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Echte Arbeit gegen richtiges Geld Mindestlohn für alle - auch für Studenten

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Für alle soll der Mindestlohn gelten, nicht nur für bestimmte Gruppen.

dpa

Studenten brauchen keinen Mindestlohn, sie haben ja schon Bafög. So argumentiert Arbeitsrechtler Volker Rieble. Der Blick auf das Studentenleben zeigt jedoch etwas anderes.

Alle Studenten in Deutschland leben von Bafög. Und sie bekommen so viel Geld, dass sie leben wie Gott in Frankreich. Arbeiten müssen sie nicht, außer sie wollen noch mehr Luxusartikel und noch mehr Geld. Deswegen sollten Studenten auch vom Mindestlohn ausgeschlossen werden. So jedenfalls könnte man Volker Rieble verstehen.

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Volker Rieble ist für eine Ausnahmeregelung beim Mindestlohn.

(Foto: picture alliance / dpa)

Es müsse Ausnahmen von der gesetzlichen Regelung geben, erklärt der Arbeitsrechtler im Interview mit n-tv.de. Im Besonderen bezieht er sich dabei auf Studenten und Rentner. "Studenten brauchen keinen Mindestlohn, denn sie bekommen ja Bafög." Davon würden sie leben. Ach so? Weiter führt er aus: Durch einen Nebenjob - der anscheinend durchaus mit weniger als 8,50 Euro bezahlt werden darf - würden Studenten ihren Bafög-Satz nur ein bisschen aufrunden. Aha.

Offensichtlich hat Herr Rieble keine Ahnung von der wirklichen finanziellen Situation von Studenten. Es soll ja auch Studenten geben, die sich selbst finanzieren. Das ist auch kein geringer Anteil. Laut den Zahlen des Statistischen Bundesamts beziehen nur rund 27 Prozent der Studenten Bafög. Und bei dem Rest macht Papi immer schön regelmäßig den Geldbeutel auf? Wohl eher nicht. Es ist höchst unrealistisch zu glauben, dass die Eltern der übriggebliebenen 73 Prozent allesamt Großverdiener sind. Oder anders gesagt: Die Selbstfinanzierung von Studenten ist oft eine existenzielle Notwendigkeit.

Studenten wollen Unabhängigkeit

Außerdem gibt es auch Studenten, die nicht von Bafög leben wollen, weil sie ungern Schulden machen. Die Hälfte des Bafög-Geldes müssen Studenten nach der Ausbildung nämlich wieder zurückzahlen. Viele liegen dem Staat bewusst nicht auf der Tasche, arbeiten gern und sind auch stolz darauf, alles parallel stemmen zu können. Sowieso möchte man als Student endlich unabhängig sein, für sich selbst sorgen, seinen eigenen Weg gehen, ohne alle zwei Wochen den Bettel-Anruf nach Hause tätigen zu müssen. Und überhaupt: Wie viele normal verdienende Eltern können einen weiteren erwachsenen Menschen finanzieren?

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Selbst wenn man als Student beim Discounter einkauft, ist es dennoch teuer, den Lebensunterhalt zu bestreiten.

(Foto: picture alliance / dpa)

Miete, Essen, Studiengebühren, Krankenkasse, Anschaffen von Büchern, Laptop etc. Die Liste ist noch längst nicht zu Ende. All das kostet viel Geld und auch Studenten bezahlen für ein Stück Butter beim Discounter 1,29 Euro. Vielleicht, ganz vielleicht, wenn am Monatsende noch etwas übrig ist, dann leistet man sich auch mal einen Kaffee in der Cafeteria. Und wenn ab dem 25. Lebensjahr das Kindergeld wegfällt, muss sowieso komplett neu kalkuliert werden.

Das müsste Herr Rieble als Professor eigentlich wissen, immerhin hat er tagtäglich mit Studenten zu tun. Zusätzlich steht hier die Ethik-Frage im Raum: Ist es in Ordnung, bestimmte Gesellschaftsgruppen von einer ebenso wichtigen wie richtigen Maßnahme, wie dem Mindestlohn, auszuschließen? Wohl eher nicht. In Deutschland gilt laut Verfassung das Gleichbehandlungsgrundsatz. Wenn der Mindestlohn nun nur bestimmten Gesellschaftsgruppen zugesprochen werden sollte, wäre diese Ausnahmeregelung schlichtweg verfassungswidrig. Mal ganz davon abgesehen: So unglaublich viel Geld sind 8,50 Euro pro Stunde auch gar nicht.

"Praktikanten sind keine richtigen Arbeitnehmer"

Auch beim zweiten wichtigen Punkt, den Herr Rieble anspricht, darf man stutzig werden. Er sagt: "Bei Auszubildenden oder Praktikanten geht es ja nicht um richtige Arbeitnehmer. Bei Volontären, Praktikanten und Azubis steht der Ausbildungszweck im Vordergrund und nicht der Leistungszweck. Der Mindestlohn sollte nur für Arbeitsverhältnisse gelten, in denen Arbeit gegen Geld getauscht wird." Aha. Was wird denn dann getauscht? Leisten Studenten und Rentner als Arbeitnehmer etwa keine richtige Arbeit?

Was auch immer Herr Rieble sich dabei gedacht hat, nachvollziehbar ist es nicht. Studenten, Volontäre, Azubis etc. sind gebildete Arbeitskräfte, die ihr Wissen in die Wertschöpfung von Unternehmen stecken, und so ein Gewinn für ihren Arbeitgeber sind. Sie sind wichtige Arbeitskräfte für das Unternehmen und leisten Arbeit, die sonst ein anderer Angestellter leisten müsste. Es ist ja nicht so, als würde eine Art "Extra-Arbeitspensum" für Praktikanten erfunden, das es sonst nicht gäbe.

Es wäre naiv zu glauben, dass Studenten und Praktikanten keine richtigen Arbeitskräfte sind. Unternehmen stellen sie gezielt ein, denn sie sind günstige, flexible, belastbare und motivierte Arbeitskräfte. Praktikanten gehen in ein Unternehmen, um Arbeitserfahrung zu sammeln. Das erhöht die Chancen auf einen späteren guten Job und gibt Unternehmen die Möglichkeit, aussichtsreiche Bewerber besser kennen zu lernen. Und nicht zuletzt: Diese, hoffentlich gut verdienenden Praktikanten, zahlen auch schon für Menschen wie Herrn Rieble in die Rentenkasse ein. So funktioniert der Kreis der Gesellschaft.

Bei der Debatte um den Mindestlohn geht es darum, dass Menschen von ihrer Arbeit leben können. Dass jede Arbeit, die geleistet wird, auf einem Mindestmaß gleich honoriert wird. Es soll keinen Unterschied zwischen einer Kassiererin, einem Raumpfleger oder einer Studentin geben. Und das ist auch gut so. Jede Überlegung, Gruppen aus dem Mindestlohn auszuschließen, ist diskriminierend und realitätsfern.

Quelle: n-tv.de

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