Politik

Nawalny fliegt nach Russland "Wird ein schmerzhafter Tag für Putin"

Nach 149 Tagen in Deutschland kehrt Alexej Nawalny am Sonntag nach einem knapp überlebten Gift-Anschlag wieder in seine Heimat Russland zurück - und stellt Putin vor ein riesiges Problem: Wie soll er mit dem verhassten Kontrahenten umgehen? Gleich verhaften oder doch erst mal laufen lassen? Nawalnys Pressesprecher Leonid Volkow hat mit ntv über mögliche Szenarien gesprochen.

n-tv.de: Herr Volkow, wäre es nicht viel einfacher, wenn Alexej Nawalny einfach im Ausland bleibt und seine Oppositionsarbeit aus dem Exil heraus betreibt?

Volkow: Das war nie auch nur annähernd eine Option. Selbst als Alexej im Koma lag, wussten seine Freunde und Kollegen, dass er nach Russland zurückkehren würde. Das war auch eines der ersten Dinge, die er sagte, nachdem er aus dem Koma erwachte: er gehe zurück nach Russland. Man kann im Exil und unter diesen Umständen einfach kein richtiger Oppositionspolitiker sein. In Russland ist die Opposition noch nicht tot. Es gibt Länder wie Nordkorea, da kann man wirklich nur noch vom Ausland aus arbeiten. Aber das ist in Russland nicht der Fall. Wir haben politische Veranstaltungen in Russland. Und man kann die Menschen nicht zu einer Demonstration aufrufen, wenn man selbst nicht auch daran teilnimmt. Alexej gehört nach Russland. Es war für uns wirklich niemals eine Option, dass er nicht zurückkehrt.

Wie bereitet sich Herr Nawalny auf seine Rückkehr vor? Trifft er Vorsichts- und Sicherheitsmaßnahmen?

Wir wissen seit 2011, dass es immer das Risiko einer plötzlichen Verhaftung gibt. Das ist die politische Realität, in der wir leben: Wenn man ein russischer Oppositionsführer - oder auch nur ein Aktivist - ist, dann muss man immer damit rechnen, dass man gesucht oder verhaftet wird. Das ist die Normalität, in der wir leben. Alexej wurde in den vergangenen Jahren sicher zehn Mal verhaftet. Ich glaube, dass seine Rückkehr weder naiv noch besonders mutig ist. Alexej findet das einfach ganz normal.

Können Sie uns verraten, wie Nawalny seine letzten Stunden und Tage in Deutschland verbringt?

Nein, dazu geben wir keine Auskünfte.

Es gibt zwei mögliche Szenarien für Herrn Nawalnys Rückkehr: Entweder er wird noch am Flughafen verhaftet, oder die Behörden lassen ihn trotz Haftbefehl erst mal laufen.

Die Chancen stehen tatsächlich 50:50. Niemand weiß, was passieren wird. Aber was wir wissen, ist, dass beide Szenarien schlecht für Putin sind. Und genau das ist ein starkes Argument für die Rückkehr von Alexej. Sie bringt Putin in Zugzwang. Wird Alexej verhaftet, ist er der politische Gefangene Nummer eins. Dann würde jedes Treffen von Putin mit internationalen Staatschefs mit der Frage beginnen, warum Alexej Nawalny verhaftet wurde. Jeder wüsste, dass er nur unter Arrest steht, weil er es gewagt hat, den Mordversuch zu überleben und die Ermittlungen rund um den Anschlag übernommen hat. Er wäre der neue Nelson Mandela. Das wäre für Putin ein Alptraum. Verlässt Alexej den Flughafen aber als freier Mann, wird auch das für Putin zu einem Problem. Denn das würde in den Augen seiner Unterstützer Schwäche zeigen. Alexej hat ihm klar gesagt: "Du hast versucht, mich umzubringen". Nach solchen Anschuldigungen kann Putin ihn nicht einfach davonlaufen lassen, sonst wirkt es, als ob er es zugibt. Beide Szenarien sind also schlecht. Sonntag wird ein sehr schmerzhafter Tag für Putin. Und das ist gut.

Herr Nawalny wird zukünftig von Moskau aus arbeiten, Sie werden von außerhalb Russlands agieren. Wie wird Ihre Oppositionsarbeit dann aussehen?

Wir werden, egal unter welchen Umständen, unsere Arbeit fortsetzen. Im September sind in Russland Parlamentswahlen. Diese Wahlen sind für uns enorm wichtig. Die Zustimmungsraten der Regierungspartei sind auf einem Rekordtief. Wir werden diese Wahlen gewinnen. Deswegen arbeiten wir in den nächsten Monaten unter Volldampf. Wir haben ja auch unter Hochdruck an den Regionalwahlen weitergearbeitet, als Alexej gerade vergiftet wurde und im Koma lag.

Gibt es eine realistische Chance, dass Nawalny eines Tages Präsident wird?

Davon bin ich absolut überzeugt.

Bisher hatten die Vergiftung und der versuchte Mordanschlag keine spürbaren Konsequenzen. Es gab keine Ermittlungen in Russland. Wird sich das noch ändern?

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Wir wissen inzwischen alles rund um die Vergiftung. Wir wissen, welche Agenten dahinter steckten, wir kennen ihre Namen und wir wissen, wer die Befehle gegeben hat. Und genau das ist auch der Grund, warum es in Russland keine Untersuchung geben wird. Es ist einfach nicht möglich. Niemand wird die FSB-Agenten anklagen. Natürlich wird es irgendwann eine Untersuchung geben, aber das wird erst im neuen Russland der Zukunft sein, wenn Putin gegangen ist.

Mit Leonid Volkow sprach Liv von Boetticher

Quelle: ntv.de