Person der Woche

Person der Woche Der gefährlichste Mann der Welt

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Die IS-Miliz erzeugen mit ihren Enthauptungsvideos, Vergewaltigungen und Massenerschießungen Angst. Ein kriegslüsternes Kalifat entsteht. Doch wer ist eigentlich ihr Kalif?

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Abu Bakr al-Bagdadi ist der selbsterklärte "Anführer aller Muslime".

(Foto: picture alliance / dpa)

Er ist der meistgesuchte Mann der Welt. Abu Bakr al-Bagdadi befehligt ein Heer von brutalen Gotteskriegern, die blutige Geschichte schreiben. Die IS-Miliz hat halb Irak wie halb Syriens unter Kontrolle gebracht und ein "Kalifat" begründet, dessen Grausamkeit den Rest der Welt erschüttert. Der neue Kalif zwingt nun sogar 40 Staaten unter Führung der USA in einen offenen Krieg. Als "Kalifen" erklärt er sich zum "Anführer aller Muslime" und für Islamisten von den Phlippinen bis nach Marokko ist er ein Held - der neue Osama bin Laden, der Anführer einer Massenbewegung des dschihadistischen Großkalifates. Im Internet kursieren mit religiöser Musik unterlegte Videos, die seine Verdienste preisen. Für den Rest der Welt ist er ein Massenmörder und Monster.

So oder so steht er im Mittelpunkt des derzeitigen Weltgeschehens. "Time" erklärt ihn zum "gefährlichsten Mann der Welt", 120 Islamgelehrte aus aller Welt (darunter der ägyptische Großmufti) schreiben ihm dieser Tage einen offenen Brief und verurteilen seine Gewalt. Präsident Obama ruft ihm zu, er habe auf dieser Welt keinen Platz mehr. Ein Spezialkommando aus CIA-Agenten und US-Spezialkräften ist auf ihn angesetzt, 10 Millionen Dollar Kopfgeld bekommt jeder, der mit Informationen hilft, ihn aufzuspüren.

Tatsächlich aber wissen die Amerikaner nicht einmal, wie er genau heißt. Abu Bakr al-Bagdadi ist nämlich ein Pseudonym, das vor allem die enge Verbindung zum Propheten betonen soll: Abu Bakr hieß einer der ersten Anhänger des Mohammeds und (als Vater von Mohammeds Lieblingsfrau Aischa) sein Schwiegervater. Nach Mohammeds Tod im Juni 632 herrschte er als sein Nachfolger und "Stellvertreter" (Kalif) für zwei Jahre über die Muslime. Der Name ist daher Programm, zumal die Muslime sich just über die Frage entzweien, wer eigentlich berechtigt war, die Nachfolge Mohammeds nach dessen Tode anzutreten: Für die Schiiten ist der Vetter und Schwiegersohn des Propheten der rechtmäßige Nachfolger Mohammeds, die Sunniten dagegen meinen, dass Abu Bakr größeren Anspruch darauf hatte. Dass nun ein neuzeitlicher Abu Bakr einen Kalifatsfeldzug gegen Schiiten und Andersgläubige anführt, ist also schon im Namen eine Provokation.

Al-Bagdadi sucht die Öffentlichkeit

Sein bürgerlicher Name soll Ibrahim Awwad Ibrahim Ali al-Badri lauten, allerdings ist das nicht gesichert. Alles, was man zu Abu Bakr, dem angeblich aus Bagdad (daher Bagdadi) kommenden, tatsächlich weiß, ist dürftig. Er sei der "unsichtbare Kalif" heißt es vielsagend. Er verberge sogar vor seinen Kämpfern sein Gesicht.

Umso aufregender war das im Sommer aufgetauchte Video: Erstmals zeigte er sich der Öffentlichkeit. Mit langem Bart, schwarzem Gewand und schwarzem Turban predigte er voller Pathos in der großen Moschee im irakischen Mosul – und ließ sich dabei, gut ausgeleuchtet, filmen. Bis dahin kursierten lediglich zwei verblichene Fotos.

Abu Bakr versteckt sich – anders als Osama bin Laden – nicht im militärischen Untergrund. In dem Video predigt er mit sonorem Priesterton in der kultivierten Atmosphäre einer vollbesetzten Moschee. Es ist eine Demonstration, dass er sich von der Masse der Gläubigen getragen fühlt. Er dirigiert seine Mördertruppe wie ein charismatischer Religionsführer und Feldherr, der den Nahen Osten in ein Riesenkalifat, einen schwarz gewandeten Gottesstaat, verwandeln will. Alle, die sich ihnen nicht anschließen wollen, werden kurzerhand ermordet.

Rücksichtslos und gewieft

"Kalif Ibrahim", wie er sich jetzt nennen lässt, wurde nach US-Informationen 1971 in Samarra (ausgerechnet einer der bedeutendsten Pilgerorte der Schiiten) nördlich von Bagdad geboren. An der Universität Bagdad machte er einen Abschluss in islamischen Studien. Manche Quellen behaupten, er trage einen Doktortitel.

Britische Medien berichten, dass er bereits als Dreißigjähriger in der Stadt Qaim als lokaler Terrorführer Menschen entführt, gefoltert und öffentlich ermordet habe. In das soldatische Dauerleben trat er offenbar 2003 nach dem Einmarsch der US-Truppen in den Irak ein. Er soll die Islamistengruppe Jaysh Ahli Sunna mitgegründet haben, die Al Kaida nahe stand. 2004 saß er daraufhin einige Monate in US-Haft. Im Herbst 2005 glaubte die US-Armee fälschlicherweise, Bagdadi bei einem Angriff im irakisch-syrischen Grenzgebiet getötet zu haben. Er aber entkam und wurde zusehends erfolgreicher Guerillakrieger im Nordirak.

Als 2010 die Anführer der Terrorgruppen Isis und Al-Qaida im Irak bei einem Raketenangriff getötet wurden, griff Abu Bakrs nach der Macht. Innerhalb des Isis verschaffte sich Bagdadi als rücksichtsloser Kommandant und gewiefter Taktiker Respekt. Er umstellte sich mit einem Führungskreis von ehemaligen Saddam-Geheimdienstlern und kaltblütigen Offizieren, mit denen er ein Angstregime etablierte. Damit wurde zugleich das alte Netzwerk des gestürzten Diktators reaktiviert, um im Irak einen kriminellen Schattenstaat aufzubauen und Geldquellen zu sichern.

Religiöser Hardliner mit Rolex

Abu Bakr dürfte seinen Aufenthaltsort dauernd wechseln. Mal wird er in Syrien vermutet, dann wieder im Irak. Als Anführer habe Bagdadi vor allem deshalb enorme Autorität, weil er – anders als Osama bin Laden - über eine religiöse Ausbildung verfüge und seine Familienherkunft auf den Propheten Mohammed zurück führen könne. Die Ausrufung des Grenzen überschreitenden Kalifats Ende Juni ist für ihn jedenfalls ein spektakulärer Erfolg, der Osama bin Laden nicht gelungen war. Bagdadi fühlt sich derzeit sogar so mächtig, dass er sich mit Al-Kaida-Chef Aiman al-Zawahiri überworfen hat. Als dieser 2013 befahl, Bagdadi solle seine Einheiten aus Syrien zurückziehen, weigerte der sich. Seitdem ist seine Organisation auf dem Vormarsch – und Bagdadi die neue Nummer 1 der globalen Islamisten. Dass auch der Taliban-Chef Mullah Mohammed Omar unbedingt "Befehlshaber aller Gläubigen" sein will, dürfte Abu Bakr bestenfalls noch amüsieren.

Mit seinen 43 Jahren herrscht Abu Bakr al-Bagdadi derzeit über 6 bis 10 Millionen Menschen. Seine Kämpfer kontrollieren ein Gebiet von der Größe Großbritanniens mit den Mitteln eines gut finanzierten, religiösen Terrorregimes. Ihm zur Seite stehen zwei Stellvertreter, die Bagdadi vor Jahren angeblich in einem US-Gefangenenlager im Irak kennengelernt hat: Adnan al-Sweidawi und Fadel al-Hayali. Beide bekleideten unter Diktator Saddam Hussein hohe Posten im irakischen Militär. Nachdem die USA das Regime 2003 stürzten und die Armee weitgehend auflösten, schlossen sich die Männer dem sunnitischen Widerstand an. Sie bekämpften hernach die Besatzungstruppen und die von Schiiten dominierte Zentralregierung in Bagdad.

Abu Bakr hat inzwischen eine halbwegs geordnete, staatsähnliche Organisation aufgebaut. Herzstück des IS-Regimes sind zwei Handvoll Räte – eine Art Ministerkreis des "Kalifats". Im sogenannten Schura-Rat sitzen neun Männer, die in islamischem Recht bewandert sind. Der Rat soll sicherstellen, dass die IS-Spitze sich an die fundamentalistische Auslegung der Religion hält. Bagdadis Miliz hat in den eroberten Gebieten die Scharia ausgerufen. Selbst winzige Vergehen werden seither erbarmungslos bestraft.

Ob der Kalif sich selbst daran hält, ist eher zweifelhaft. Denn das Video vom Juli zeigt ein irritierendes Detail: Am Handgelenk rutscht ihm während seiner 20-minütigen Predigt immer wieder das schwarze Gewand vom Handgelenk – wenn er mahnend den Arm hebt. Dann funkelt eine opulente, silbrige, eigentlich zu große Armbanduhr hervor. Über die genaue Marke und das Modell – wahrscheinlich eine Rolex oder Omega – wird seither im Internet eifrig diskutiert. Ein sarkastischer Kommentar des britischen Telegraph lautet: Es handele sich um "Die Marke, die dir die Hand abhackt, wenn du Widerworte gibst".

Quelle: n-tv.de

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