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Embryo-Forschung in China Wer keine Werte hat, kennt keine Tabus

Dass das Erbgut von Embryos erstmals in China manipuliert wurden, ist keine Überraschung: 66 Jahre autoritäre Machtausübung haben den Chinesen die Kraft und den Mut geraubt, über die Grenzen der Forschung zu diskutieren.

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Soldaten auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking.

(Foto: picture alliance / dpa)

Chinesische Wissenschaftler haben das Tabu zuerst gebrochen. Die Manipulation an menschlichen Embryonen ist, unabhängig von der Aussagekraft ihrer Studie, ein Meilenstein in der Stammzellenforschung. Es ist keine Überraschung, dass es Chinesen waren, die den Schritt gewagt haben. Denn während sich Gesellschaften anderswo in der Welt an der ethischen Problematik dieses drastischen und unumkehrbaren Eingriffs in die menschliche Natur intensiv reiben, bleibt ein Aufschrei in China weitgehend aus. Die Gründe für diese Lethargie wurzeln in einem politischen System, welches das Allgemeinwohl ausschließlich über sein eigenes Überleben definiert.

In China gibt es keine ethische Erziehung. Zumindest keine, die einem Konsens staatlicher und ziviler Kräfte entspringt. Es gibt kaum gesellschaftliche Werte, die eine Diskussion über solche moralischen Fragen provozieren würde. Stattdessen gibt es eine vom Staat konzertierte Vermittlung von Idealen, die nur einem einzigem Zweck dient: dem Machterhalt der Kommunistischen Partei. Jenseits davon sind die Menschen sich selbst überlassen.

Hier in China ging es für die Menschen jahrzehntelang erst ums Überleben und danach darum, nicht den Anschluss zu verpassen: ich, ich, ich, noch dazu in einer Generation von Einzelkindern als Ergebnis staatlicher Familienregulierung. Dabei blieb die Entwicklung eines Bewusstseins für das Allgemeinwohl auf der Strecke. Und damit auch die gesellschaftliche Fähigkeit, sich gemeinsam ethischen Fragen zu stellen.

Gelegentlich spürt man, wie sehr viele Chinesen selbst darunter leiden. Als vor wenigen Jahren ein Kind überfahren wurde und minutenlang am Straßenrand erfolglos um sein Leben kämpfte, ohne dass jemand half, empörten sich Millionen Menschen im Land über diese Herzlosigkeit. Sie fragten: "Was ist aus uns geworden?" Doch wenn der Aufschrei und die Diskussionen um gesellschaftliche Fehlentwicklungen zu laut werden, schneidet die Zensur ihnen das Wort ab. Denn die Leute könnten zu dem Schluss kommen, dass die Verrohung unmittelbar mit dem politischen System zusammenhängt, das ihnen aufgezwungen wird.

Wenn die Partei zensiert, kämpft sie bereits gegen Symptome. Tatsächlich beginnen Diktaturen wie die chinesische viel früher mit der Vermittlung ihrer Ideen. Der Prozess beginnt im Kindergarten mit dem harmlosen Einstudieren lustiger Liedchen über das richtige Sozialverhalten und nimmt in der Grundschule richtig Fahrt auf. Dort sollen die Kinder Patriotismus lernen und die Liebe zur Partei. Ihnen wird erzählt, wie untertan und selbstlos die Präsidenten und Premierminister des Landes ihrem Volk gedient hätten. Später in der Schullaufbahn werden ihnen dann die philosophischen Theorien eingepaukt, die jeder Staatschef als persönliche Hinterlassenschaft entwickelt hat.

Zu diesem akademischen Prozess kommen die bedingungslose Vermittlung von Disziplin und Gehorsam. Das sind beides Tugenden, die man zu Recht asiatischen Kulturen zuschreibt. Doch in China geht es erst zweitrangig um die Kultur, sondern darum, gefügige und unkritische Bürger heranzuziehen. Der Aufwand, den die Partei dafür leisten muss, wird immer größer, weil die wirtschaftliche Entwicklung das Selbstbewusstsein von Menschen fördert. Doch noch kann Peking das große Aufbegehren vermeiden. Auch deshalb wird in China eine Wissenschaft, die Grenzen überschreitet, öffentlich nicht in Frage gestellt.

66 Jahre autoritäre Machtausübung haben den Menschen die Kraft und den Mut geraubt, sich diesen Diskussionen zu stellen. Wenn Forscher in solch einem Umfeld Tabubrüche begehen, dann ist niemand da, der sie aufhält. Das einzige Kriterium das zählt, sind Schlagzeilen, die Chinas Errungenschaften reflektieren. Hier liegt der zweite Grund dafür, dass es Chinesen waren, die auf diesem Feld weiter vorgestoßen sind als irgendjemand sonst auf der Welt. Die Aufmerksamkeit für das Projekt bringt Anerkennung vom Regime und nicht zuletzt eine Menge staatlicher Fördergelder. Dabei werten internationale Experten die Studie und ihre Veröffentlichung in einem unbekannten Fachmagazin für weitgehend irrelevant für die Entwicklung der Forschungsdisziplin.

Aber das macht die Sache nur noch delikater. Der Tabubruch wurde für ein weitgehend bedeutungsloses Resultat akzeptiert, weil es den Wissenschaftlern offenbar vor allem um die Lorbeeren im eigenen Land ging. China schiebt damit eine Dynamik an, die in anderen Ländern Angst produzieren könnte, auf dem Gebiet der Stammzellenforschung weit in Rückstand zu geraten. Es liegt an den führenden Forschungsnationen selbst, ob sie einem solchen Schrittmacher folgen wollen.

Quelle: n-tv.de

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