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Baerbock als Kanzlerkandidatin Ein letzter Zweifel bleibt

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Sie soll nach der Wahl für die Grünen im Kanzleramt sitzen: Annalena Baerbock.

(Foto: dpa)

Mit einer Einzelabstimmung über ihre Kanzlerkandidatur hätte sich Annalena Baerbock auf dem Grünen-Parteitag freischwimmen können von jedem Zweifel, der zuletzt an ihrer Eignung aufgekommen sein mag. Doch die ungeschickte "Paketlösung" beim Votum mit Habeck hat das verhindert.

Mit 98,5 Prozent schicken die Delegierten auf dem Parteitag der Grünen ihr Spitzenduo in den Wahlkampf - ein Ergebnis, das sich sehen lassen kann nach den Tiefschlägen der vergangenen Wochen. An Rückhalt aus den eigenen Reihen mangelt es den beiden Parteivorsitzenden sicher nicht. Das Ergebnis aber allein als Bestätigung für Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin zu vermarkten, wäre unredlich - und es würde am Ende nur dem politischen Gegner nützen.

Die K-Frage wurde nicht in einem separaten Wahlgang zur Abstimmung gestellt, sondern in einer Art "Paketlösung" mit dem Votum über das Spitzenduo Habeck/Baerbock verbunden. Das macht die Interpretation des Ergebnisses schwierig. Wäre die Zustimmung auch so eindeutig ausgefallen, wenn sich Baerbock allein zur Wahl gestellt hätte? Daran bleibt nun ein letzter Zweifel. In einem Wahlkampf gegen die Grünen, der derzeit vor allem auf dem Rücken von Baerbock ausgetragen wird, hätte der Kanzlerkandidatin ein klares Votum ihrer Partei nur helfen können. Doch diese Chance wurde verspielt.

Zwar betont die Parteiführung, dass der Entschluss zu einer gemeinsamen Abstimmung über Spitzenduo und Kanzlerkandidatur bereits am 19. April - also kurz nach der Nominierung von Baerbock durch den Vorstand - getroffen wurde. Doch im Lichte der jüngsten Entwicklung kann dieser Schritt eben auch wie ein Trick wirken, um eine mögliche Klatsche für Baerbock bei der Abstimmung zu verhindern. Das ist auch deshalb ungeschickt, weil es eine solche Blamage sehr wahrscheinlich überhaupt nicht gegeben hätte. Selbst hinter vorgehaltener Hand ist innerhalb der Partei kaum etwas Schlechtes über Baerbock zu hören. Ihre Fehler sind offenbar abgehakt.

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Den politischen Gegnern der Grünen spielt die Art der Abstimmung dennoch in die Karten. Sie können nun fragen, ob der große Rückhalt, der aus den Zahlen spricht, nicht eher Habeck gilt - und das zu Recht. Während sich Baerbock angesichts einer ganzen Reihe von Patzern in den letzten Tagen vorm Parteitag eher rar gemacht hat, trat Habeck die Flucht nach vorn an - galt für einige inzwischen sogar wieder als der bessere Kandidat. Auch für seine Rede am Freitag erhielt der Co-Parteichef breites Lob.

Natürlich fällt es ihm leichter, sich gut zu verkaufen. Er steht weder unter dem Druck der Kanzlerkandidatur noch allwöchentlich im Shitstorm. Dass sein Formhoch zum 98,5-Ergebnis beigetragen hat, ist trotzdem gewiss. Die Frage ist nun, ob seine Performance auch eine Zustimmungsdelle für Baerbock überdeckt hat. Für die Grünen mag das keine Rolle spielen. Sie hätten es ohnehin lieber gesehen, wenn sie die Spitzenkandidatur nicht einer Einzelperson hätten übertragen müssen. Doch so unfortschrittlich es für einige klingen mag: Es kann nur eine(r) Kanzler(in) werden.

Quelle: ntv.de

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