzen Erdball nach Zugang zu Rohstoffen, um das Wachstum des Riesenreiches in den nächsten Jahren garantieren zu können.

Der Zeitpunkt kommt Peking gelegen

Peking kann sich jedenfalls glücklich schätzen darüber, dass zu Zeiten großer innenpolitischer Unruhe ein außenpolitischer Streitfaktor von den Problemen vor der eigenen Haustür ablenkt. Seit Monaten schon belastet der Skandal um den gestürzten Politstar Bo Xilai die Kommunistische Partei. Die Menschen im Land hinterfragen die Moral und die Legitimität ihrer autoritären Führungselite. Und das ausgerechnet vor dem Machtwechsel innerhalb der Partei im Herbst, wenn eine neue Parteispitze verkündet werden soll, die das Zepter in den kommenden Jahren übernehmen wird. Wie gerufen also scheint ein Konflikt mit nationaler Tragweite für die Partei zu kommen. Es kursieren sogar Gerüchte im Internet, dass der Streit mit Japan von den USA angefacht wird, um China zu schaden.

Angesichts der Parallelität der Ereignisse macht sich die Vermutung breit, dass Peking eine Eskalation im Streit mit Japan bis zu einem gewissen Punkt steuert. Denn die Aufmerksamkeit der chinesischen Medien und der Bevölkerung richtet sich überwiegend auf die Inseln im Südchinesischen Meer. Und zum Glück für die chinesische Regierung spielt Japan das Spiel auch noch mit. Mit ihrer Zahlung von rund 21 Millionen Euro an einen japanischen Geschäftsmann symbolisierte Tokio vor wenigen Tagen den rechtmäßigen Erwerb der Inseln und provozierte die erhitzten Gemüter. Ob es Peking wirklich um Diaoyu geht oder eher um ein Ablenkungsmanöver, wird sich nach dem Parteitag herausstellen. Vorausgesetzt, die Emotionen können bis dahin noch kontrolliert werden.

Quelle: ntv.de