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Merz sät Zwietracht und Zweifel Erst ich, dann die Partei, dann das Land

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Friedrich Merz sieht sich als Vertreter der Basis und setzt darauf, dass diese ihn nun an die Parteispitze katapuliert.

(Foto: picture alliance/dpa)

Das Vorgehen des Kandidaten Merz passt so gar nicht zur CDU. Mit seinen Verdächtigungen und Andeutungen delegitimiert er den nächsten CDU-Vorsitzenden, wenn dieser nicht Merz heißen sollte.

Am Morgen im Frühstücksfernsehen, am Abend in den Spätnachrichten, dazwischen ein Zeitungsinterview: Friedrich Merz meint es ernst. Seine Botschaft: Es gebe "beachtliche" Teile des Partei-Establishments, "die verhindern wollen, dass ich Parteivorsitzender werde". An wen er da denkt, sagt Merz nicht, so rebellisch ist er dann doch nicht. Die Frage der "Welt", ob er mit "Establishment" das Kanzleramt meine, lässt er offen, und auch am Abend sagt er nur, dass das ja jeder wisse.

Zur CDU passt dieses Vorgehen so gar nicht. Die Partei heißt nicht umsonst Union. Sie versteht sich als Sammelbecken, als innerparteiliche Koalition mit eingebauter Konsensfindung, und sie war damit meist sehr erfolgreich. Derzeit übrigens auch.

Der "Welt" sagt Merz, er habe "ganz klare, eindeutige Hinweise darauf, dass Armin Laschet die Devise ausgegeben hat: Er brauche mehr Zeit, um seine Performance zu verbessern". Aber irgendwie geht die Gefahr nicht nur vom nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten aus, Laschet und Norbert Röttgen sind selbst Ziel der Verschwörung, wie Merz raunend andeutet: "Alle drei Kandidaten sollen zerschlissen und ermüdet werden, um dann möglicherweise in letzter Sekunde einen Überraschungskandidaten zu präsentieren. Das wird ja auch systematisch so vorbereitet." Am Abend wird klar, dass Merz bei solchen Überlegungen an Gesundheitsminister Jens Spahn denkt. Vor ihm scheint er Angst zu haben, seiner Kandidatur will er zuvorkommen.

Dass Merz zumindest in Grundzügen mit seinen Vorwürfen recht hat, ist durchaus möglich. Weder Bundeskanzlerin Angela Merkel noch die Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer gehören zum Kreis der Merz-Fans in der Union. Es könnte aber auch sein, dass er sich gewaltig vergaloppiert hat. Auch blendet er aus, dass der CDU-Vorsitzende nicht von der Basis gewählt wird, sondern von den 1001 Delegierten des CDU-Parteitags. Unter denen dürfte es für Laschet sehr viel besser aussehen als in den Umfragen.

Wie dem auch sei: Streit unter den Parteioberen mögen die Mitglieder keiner Partei, vor allem jedoch nicht die der CDU. Die Partei ist häufig als Kanzlerwahlverein verspottet worden, dabei war das eine ihrer zentralen Stärken: Einigkeit auch in schwierigen Zeiten. Als das nicht mehr klappte, in den Jahren ab 2015, nach der Flüchtlingskrise, stürzten CDU und CSU in den Umfragen prompt und nachhaltig ab. Ausgerechnet Merz, der mal angetreten war, die AfD zu halbieren, scheint nicht verstanden zu haben, dass innerparteiliches Polarisieren ein sicheres Rezept für Misserfolg ist.

Aber es ist noch viel schlimmer. Mit seinen Verdächtigungen und Andeutungen delegitimiert Merz den nächsten CDU-Vorsitzenden, wenn dieser anders heißen sollte als Merz. Nicht nur das erinnert an Donald Trump, der das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen in den USA nur dann akzeptieren will, wenn er der Sieger ist. Auch die Pose, gegen das Establishment anzutreten, obwohl man selbst dazugehört, ist als Parallele nicht zu übersehen.

Natürlich wirkte es unprofessionell, dass die CDU am Montag keine klare Alternative zum abgesagten Parteitag bieten konnte. Dieser Fehler verschwindet jedoch hinter der rhetorischen Randale des Kandidaten Merz. Der übrigens nach eigener Aussage noch am Sonntag glaubte, ein Präsenzparteitag sei kein Problem – und das mitten in einer Pandemie bei steigenden Fallzahlen und immer strikteren Corona-Regeln. Merz' Wahlspruch derzeit scheint zu lauten: erst ich, dann die Partei, dann das Land.

Mit seinen Verdächtigungen sät er Zwietracht und Zweifel. Keine guten Voraussetzungen, um eine Partei erfolgreich in einen Wahlkampf oder gar in eine Regierung zu führen. Egal wie die Sache ausgeht, die CDU wird beschädigt zurückbleiben.

Quelle: ntv.de

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