Politik

Wellenbrecher im Baerbock-Sturm Plötzlich ist Habeck der gefeierte Mann

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Eine Geste der Freundschaft nach seiner Rede: Annalena Baerbock und Robert Habeck klatschen sich ab.

(Foto: dpa)

Im Rennen um die Kanzlerkandidatur der Grünen zog er den Kürzeren - nun erweist sich Robert Habeck als wichtigster Mann für den Wahlkampf. Der Co-Parteichef muss verhindern, dass grüne Themen im Dauerfeuer um Baerbock untergehen.

Robert Habeck mag Wetteranalogien. Sie passen gut zu seiner Herkunft - auch seiner politischen. "Seit drei Wochen stehen wir im Gegenwind", sagte Schleswig-Holsteins früherer Umweltminister bei seiner Parteitagsrede am Freitag. Was er damit meinte, sind die anhaltenden Attacken des politischen Gegners - nicht nur die berechtigten, auch die unlauteren. Selbstverschuldete Fehler wurden zur Steilvorlage: Ungenauigkeiten im Lebenslauf von Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock verspielten Vertrauen, und die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt brachte nicht den erhofften Schub für den Wahlkampf. Stattdessen wanden sich die Grünen in einer unglücklich kommunizierten Debatte um Spritpreise. Das hat viel Energie gekostet, die an anderer Stelle nötiger gewesen wäre.

Für Habeck sind es jedoch keine verlorenen Wochen. Der Unterlegene im Rennen um die Kanzlerkandidatur hat seine neue Rolle in der Partei gefunden: der Wellenbrecher im Sturm. Als vergangene Woche neben Kritik auch allerlei Häme auf Baerbock niederging, hielt ihr Habeck die meisten unangenehmen Pressetermine vom Leib. Er hörte sich Vorwürfe der Unprofessionalität an, er räumte Fehler ein, er versprach Besserung. All das, obwohl ihn die Verfehlungen nicht direkt betrafen. Man kann sich vorstellen, welch ein Maß an Disziplin das gekostet haben muss. Co-Parteichefin Baerbock hingegen blieb erst einmal stumm - womöglich um sich selbst zu sortieren, vielleicht aber auch, weil sie ihren Kritikern nicht noch mehr Futter liefern wollte.

Die Strategie, auf diese Weise die Wogen zu glätten, hatte einen unerwünschten Nebeneffekt: Kurz vor dem Parteitag, auf dem sich Baerbock nun als Kanzlerkandidatin von der Basis bestätigen ließ, machten Gerüchte die Runde, sie könnte sich doch noch zurückziehen und Habeck die Kandidatur überlassen. Die Journalistin Bettina Gaus legte Baerbock den Rückzug im "Spiegel" sogar offen nahe. Es sei bereits zu viel Porzellan zerschlagen. Nur Habeck könne den Wind noch drehen. Dabei galt gerade er wegen der eigenen Fettnäpfchen-Liste doch eigentlich als die unsichere Wahl. Zumindest aus der Partei selbst ist allerdings kein Wort des Zweifels an der Kanzlerkandidatin zu hören. Auch Habeck selbst glaubt offenbar nicht, dass ein Wechsel eine gute Idee wäre.

"Führungskultur ist unsere Stärke"

Seine Rede am Freitag adressierte er - etwas überraschend - nicht an die Basis, sondern an die Deutschen. Habeck duzte nicht, er siezte. "Solidarität und Kameradschaft beweisen sich nicht dann, wenn die Sonne scheint - sondern genau dann, wenn jemand im Regen steht", erklärte der Co-Vorsitzende. Wer möchte, kann darin natürlich durchaus eine Aufforderung an die Parteimitglieder herauslesen, sich gerade jetzt hinter Baerbock zu versammeln. Doch weil beide Vorsitzenden quasi im Paket zur Abstimmung gestellt wurden, ist es schwer zu beurteilen, wie stark der Rückenwind allein für die Kanzlerkandidatin noch ist und wie viele der Lorbeeren an Habeck gehen. Noch vor anderthalb Jahren wurde Baerbock in Bielefeld mit starken 97,1 Prozent als Parteivorsitzende im Amt bestätigt. Habeck kam damals auf 90,4 Prozent Zustimmung.

Dieses Mal erreichen beide zusammen 98,5 Prozent, das ist zweifellos ein beachtlicher Wert. Dass die Frage der Kanzlerkandidatur mit dem allgemeinen Rückhalt fürs Spitzenduo verknüpft wurde, ist dennoch ungewöhnlich. Dem Eindruck, dass Habeck im Baerbock-Sturm als Blitzableiter auch für innerparteiliche Kritik dienen soll, widerspricht die Parteiführung allerdings ganz vehement. Der Entschluss, beide in einem Wahlgang zur Abstimmung zu stellen, sei schon getroffen worden, als die Umfragen für die Kanzlerkandidatin noch wesentlich besser aussahen, sagte Bundesgeschäftsführer Michael Kellner im Vorfeld des Parteitags. "Unseren Team-Gedanken aufzugeben, wäre ein schwerer Fehler gewesen", so Kellner. Eine Stärke der Grünen sei schließlich ihre Führungskultur.

Habeck muss für Inhalte werben

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Tatsächlich könnte sich die Duo-Konstellation im Wahlkampf der Grünen noch als großer Vorteil erweisen. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass die teils irrationalen Debatten um Annalena Baerbock abebben werden, ist gering - ganz im Gegenteil. Allein die Empörungswelle über die Anti-Baerbock-Werbeanzeige des Lobbyverbands INSM ist dafür der beste Beweis. Die Kanzlerkandidatin ist in konservativen Kreisen zur Reizfigur geworden. Im Moment steckt sie in der Defensive. Wahlkampf für grüne Positionen zu machen, ist in dieser Situation einigermaßen undankbar. Diese Aufgabe könnte nun Habeck übernehmen. Schon seine Versuche, die Partei in der Debatte um die Erhöhung des CO2-Preises aus der Verbotsfetischisten-Ecke herauszuholen, fanden in der Öffentlichkeit zumindest Gehör - auch wenn sie noch kein Befreiungsschlag waren.

Dass Habeck den Wahlkampf im wiederholten Ernstfall erneut auf die Sachebene zurückholen könnte, macht ihn aktuell zum wichtigsten Mann für die Grünen, die sich so gar nicht gefallen in der Opferrolle. Aus ihr herauszufinden, ist nicht nur psychologisch wichtig. Es könnte der Partei auch neuen Schub geben. Denn was im Schatten der Diskussionen um Baerbock beinahe unterzugehen droht, ist die Tatsache, dass bisher nahezu alle umstrittenen Änderungsanträge zum grünen Wahlprogramm - von der Vergesellschaftung der Immobilienkonzerne über das 70er-Tempolimit auf Landstraßen bis hin zur Mindestlohnerhöhung auf 13 Euro - ganz im Sinne der Parteiführung abgelehnt wurden. Zumindest in diesen Punkten drohen den Grünen keine neuen Sturmschäden.

Quelle: ntv.de

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