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Fußball-EM in der Ukraine Ein Boykott bringt nichts

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Boykottieren oder nicht boykottieren? Der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch.

(Foto: REUTERS)

Wenige Wochen vor dem Beginn der Fußball-Europameisterschaft wird die hässliche Seite der Ukraine wahrgenommen. Die Rufe nach einem Boykott werden lauter. Das ist verständlich und gut gemeint, zugleich aber völlig nutzlos. Präsident Janukowitsch ist Kritik herzlich egal.

Die Fußball-Europameisterschaft rückt näher, und plötzlich wird um das Co-Gastgeberland Ukraine diskutiert. Dabei geht es ausnahmsweise nicht um den Zustand der Stadien oder die Wucherpreise für Hotelzimmer. Stattdessen wird aufgeregt darüber gestritten, ob Präsident Viktor Janukowitsch oder am besten gleich die ganze EM boykottiert gehört. Bundespräsident Joachim Gauck hat die Frage für sich bereits beantwortet und eine Reise in das Gastgeberland abgesagt.

Boykottieren oder nicht boykottieren, das die Frage. Doch im Grunde ist es völlig egal, wer in die Ukraine reist und wer nicht dorthin fährt. In dem Land wird sich gar nichts ändern, nur weil der Bundespräsident zu einem Treffen von Staatsoberhäuptern nicht erscheint. Natürlich setzt man damit ein Zeichen. Dieser Schritt mag richtig sein, denn auch Gesten zählen. Das ist alles schön und gut – in der Ukraine bleibt aber alles beim Alten.

Zugegeben, möglicherweise wird es eine Ausnahme geben: Julia Timoschenko wird vielleicht zur Behandlung ins Ausland gelassen. Das wäre der ehemaligen Premierministerin sicherlich zu wünschen, doch erreicht wäre damit so gut wie nichts. Janukowitsch säße womöglich noch fester im Sattel und müsste sich nicht mehr mit diesem Thema herumärgern. Wahrscheinlich gefällt er sich in der Pose des kompromissbereiten, großzügigen Staatenlenkers – und wird seine Gegner weiterhin unerbittlich bekämpfen.

Dazu kommt, dass die Fokussierung auf Timoschenko ein ganz großes Problem ist. Woher ihr Millionenvermögen kommt, ist ungeklärt. Kein Zweifel: Die Inhaftierung ist politisch motiviert. Aber eine Ikone von Demokratie und Rechtstaatlichkeit ist die Gasprinzessin auf keinen Fall.

Politischer Boykott kann ein wirkungsvolles Symbol sein. Doch macht er keinen Sinn, wenn durch ihn Veränderungen erzwungen werden sollen. Janukowitsch wird sich sicherlich nicht zu Tode grämen, wenn er alleine auf der Tribüne thront. Außerdem wird ihm zumindest Wladimir Putin gelegentlich Gesellschaft leisten. Und Uefa-Chef Michel Platini muss das schon von Amts wegen tun.

Es geht ums Geld

Es war ein großer Fehler, die EM in der Ukraine stattfinden zu lassen. Die Uefa sieht das natürlich anders. Bei der Vergabe habe ja die Hoffnung bestanden, das Land könne eine demokratische Entwicklung nehmen. Andere Befürworter argumentieren, nun rückten die Schattenseiten des Regimes ins grelle Licht der Weltöffentlichkeit. Na und? Wie es um die Ukraine bestellt ist, ist schon lange bekannt. Über den Fall Timoschenko wird im Ausland intensiv berichtet. Janukowitsch lässt sich davon nicht beeindrucken, warum sollte er auch? Hat sich in China irgendetwas politisch nach den Olympischen Spielen verändert? Zum Besseren jedenfalls nicht.

Sportliche Großereignisse werden doch nicht vergeben, um den Kampf für Demokratie, Rechtstaat und Menschenrechte voranzutreiben. Sie werden allein wegen des lieben Geldes vergeben. Daher ist es skurril, wenn DFB-Boss Wolfgang Niersbach von der "völkerbindenden, integrativen Kraft" des Sports schwärmt. Oder wenn Innenminister Hans-Peter Friedrich von dem "fairen Wettbewerb der Jugend" spricht. Das klingt so, als ob heranwachsende Jungs aus der ganzen Welt in die Ukraine reisen, um gegeneinander zu kicken und sich auf das abendliche Lagerfeuer mit Gitarrenmusik und gemeinsamen Liedern freuen. Das ist eine schräge Sicht auf die Lebenswirklichkeit eines hochprofessionellen Superstars wie Christiano Ronaldo.

Es geht doch bei der Vergabe der Fußball-EM nicht um die Hoffnung auf eine bessere Welt, sondern allein ums Geschäft. Das ist völlig in Ordnung, nur sollte man dazu auch stehen. Die EM wird die Ukraine nicht zum Besseren verändern. Es gibt allerdings etwas, das Janukowitsch ernsthaft in Schwierigkeiten bringt: die Wirtschaft. Der Ukraine geht es ökonomisch so dreckig, dass sich der Präsident langsam Sorgen machen muss - zumal im Oktober Parlamentswahlen anstehen. Tunesien, Ägypten und Libyen haben sich weder durch Boykotte noch durch die vermeintlich hehre Kraft des Sports verändert. Die Verzweiflung der Bevölkerung war der Grund.

Quelle: ntv.de

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