Dossier

Weimarer Verfassung Ebert unterzeichnete im Urlaub

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Ein Gedenkstein erinnert im thüringischen Schwarzburg an die Unterzeichnung der Weimarer Verfassung durch den damaligen Reichspräsidenten Friedrich Ebert am 11. August 1919.

(Foto: dpa)

Seit Jahren wird im südthüringischen Schwarzburg um den 11. August herum der Weimarer Verfassung gedacht. Es gibt ein großes Fest, und die Bürger kommen gerne, obwohl viele nicht genau wissen, was es zu feiern gibt. Denn der Grund für die jährliche Würdigung liegt nicht am besonderen Demokratiebewusstsein der Einwohner des Ortes, der malerisch im Thüringer Waldes liegt. Er ist vielmehr dem Zufall geschuldet: Reichspräsident Friedrich Ebert unterzeichnete hier vor 90 Jahren, am 11. August 1919, die Weimarer Verfassung und gründete damit die erste Demokratie auf deutschem Boden. Damals außerdem ganz still und leise - ohne Festakt.

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Ein zeitgenössisches Foto zeigt Friedrich Ebert, der vor fast 90 Jahren an gleicher Stelle einen Blick über das Schwarzatal wirft.

(Foto: dpa)

Dass auf dem Papier der Name des 600-Seelen-Ortes prangt, liegt nicht an einer wohlüberlegten Entscheidung der Nationalversammlung. "Der Grund ist viel banalerer Natur", sagt Walter Mühlhausen, Geschäftsführer der Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg: "Ebert machte in Schwarzburg mit seiner Familie Sommerurlaub." Er wählte den Ort nicht nur wegen der Nähe zu Weimar, sondern auch, weil ihn der Thüringer Wald an das Neckartal rund um seine Heimat Heidelberg erinnerte.

"Kuriose Situation"

"Das war für den kleinen Ort schon ein großes Ereignis", erzählt Kristine Glatzel vom örtlichen Schlossverein. Doch ein gern gesehener Gast war Ebert wohl nicht. Denn die Schwarzburger - schon immer obrigkeitstreu - verdienten lange ihre Brötchen bei den Fürsten, die hier residierten. Günther Victor hatte erst ein Jahr zuvor abgedankt, als letzter deutscher Fürst überhaupt. "Eine kuriose Situation", sagt Glatzel. "Ausgerechnet hier knallen Ende der Monarchie und Anfang der Demokratie so hart aufeinander."

Immer wieder muss sich der Sozialdemokrat von der Bevölkerung verspottet gefühlt haben, wenn er bei seinen Wanderungen frisch platzierte Wegweiser "Zur Sattlerei" erblickte. "Das war eine Anspielung auf seine einfache Herkunft und Sattlerlehre", erklärt Geschichtsprofessor Hans-Werner Hahn von der Friedrich-Schiller- Universität Jena.

Im idyllischen Schwarzburg hat Ebert auch kaum die erhoffte Ruhe gefunden. Von den teils bürgerkriegsähnlichen Zuständen konnte er sich nicht abschotten. Oft hörte er "Getöse kleiner Feuergefechte in den umliegenden Wäldern", berichtet die damalige "Deutsche Journalpost". "Sie mahnen den Reichspräsidenten daran, dass da draußen im Reiche noch nicht alles so friedlich ist, wie er es sich manchmal wünschen mag."

Staatsgeschäfte gingen weiter

Auch die Staatsgeschäfte konnten nicht ganz ruhen. Mehrfach kamen Minister aus Weimar zu Kabinettssitzungen. "Schwarzburg war zeitweise Regierungssitz", sagt Glatzel. Vor dem Portal des Hotels "Weißer Hirsch" standen dann zwei Wachen der 13-köpfigen Schutztruppe, die Ebert in den Thüringer Wald begleitete.

Von der Verfassungsunterzeichnung selbst ist nicht einmal der genaue Ort bekannt. Entweder war es im "Weißen Hirsch", wo Ebert speiste, oder in dessen Gästehaus "Schwarzaburg", wo er nächtigte. Der Sohn des Wirts will gesehen haben, wie Ebert mit Ministern im Jägerzimmer des "Weißen Hirsch" die Verfassung unterschrieb. Auf dem Tisch sei ein großer Tintenfleck entstanden. Diesen hätte er am liebsten ausgeschnitten, in der Hoffnung, das historisch befleckte Holz mache ihn einmal reich. Doch die Mutter habe es verboten.

Heute, 90 Jahre nach der Unterzeichnung, erinnert ein Gedenkstein und eine Gedenktafel an den geschichtsträchtigen Akt. Das Grundproblem für das Gedenken ist aber das schlechte Image der Weimarer Republik, die als Türöffner für den Nationalsozialismus angesehen wird. "Zu Unrecht", findet der Leiter der Thüringer Friedrich-Ebert-Stiftung, Dietmar Molthagen. Die Verfassung selbst sei wegweisend gewesen. "Es gab aber schlichtweg zu wenige Demokraten, die das neue System leben wollten. Und ohne Demokraten kann man keine Demokratie begründen."

Quelle: n-tv.de, Christian Wiesel, dpa