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Ensaf Haidar hat Angst Raif Badawi wird wieder ausgepeitscht

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Januar 2015: Protest vor der saudi-arabischen Botschaft in London.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der in Saudi-Arabien inhaftierte Blogger Raif Badawi ist das Symbol eines anderen Nahen Ostens, jenseits von Folterregierungen und Diktatoren. Im Januar hatte er 50 Stockhiebe erhalten - demnächst soll die grausame Strafe wieder vollstreckt werden.

"Donnerstagabend ist für mich die schlimmste Zeit der Woche", sagte Ensaf Haidar, als ich sie im kanadischen Sherbroooke, einer kleinen Stadt in der französisch-sprachigen Provinz Québec, im März besuchte. An jedem Donnerstag erfährt sie, ob ihr Mann Raif Badawi ausgepeitscht wird oder ob ihm diese Strafe eine weitere Woche erspart bleibt. Seit der ersten Auspeitschung (50 Hiebe) im Januar wurde die Strafe Woche für Woche ausgesetzt - offiziell wegen seines schlechten Gesundheitszustands.

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Ensaf Haidar lebt mit ihren Kindern in Kanada.

(Foto: picture alliance / dpa)

Am Wochenende jetzt der Schock: Die höchste gerichtliche Instanz Saudi-Arabiens bestätigte das Urteil. Badawi wird wieder ausgepeitscht. Ensaf Haidar wird an diesem Donnerstag mehr Angst haben denn je. 950 Stockhiebe fehlen noch.

Die Hardliner in Saudi-Arabien sind erstarkt. Die, die sich nicht reinreden lassen wollen von fremden Regierungen, von Prominenten und Menschenrechtlern. Wobei westlichen Regierungen auch lieber wäre, keiner würde über Badawi reden. Denn der stört bei Milliardendeals und führt nur zu unangenehmen Fragen daheim.

Der jämmerliche Auftritt von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, der vor seiner Reise nach Riad erklärte, man helfe Badawi eher, indem man nicht über ihn berichte, reiht sich ein in das große Lavieren vieler Politiker, die zwischen westlichen Werten und dem Geld des Orients wählen müssen.

Badawi ist das Symbol eines anderen Nahen Ostens, jenseits von Islamischem Staat, Folterregierungen und Diktatoren. Dieser Nahe Osten soll die Freiheit des Einzelnen gewährleisten, und genau deswegen ist der junge Blogger so gefährlich für die arabischen Herrscher.

In meinen Gesprächen mit Ensaf Haidar wurde klar, dass sie ganz fest daran glaubt, ihr Mann komme frei, wenn sie nur weiter kämpft. Wer diese kleine, zierliche Frau erlebt, der ist tief beeindruckt von ihrer Unermüdlichkeit. Nur manchmal, wenn die Kameras nicht auf sie gerichtet sind, flackern Angst und Erschöpfung durch, die sie zu verbergen versucht. Als sie zur Verleihung des Amnesty Ambassador of Conscious Award im Mai in Berlin auftrat, stand sie, in kurzem Rock und akkurat geschminkt, auf der Bühne und hielt eine Rede. Zurück auf ihrem Platz brach sie fast unbemerkt in Tränen aus. Man kann nur ahnen, was die Bestätigung des Urteils jetzt für sie bedeutet.

Wie geht es nun weiter? Manche vergleichen Badawi mit Nelson Mandela, der jahrzehntelang im Gefängnis saß und gerade dadurch zu einem Symbol des Widerstandes wurde. Aber Badawi war nie politisch wie Mandela, in Saudi-Arabien steht auch keine Bewegung hinter ihm, wie der ANC in Südafrika hinter Mandela stand. Andere verweisen auf den russischen Schriftsteller Alexander Solschenizyn, der unter Repressalien in der Sowjetunion den Friedensnobelpreis erhielt und trotzdem aus seiner Heimat ausgewiesen wurde. Aber im Vergleich zu Solschenizyn ist Badawis Stimme verstummt, hinter den Gittern von Jeddah.

So bleibt nur, das Bewusstsein für seinen Fall wach zu halten, auch um andere zu ermutigen, die Freiheit wollen, sich nicht zu verstecken. Dazu beitragen soll auch der internationale Raif Badawi Award, der am 13. November erstmalig in Berlin verliehen wird, ins Leben gerufen von Ensaf Haidar. Es soll ein Beitrag sein gegen Angst und Unterstützung für Raif Badawi.

Constantin Schreiber ist Moderator bei n-tv und Herausgeber des Bestsellers "1000 Peitschenhiebe" mit Texten von Raif Badawi.

Quelle: n-tv.de

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