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Interview mit Peer Steinbrück "Wir werden fighten, fighten, fighten!"

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"Wenn die SPD mobilisieren kann, dann sehen die Wahlergebnisse anders aus als die Umfragen", sagt Peer Steinbrück.

(Foto: REUTERS)

Eine angeblich schwarz bezahlte Putzfrau, eine mutmaßliche Stasi-Tätigkeit: Peer Steinbrück muss viel über sich ergehen lassen. "Diese Hitze muss ich aushalten, wenn ich Chefkoch werden will", sagt er Anfang der Woche im Interview mit n-tv.de. Im Nachhinein rechtfertigt er sich auch für seine umstrittene Stinkefinger-Geste.

n-tv.de: Sie kommen im Moment sehr viel herum, der Wahlkampf führt Sie durch die ganze Republik. Wo gefällt es Ihnen besonders?

Peer Steinbrück: Da gibt es nicht den einen Ort oder Moment. In meinem Wahlkampf gibt es viele bereichernde persönliche Begegnungen. Mein Eindruck ist, dass meine Veranstaltungen sehr gut laufen. Sie sind sehr dialogorientiert, ich stehe in der Mitte und halte keinen Frontalunterricht. Stattdessen begebe ich mich unter die Bürgerinnen und Bürger und beantworte Fragen. Und dann gibt es ein paar grundsätzlichere Worte von mir, die hoffentlich eine Mischung aus Substanz und Unterhaltung sind.

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Hat das Wahlkämpfen auch 2013 nicht verlernt: Altkanzler Schröder.

(Foto: picture alliance / dpa)

Gerhard Schröder unterstützt Sie und die SPD in diesen Tagen intensiv. Was können Sie von dem Wahlkämpfer Schröder lernen?

Wir hatten ein Dreiergespräch am Wochenende: Schröder, Helmut Schmidt und ich. Da hat er mir noch mal gesagt: Optimistisch bleiben, mein Lieber!

Und was rät Herr Schmidt?

Das wüssten Sie wohl gern. Aber wenn Helmut Schmidt mit mir unter vier oder - zusammen mit Gerhard Schröder - unter sechs Augen - spricht, dann bleibt das unter uns.

In der neuen Forsa-Umfrage klettert die SPD auf 25 Prozent, aber die Grünen rutschen ab auf 9 Prozent. Warum reicht es aus Ihrer Sicht doch noch für Rot-Grün?

Woher wissen Sie denn, dass diese Umfrageergebnisse die Realität widerspiegeln? Wir haben doch 2002 und 2005 erlebt, wie weit Umfragen daneben liegen können. Zuletzt war dies bei der Landtagswahl in Niedersachsen der Fall. Auch dort fiel das Ergebnis ganz anders aus, als so manch einer dachte. Wenn die SPD mobilisieren kann, und genau in der Stimmung sind wir im Augenblick, dann sehen die Wahlergebnisse ganz anders aus als die Umfragen es derzeit suggerieren. Wir haben noch zwölf Tage Zeit. Wir werden fighten, fighten, fighten!

Haben Sie eine Prozentzahl im Kopf, die Sie am 22. September gerne erreichen würden?

Sie werden doch nicht im Traum glauben, dass ich öffentlich irgendeine Marke setze und Sie hängen mich anschließend daran auf. (lacht)

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Steinbrück während einer Wahlveranstaltung Anfang September in Berlin.

(Foto: AP)

Was macht ein Bundeskanzler Peer Steinbrück in den ersten 100 Tagen?

Wir wollen einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn einführen - und zwar schon bis zum 1. Februar 2014. Das Zweite ist die Abschaffung des Betreuungsgeldes und die Investition dieses Geldes in Kinderbetreuungsplätze, frühkindliche Bildung und zusätzliche Erzieherinnen und Erzieher. Das Dritte ist die Einführung des Prinzips gleicher Lohn für gleiche Arbeit für Frauen und Männer sowie Leiharbeiter und Stammbelegschaften.

Die SPD will einen Mindestlohn von 8,50 Euro einführen. Aus der Sicht der Linkspartei ist das zu wenig. Sie fordert 10 Euro pro Stunde. Wer liegt richtig?

Würden wir 10 Euro sagen, würden die Linken 15 Euro fordern. Ein politischer Überbietungswettbewerb macht keinen Sinn. Wir orientieren uns an den Lösungen in anderen Ländern. Die Marke darf auch nicht so hoch gezogen werden, dass dadurch Arbeitsplätze in Gefahr sind. Maß und Mitte sind auch hier wichtig.

Auf den Monat gerechnet ist ein Stundenlohn von 8,50 Euro aber auch nicht gerade üppig.

Ich gebe zu: Bei einer 38- oder 39-Stundenwoche sind das keine Reichtümer. Das ist gerade so viel, dass man damit einigermaßen über die Runden kommt. Allerdings wird man auch bei einem Mindestlohn von 8,50 Euro in Schwierigkeiten geraten, wenn Mietpreissteigerungen erfolgen, wie wir sie in Ballungsräumen oft erleben. Insofern ist die Kombination mit einer Mietpreisbremse oder etwa der Senkung der Stromsteuer sehr wichtig für diejenigen, die wenig verdienen.

Sie sagen, der Mindestlohn müsse so hoch sein, dass man davon würdig leben kann. Wie hat die SPD ausgerechnet, wie viel man ungefähr zum Leben braucht?

Wenn man 8,50 Euro hochrechnet, landet man bei einer Vollzeitstelle bei kaum mehr als 1400 Euro. Damit ist man ungefähr am unteren Rand der mittleren Einkommensspanne.

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Begegnung vor der Generaldebatte im Bundestag: Kanzlerin und Kandidat.

(Foto: picture alliance / dpa)

Es gibt ein Foto vom Montag nach dem TV-Duell. Vor der Generaldebatte im Bundestag trafen Sie auf die Kanzlerin. Sie standen zusammen und schmunzelten beide. Was sind das für Momente? Was ist da passiert?

Da ist nichts Sensationelles passiert. Frau Merkel kam mir entgegen und wir haben uns begrüßt, wie das nach mitteleuropäischen Verhaltens- und Höflichkeitsnormen angemessen ist. Nicht mehr und nicht weniger.

In der Großen Koalition haben Sie intensiv mit Angela Merkel zusammengearbeitet, jetzt ist Sie Ihre große Kontrahentin. Wie gut verstehen Sie sich?

Ich leugne nicht, dass wir in der Großen Koalition vertrauensvoll zusammengearbeitet haben. Allerdings ist Frau Merkel anschließend eine Liebesheirat mit der FDP eingegangen und sie macht seitdem die falsche Politik. Wir erleben eine Politik, die dieses Land nicht in eine Zukunft führt und politisch gestaltet, stattdessen wird das Land nur verwaltet. Frau Merkel ist eine Bundeskanzlerin, die zwar eine Richtlinienkompetenz hat, aber keine Richtlinien vorgibt. Das unterscheidet uns.

Ist Merkel seit dem Ende der Großen Koalition 2009 eine andere Kanzlerin als vorher?

Das kann ich nicht beurteilen. Ich bin nicht der Psychologe der Kanzlerin.

Eine Große Koalition und eine rot-rot-grüne Koalition schließen Sie explizit aus. Über eine Ampel haben Sie zuletzt gesagt: "Dazu äußere ich mich erst im Lichte konkreter Wahlergebnisse." Ist eine Koalition mit den Grünen und der FDP im Notfall also denkbar?

Keine Spekulationen. Es wird sehr darauf ankommen, mit welchen Gewichten einzelne Parteien im Bundestag vertreten sind. Darüber entscheiden allein die Wählerinnen und Wähler.

Vor einigen Tagen haben Sie gesagt: Was Sie und Ihre Familie bisher im Wahlkampf erlebt hätten, gehe weit über die Belastungen hinaus, die man üblicherweise akzeptieren müsse. Wie ist Ihre Bilanz nach einem Jahr als Kanzlerkandidat: Würden Sie sich das noch mal antun?

Ja, sicher. Jeder, der Kanzlerkandidat ist, weiß, dass es in der Küche heiß ist. Diese Hitze muss ich aushalten, wenn ich Chefkoch werden will. Aber ich mache keinen Hehl daraus, dass ich erlebt habe, dass Nebensächlichkeiten und Petitessen zeitweise eine größere Rolle gespielt haben als politische Inhalte. Das reicht so weit, dass Zeitungen versucht haben, mir eine Stasi-Tätigkeit anzudichten. Und dass ich im Laufe des Wahlkampfes erpresst werden würde, hatte bislang jenseits meiner Vorstellungskraft gelegen. Damit unterstelle ich keine Kampagne von konkurrierenden Parteien. Ich halte es für ein Gebot der Fairness, das klarzustellen. Aber ein politisches Motiv muss es schon gegeben haben, dass dieser Erpresser meiner Frau diesen Brief geschrieben hat.

Sie haben derzeit bis zu vier Veranstaltungen am Tag. Wie groß ist die körperliche Belastung für Sie?

Ich bin eigentlich ganz fit. Auch wenn ich im Moment nicht dazu komme, Sport zu machen, was eigentlich erforderlich wäre. Ich habe den wahnsinnigen Vorteil, dass ich nachts immer exzellent schlafen kann. Sie können mich in die Ecke stellen und dann kann ich pennen. Das habe ich bei der Bundeswehr gelernt.

Sie werden also nicht morgens wach und erwischen sich dabei, wie Sie die Rede für den Nachmittag vorformulieren?

Nein, definitiv nicht.

Hätten Sie sich eigentlich ein zweites TV-Duell gewünscht?

Ja, ich hätte mir zwei Duelle gewünscht: eins bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten und eins bei den privaten. Dann hätten jeweils zwei Journalisten zwei Politiker befragt. Aber das wollte Frau Merkel nicht. Ich mache Herrn Raab das Kompliment, dass er die Sendung sehr belebt hat.

Vielleicht liefe das ja in vier Jahren mit Ihnen als Kanzler anders.

Ja, ich bin 2017 gerne bereit, mich meinem CDU-Herausforderer zu stellen.

Falls es am Ende nicht reicht für Rot-Grün: Was machen Sie nach dem 22. September?

Ich bin ins Gelingen verliebt. Deshalb beschäftige ich mich nicht mit Wenn-Dann-Szenarien.

Sie haben also den Tunnelblick?

Nein, das hieße ja, ich sei nicht mehr für Hinweise und Kritik empfänglich. Ich wünsche mir schon eine Umgebung, die mich gelegentlich auf den Topf setzt und mir sagt, wenn etwas falsch läuft. Boris Becker würde fragen: Wie gehen Sie mental auf den Platz? Wahlkämpfer müssen mit der richtigen Mentalität auf den Platz gehen, dann können sie das Spiel gewinnen.

Mit Peer Steinbrück sprach Christian Rothenberg

Kurz vor der Veröffentlichung bat n-tv.de Peer Steinbrück, das Interview um eine Stellungnahme zu seiner Stinkefinger-Geste aus dem Magazin der "Süddeutschen Zeitung" zu ergänzen. Die Antwort des Kanzlerkandidaten kam spät, aber sie kam. Steinbrück teilte mit:  "Das ist ein satirisches Format. Da muss man Emotionen rein legen. Die habe ich mit der Geste gezeigt. Das muss erlaubt sein."

Quelle: n-tv.de

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