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Grubenunglück von Soma Was sind schon ein paar tote Kumpel …

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(Foto: REUTERS)

Erdogan banalisiert das Grubenunglück von Soma. Das ist perfide, und wird ihm doch nicht schaden. Für die Klientel des türkischen Ministerpräsidenten gibt es Wichtigeres.

Gezi-Proteste - nun ja. Korruptionsskandal - hmm. Aber jetzt, so ertönt es allerorts: Spätestens das Grubenunglück von Soma muss die politische Karriere des türkischen Ministerpräsidenten bremsen. Recep Tayyip Erdogans Krisenmanagement ist schließlich katastrophaler denn je. Und es geht um Menschenleben. Statt den besorgten und getroffenen Staatsvater zu mimen, statt den Bürgern glaubhaft zu versichern, derartige Dramen künftig zu verhindern, spielt er die Katastrophe mit Hunderten Toten herunter. Er spricht von einem Arbeitsunfall, "wie er überall auf der Welt" passieren könnte. Präsident kann Erdogan so im August nicht mehr werden. Oder? Von wegen.

Erdogan war nie der Vater der Nation und wollte es wohl nie sein. Erdogans politisches Rezept ist eine strikte Klientel-Politik. Er schart seine Anhänger um sich, indem er ihnen gibt, was ihnen am wichtigsten ist: Kontinuität, Aufschwung und eine starke Nation. Wer anderes fordert, ist Erdogan egal. Und wer anderes fordert, kann Erdogan auch egal sein - zumindest wenn es nur um Politik und nicht um Moral geht.

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Aufgebrachte Türken demonstrieren wegen des Grubenunglücks gegen Erdogan. Vermutlich sind es keine Stammwähler der AKP.

(Foto: AP)

Auf die türkische Jugend, Säkulare und Liberale pfiff Erdogan, als sie sich bei den Gezi-Protesten für mehr Bürgerrechte und einen gesellschaftlichen Wandel einsetzten. Stattdessen wiegelte er seine religiös-konservativen Wähler gegen die vermeintlich fremdgesteuerten Randalierer auf dem Taksim-Platz und in Ankara auf. Auch den Korruptionsskandal tat er als Intrige fremder Mächte ab. In beiden Fällen antwortete der Ministerpräsident mit Gewalt. In Form von Wasserwerfereinsätzen bei den Gezi-Protesten und in Form einer absurden "Säuberung" im Justizsystem beim Korruptionskandal.

Die Kommunalwahlen im Frühjahr haben gezeigt, dass Erdogans-Klientel diese fragwürdige Politik in Kauf nimmt. Ein Teil seiner Anhänger nahm ihm vielleicht wirklich seine Verschwörungstheorien ab. Für den größten Teil seiner Wähler war schlicht wichtiger, dass das zusehends rissige Wirtschaftswunder, das Erdogan mit seiner AK-Partei geschaffen hat, anhält.

Erdogan ist ein nationalistischer Neoliberaler

Warum sollte das jetzt angesichts des Grubenunglücks anders sein. Erdogans Klientel ist nicht der fleißige Arbeiter, der sich in der Gewerkschaft organisiert. Erdogan ist ein religiös-nationalistischer Neoliberaler, der mit Wohlstand und Stärke wirbt. Darauf kommt es seinen Wählern an. Die Menschen, die jetzt zu Tausenden in Istanbul und Ankara gegen Erdogan demonstrieren, sind wohl auch die, die es schon bei den Gezi-Protesten und dem Korruptionsskandal taten.

Die Geschichte von Soma ist ein Drama, das viele in der Türkei aufwühlt. Auch Erdogans Anhänger. Aber schlimme Arbeitsbedingungen sind in der Türkei keine Neuigkeit. Sie sind das, was Erdogans Anhänger genau wie den autokratischen Führungsstil des Ministerpräsidenten für den Preis für wachsenden Wohlstand halten. Getreu dem Motto: Was sind schon ein paar tote Kumpel, wenn es doch um die Zukunft der Nation geht.

Und wenn Erdogan nun sagt, es war ein Arbeitsunfall, "wie er überall auf der Welt" passieren könnte, stimmen viele seiner Anhänger ihm wohl schwermütig zu. Die Türkei ist schließlich nicht das erste Land, das sich mit unmenschlichen Arbeitsbedingungen und eingeschränkten Bürgerrechten Wohlstand erkauft hat. Erdogans Politik ist perfide, aber bislang ist sie auch erfolgreich.

Quelle: ntv.de

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