Politik

Risikogebiet Klassenzimmer Zurück in die Schule - aber wie?

131675454.jpg

"Der Schulhof darf nicht zum Austauschort für Viren werden", warnen Wissenschaftler.

(Foto: picture alliance/dpa)

Noch sind in den meisten Ländern Ferien. Doch in Politik und Wissenschaft nimmt die Debatte um eine Abkehr von den Corona-Beschränkungen Fahrt auf. Dabei geht es um die Frage, wie viel Schule sich das Land wieder erlauben kann. Die Leopoldina hat einen Vorschlag unterbreitet. Doch es ist längst nicht der einzige.

Fangen wir mit den Dingen an, die sicher sind: Mit Beginn der kommenden Woche sind in 10 der 16 Bundesländer die Osterferien zu Ende. Im Saarland dauern sie noch eine Woche länger. Im Rest der Republik öffnen die Klassenräume in den nächsten Tagen. So zumindest sehen es die Ferienpläne vor. Doch in keinem Bundesland wird die Schule so bald wieder beginnen. Laut Statistischem Bundesamt stehen bis zu 1,1 Millionen Schüler in den nächsten Wochen vor dem Abschluss. Hinzu kommen die Abschlussklassen der beruflichen Schulen. Für sie sowie die restlichen der bundesweit fast elf Millionen Schüler geht derzeit aber kaum etwas. Abgesehen von vereinzelten Digitalangeboten ist das Land in kollektiven Corona-Ferien. Gleiches gilt für die Kitas.

Wann es wieder Unterricht in deutschen Schulen und Betreuung in Kitas und Horten geben wird, ist noch immer höchst ungewiss. Immerhin tasten sich mit der fünften Woche der Zwangspause Politik und Wissenschaft langsam an einen Plan für eine Rückkehr zu einer Art Regelbetrieb heran. Am morgigen Mittwoch wollen Bund und Länder die Ergebnisse des Lockdowns der Republik im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus und die nächsten Schritte beraten. Und damit sind die Dinge, die als gesichert gelten, auch schon beinahe erschöpfend zusammengefasst.

Auf dem Tisch liegen einige Ideen und Papiere, wie der Bildungsbetrieb wieder hochgefahren werden könnte. Den bislang weitreichendsten Vorschlag veröffentlichte die Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Daneben existiert ein Papier des Expertengremiums der Landesregierung aus Nordrhein-Westfalen sowie Einzelvorschläge. Sie alle plädieren im günstigsten Fall für einen Schulbeginn light.

Viele Ideen - wer hat das letzte Wort?

Doch schon bei der Frage, wer zuerst wieder beschult werden soll, gehen die Meinungen auseinander. Immerhin raten die Experten mehrheitlich dazu, auf Prüfungen nicht zu verzichten. Gleichwohl aber nehmen sie in Kauf, dass einige Schüler ihr Schulgebäude und Studenten ihre Universitäten bis zum Sommer wohl eher nicht mehr von innen sehen werden. Der Präsident der Berliner FU, Günter Ziegler, spricht für seine Hochschule bereits von einem Kreativsemester.

Und auch wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel angekündigt hat, dass das Leopoldina-Papier aus dem sachsen-anhaltischen Halle eine wichtige Entscheidungshilfe sein wird - wie und wann es weitergeht, ist offen. Zu unterschiedlich scheinen die einzelnen Ideen. Die Kultusminister der Länder wollen sich morgen nach der Runde der Regierungschefs mit dem Kanzleramt zusammenschalten.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) mahnt weiter eindringlich: Die Ausbreitung des Coronavirus sei noch längst nicht gestoppt. Die Experten um Präsident Lothar Wieler sehen allenfalls eine „Verlangsamung" und längst keine "Eindämmung". Immerhin, es gebe es einige positive Tendenzen bei der Entwicklung der Infektionszahlen. Zusammengefasst heißt das für die Forscher: Abstands- und Hygieneregeln seien ebenso unverändert einzuhalten wie die getroffenen Verhaltensmaßnahmen.

Dem schließen sich prinzipiell auch der Expertenrat der NRW-Regierung und die Leopoldina an. Die Hallenser knüpfen den Beginn einer allmählichen Lockerung an zusätzliche Bedingungen: So müssen sich die Neuinfektionen auf niedrigem Niveau stabilisieren, das Gesundheitssystem darf nicht überlastet sein, Infizierte müssen identifiziert und Schutzmaßnahmen diszipliniert eingehalten werden. "Der Schutz jedes einzelnen Menschen und die Ermöglichung eines menschenwürdigen Lebens stehen im Mittelpunkt allen staatlichen Handelns", heißt es in dem Papier.

Soll geprüft werden?

Ist dies gewährleistet - so schlägt es die Leopoldina vor - sollten die Bildungseinrichtungen aber "sobald wie möglich" wieder öffnen. Konkret regen die Wissenschaftler an, Grundschüler und die Sekundarstufe I als Erste wieder zu beschulen. Gerade die Jüngeren seien mehr auf persönliche Betreuung, Anleitung und Unterstützung angewiesen. Den Anfang machen sollten Schulstufen, die vor dem Wechsel in die weiterführenden Schulen stehen.

Doch auch dann kann von einem Schulbetrieb, wie er bislang üblich war, nicht die Rede sein. Es müssen die "Risiken für erneute Ansteckungen minimiert werden", fordern die Experten und empfehlen die Teilung der Klassen in Gruppen von höchstens 15 Schülern, zeitversetzten Unterricht sowie die Beschränkung auf Kernfächer. Der Rest wird als Hausaufgabe erledigt und in der Schule nur noch gemeinsam verglichen. Gemeinsame Pausen sind tabu, denn "der Schulhof darf nicht zum Austauschort für Viren werden".

Für die höheren Jahrgänge empfehlen sie die "Verknüpfungen zwischen Präsenzphasen und Unterricht auf Distanz mithilfe digitaler Medien". So könne "die Rückkehr zum gewohnten Face-to-Face-Unterricht in höheren Stufen des Bildungssystems weiter hinausgeschoben werden". An den Hochschulen solle das Sommersemester gleich ganz als "online/home-learning-Semester" zu Ende geführt werden.

Anders als die Gewerkschaften GEW und DGB aber wollen die Wissenschaftler an allen Prüfungen festhalten. "Generell gilt es, die Prüfungsmöglichkeiten auf allen Bildungsetappen aufrechtzuerhalten", schreiben sie. Vor allem, wenn am Ende der Sekundarstufe I Abschlussprüfungen anstehen. Reichlich unkonkret ist dagegen der Hinweis, "für Kinder mit Lernrückständen sind besondere Anstrengungen erforderlich", um Nachteile zu vermindern.

Doch die Älteren zuerst?

Widerspruch gegen die Pläne kommt prompt vom Philologenverband Rheinland-Pfalz. "Das ist überhaupt nicht in unserem Sinne", sagt Verbandsvorsitzende Cornelia Schwartz. "Wir müssen die Oberstufe zuerst wieder in die Schule bringen - sonst sind in ein paar Jahren keine gescheiten Abiturzeugnisse möglich." Zudem wendet sie sich gegen Empfehlungen von festen Gruppengrößen: Für 15 Schüler bräuchte man 10 mal 10,5 Meter, um den geforderten Sicherheitsabstand einhalten zu können. "So groß sind die meisten Räume nicht." Eher sollte sich die Gruppengröße nach den Klassenräumen richten.

Auch das RKI hat andere Vorstellungen. Zwar stellt es sich im Großen und Ganzen hinter die übrigen Leopoldina-Vorschläge, beim Thema Schule aber eben nicht. Die Berliner Forscher plädieren vielmehr dafür, die Schulen zuerst wieder für die höheren Jahrgänge zu öffnen. Grund sei die Annahme, dass Jugendliche Abstandsregeln besser einhalten könnten, sagt RKI-Präsident Wieler zur Begründung. Letztlich sei dies aber "eine Entscheidung der Politik". Es gebe Gründe dafür und dagegen.

Auch die Grünen wollen eher die Abschlussklassen "als Erste wieder in die Schulen" lassen. Auch die Klassen eins bis sechs sollten Priorität haben, weil die Betreuung der jüngeren Schüler besonders wichtig sei, heißt es in einem Schreiben der beiden Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck.

Und so spricht schon an dieser Stelle aus Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther eher Wunschdenken, wenn der sagt, er gehe davon aus, dass in einigen Bereichen bundesweit einheitlich vorgegangen wird - etwa bei Kitas und Schulen. Am Ende ist und bleibt Schule Ländersache.

Wie schwer ein einheitliches Vorgehen werden wird, macht Hessen deutlich. Er könne sich nicht vorstellen, dass sein Land den Weg der Leopoldina gehen werde, sagte Ministerpräsident Volker Bouffier. Denn dieser überzeuge ihn nicht in allen Bereichen.

NRW: Auch an die Lehrer denken

Weniger ausführlich aber unter ähnlichen Bedingungen plädiert derweil die NRW-Expertengruppe dafür, die Bildungsangebote so schnell wie möglich, aber nur in verantwortbarem Umfang und unter Einhaltung hoher Schutzstandards hochzufahren. Etwas gröber ist im Düsseldorfer Papier von einer Differenzierung der Lehrformate die Rede. Doch soll der Unterricht ebenfalls zeitversetzt erfolgen. Welche Jahrgangsstufen allerdings zuerst wieder ein Schulgebäude betreten, lassen sie offen. Digitalisierungsinitiativen sind zu beschleunigen. Den Hochschulen in NRW Land empfehlen die Experten nach Möglichkeit Online-Lehrveranstaltungen.

Im Präsenzunterricht sollen zunächst vorrangig jene Pädagogen eingesetzt werden, die nicht zu einer der Risikogruppen gehören, heißt es weiter. In NRW ist laut Statistischem Bundesamt gut ein Drittel der Lehrer älter als 50 Jahre und gut jeder Achte bereits über 60 Jahre alt. Bundesweit ist die Lage ähnlich. Und bei den Erziehern dürfte es nicht viel anders aussehen. Da sind Vorerkrankungen nicht zwingend eingerechnet.

Und so fordert die Bildungsgewerkschaft GEW, dass Pädagogen aus Risikogruppen weiter daheim bleiben. Auch Schüler mit Vorerkrankungen gelte es zu schützen. Zudem knüpft die Gewerkschaft ein teilweises Hochfahren des Bildungsbetriebs an weitere Bedingungen - vor allem an einen wirksamen Gesundheitsschutz. Dazu gehören auch notwendige Sicherheitsabstände zwischen allen Beteiligten. Die weiteren Forderungen sind so banal wie traurig in der Notwendigkeit, auf sie hinweisen zu müssen: Es braucht eine regelmäßige Reinigung der Einrichtungen, sanierte Toiletten, Flüssigseife, warmes Wasser, Einmalhandtücher und Desinfektionsmittel.

Kitabetrieb nur "sehr eingeschränkt"

Nur "sehr eingeschränkt" sollte der Leopoldina-Handreichung zufolge derweil der Betrieb in Kindertagesstätten wieder aufgenommen werde - und zwar mit den Kindern, deren Einschulung absehbar ist. Auch hier sollen die Gruppen klein sein - höchstens fünf Kinder pro Raum. Für alle anderen solle es beim bereits bestehenden Notbetrieb bleiben, und zwar bis zu den Sommerferien. Gleiches gelte für Horte. Zur Sicherheit appellieren die Wissenschaftler an Politik und Arbeitgeber "berufstätige Eltern weiterhin durch eine sehr flexible Handhabung von Arbeitszeiten und -orten sowie finanziell" zu unterstützen.

Die Grünen wollen derweil, dass die Kitas "schrittweise geöffnet werden" - erst für Kinder mit einem Elternteil in sogenannten systemrelevanten Berufen, dann auch für andere, vor allem an Orten mit geringen Infektionszahlen. Sowohl für Schüler als auch Kita-Kinder schlagen die beiden vor, Gruppen aufzuteilen, um sie zu verkleinern.

Und wie wird es nun weitergehen? Auf jeden Fall nicht schnell. "Ich halte es für ausgeschlossen, dass schon am kommenden Montag Schulen und Kitas wieder regulär öffnen", sagt Nordrhein-Westfalens Familienminister der "WAZ". Mit den Kitaträgern werde über einen Stufenplan gesprochen und ein "Maßnahmenkatalog" mit Hygieneregeln vorbereitet. Derzeit werde überlegt, diese dann mit älteren Kindern einzuüben und danach jahrgangsweise zu erweitern. "Eventuell könnten wir Ende des Monats damit beginnen, aber nur unter der Voraussetzung, dass die Umsetzung der Hygienemaßnahmen bis dahin gewährleistet werden kann", sagt er. Oder wie es RKI-Chef Wieler formuliert: Vieles ist ein Ausprobieren.

Quelle: ntv.de