Kommentare

Willkommen in Deutschland? Jubelt lieber nicht zu früh

328E4C00B531F266.jpg2815391030654676013.jpg

(Foto: AP)

Die Willkommenskultur des Jahres 2015 erinnert viele an die Euphorie nach dem Fall der Mauer. Doch damals hielt die gute Laune nicht lange an. Machen wir es dieses Mal besser?

Seit Monaten strömen Flüchtlinge ins Land, die Turnhallen und Kasernen sind voll, der Markt für Wohncontainer leergefegt. Trotzdem propagiert die offizielle Bundesrepublik eine Willkommenskultur. "Wir nehmen euch mit offenen Armen auf", ruft der Kanzleramtsminister den Geflüchteten zu.

Die Rede ist nicht vom Spätsommer 2015, sondern vom Herbst 1989. Ein paar Wochen später fiel die Mauer, Ost und West lagen sich in den Armen. An solche Szenen fühlen sich Politiker und normale Bürger erinnert, wenn sie an die Flüchtlinge denken, die heute nach Deutschland kommen. Und natürlich, die Bilder gleichen sich: Die Münchner, die Flüchtlinge am Bahnhof ihrer Stadt mit Applaus begrüßten, haben sogar die nüchterne Bundeskanzlerin "ein Stück weit stolz" gemacht.

So unterschiedlich die Fluchtbewegungen und die Flüchtenden von damals und heute sind, die Erfahrung von damals hält eine Lehre bereit: Euphorie kann rasch verfliegen. Genau das passierte vor 25 Jahren. Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit sorgten dafür, dass die "Brüder und Schwestern aus der DDR" zunehmend als Eindringlinge empfunden wurden. "Das Fass läuft über", überschrieb der "Spiegel" einen Artikel im September 1989, also noch vor dem Mauerfall. Im Januar 1990 titelte das Nachrichtenmagazin: "Massenflucht in die Bundesrepublik: Gefahr für den Wohlstand?" Flüchtlingsheime für DDR-Bürger wurden seinerzeit nicht angezündet. Aber im Juni 1990 prangte an der löchrig gewordenen Mauer zwischen Brandenburger Tor und Reichstag folgender Spruch: "Ostler, ihr Schweine, verpisst euch".

Rein quantitativ sind die Flüchtlingszahlen von damals mit denen von heute durchaus vergleichbar. 1989 kamen knapp 350.000 Übersiedler, wie die Flüchtlinge aus der DDR genannt wurden, für 1990 erwartete die Bundesregierung eine halbe Million. Diese Zahl wurde nur deshalb nicht erreicht, weil das Notaufnahmeverfahren für Übersiedler zum 1. Juli 1990 ersatzlos gestrichen wurde. Wer danach von Ost nach West zog, erhielt keine Hilfe mehr (und wurde nicht als Flüchtling erfasst).

In Bremen bekamen DDR-Bürger schon im März 1990 kein Notquartier mehr zugewiesen, sondern einen Zettel in die Hand gedrückt. Auf dem wurden sie aufgefordert, in ihre Heimat zurückzukehren. Die Einheit wurde dann von den meisten Westdeutschen bestenfalls mit Desinteresse aufgenommen. 15 Jahre nach dem Mauerfall waren 60 Prozent von ihnen noch nie oder nur selten im Osten gewesen.

Daran sollte man denken, wenn man heute "ein Stück weit" stolz auf die Willkommenskultur ist. Heute kommen nicht Menschen nach Deutschland, die deutsch aussehen und sprechen, sondern Flüchtlinge aus fremden Ländern, die umso mehr auf Hilfe und nachhaltige Solidarität angewiesen sind. "Teilen im anonymen Kollektiv gehörte noch nie zu jenen Fähigkeiten, die bei den Bundesbürgern besonders ausgeprägt waren", schrieb der "Spiegel" im Januar 1990. Es wäre schön, wenn wir es dieses Mal besser machten.

Quelle: ntv.de