Politik
Dienstag, 11. August 2015

Person der Woche: Die Frau, die Donald Trump stutzt

Von Wolfram Weimer

Zehn republikanische Spitzenpolitiker treten zum TV-Duell an, um sich als kommende Präsidenten darzustellen. Doch Sieger der Show wird eine Frau - die kritische Fox-News-Moderatorin stürzt ganz nebenbei Donald Trump von seinem Macho-Sockel.

Fox-News-Moderatorin Megyn Kelly bei einem Fotoshooting im April.
Fox-News-Moderatorin Megyn Kelly bei einem Fotoshooting im April.(Foto: REUTERS)

Sie spricht scharfzüngig wie Sahra Wagenknecht. Ihre Stimme hat den Sound von Sarah Connor. Die politische Schlagfertigkeit erinnert an Maybritt Illner und ihre stählerne Miene an Sabine Christiansen. Megyn Kelly ist der neue Superstar des amerikanischen Politfernsehens. Die Moderatorin des konservativen Senders Fox News avanciert in diesen Tagen gar zu einer Schlüsselfigur des Präsidentschaftswahlkampfes.

In der Elefanten-Runde der Republikaner hatte sie zehn Spitzenpolitiker zu moderieren, die im kommenden Jahr US-Präsident werden wollen. Kelly erwies sich nicht bloß als souveräne Dompteuse, vor allem brachte sie das größte Alpha-Tier in der Manege regelrecht zu Fall. Donald Trump, der selbstverliebte Raubein-Milliardär mit rechten Stammtisch-Parolen, staunte nicht schlecht über diese Frage der smarten Blonden: "Herr Trump, eine der Sachen, die die Menschen an Ihnen lieben, ist, dass Sie Ihre Meinung sagen und sich nicht hinter Politik-Phrasen verstecken", so wog Kelly den selbstverliebten Immobilienspekulanten zunächst in Sicherheit, um dann das verbale Schwert herauszuholen: "Das hat aber auch Schattenseiten, speziell wenn es um Frauen geht. Sie nennen Frauen, die Sie nicht mögen, 'fette Schweine', 'Hündinnen', 'Schlampen' und 'widerliche Tiere' ..."

Trump ist zeitlebens unterwegs wie ein rhetorischer Boxer, also auch gewohnt, Kinnhaken des Gegners auszuweichen. Darum konterte er den Frontalangriff scheinbar lässig: "Nur Rosie O'Donnell", unterbrach er Kelly launig, woraufhin das Studiopublikum vor Vergnügen aufkreischte. Alle wussten: Donald Trump und die Talkshow-Moderatorin O'Donnell pflegen seit Jahren eine mediale Feindschaft.

Doch der Egomane Trump fand in Kelly eine Meisterin. Denn sie legte nach: "Für das Protokoll: Es war nicht nur Rosie O'Donnell. Auf Ihrem Twitter-Account finden sich viele abwertende Kommentare über das Aussehen von Frauen. Zu einer Kandidatin Ihrer Sendung 'The Apprentice' haben Sie gesagt, Sie würden sie gerne auf den Knien sehen." Und schließlich führte Kelly den finalen Stoß: "Meinen Sie wirklich, so sollte sich ein Mann verhalten, den wir als Präsidenten wählen sollen? Und was antworten Sie auf den Vorwurf von Hillary Clinton, die voraussichtlich für die Demokraten antreten wird, dass sie Teil des 'Krieges gegen Frauen' sind?"

Trump wurde blass, wankte plötzlich an seinem Rednerpult und war sichtlich getroffen. 24 Millionen Fernsehzuschauern wurden Zeuge des Tiefschlags.

Selbst Cheney war verunsichert

Donald Trump - hier bei der Debatte am Donnerstag - liegt bei Umfragen unter den republikanischen Wählern klar vorn.
Donald Trump - hier bei der Debatte am Donnerstag - liegt bei Umfragen unter den republikanischen Wählern klar vorn.(Foto: AP)

Doch den entscheidenden Fehler machte Trump erst am Folgetag. Auf Twitter attackierte er Kelly zunächst als Leichtgewicht (wörtlich als "bimbo", also als "Tussi"). Im Interview mit CNN fiel er schließlich ganz aus der Rolle und geiferte: "Da tropfte Blut aus ihren Augen, Blut aus ihrer Wo-auch-immer." Der Menstruations-Eklat war da.

Seither solidarisiert halb Amerika mit Megyn Kelly. Und Donald Trump ist verwundet. Die republikanische Präsidentschaftskandidatin Carly Fiorina, Ex-Chefin von Hewlett Packard, twitterte, was alle denken: "Mr. Trump. Dafür. Gibt. Es. Keine. Entschuldigung."

Donald Trump hatte bis zum Showdown mit Megyn Kelly jede Menge wilde, extreme und dumme Positionen vertreten. Er hat von einer überzogenen politischen Korrektheit in Amerikas Medien profitiert und sich dagegen als Klartext-Mann stilisieren können. Doch Kelly entlarvte ihn nicht über die Inkorrektheit sondern über die Unbeherrschtheit. Als hätte sie es geahnt, meinte sie schon vor der TV-Debatte in einem Interview in der Fernsehsendung Mediabuzz: "Wenn man nicht mit mir klarkommt, wie will man dann mit Wladimir Putin zurechtkommen?"

Mit Kelly kommen viele der scheinbar so starken Politiker gar nicht klar - auch die Konservativen, die sich sonst bei Fox ein Heimspiel erhoffen. Das aber gewährt Kelly, die sich selber als Wechselwählerin bezeichnet, gerade nicht. So brachte sie Jeb Bush in Peinlichkeiten, als sie dessen Ambivalenz zum Irak-Krieg seines Bruders nachspürte. Und sie demontierte den ehemaligen Vizepräsidenten Dick Cheney vor laufender Kamera: "Sie lagen so oft falsch, wenn es um den Irak-Krieg ging. Der Irak hatte keine Massenvernichtungswaffen, wir wurden nicht als Befreier begrüßt. So viele Menschen haben deswegen leiden müssen." Daraufhin war Cheney so verunsichert, dass er sie in seiner Antwort erst Regan statt Megyn nannte.

"Wenn du dich wie ein Vollidiot benimmst, nenne ich dich Vollidiot"

Die Journalistin hat sich inzwischen einen legendären Ruf erarbeitet, weil sie nach beiden politischen Seiten hin unabhängig und kühl agiert. Da Fox News so erfolgreich ist und Kelly immer mehr das Gesicht des Senders darstellt, ist sie vom "Time"-Magazin sogar unter die 100 einflussreichsten Menschen der Welt gewählt worden.

Dabei lernte sie den Journalismus erst auf dem zweiten Bildungsweg. Die 1970 geborene New Yorkerin studierte Politikwissenschaften und Jura und arbeitete jahrelang als Anwältin in Chicago und Washington. Ihre ersten Fernsehberichte über juristische Themen machte sie erst mit Mitte Dreißig für einen Lokal-Sender von ABC. 2004 wechselte sie zu Fox News und moderiert seit fünf Jahren eigene Shows. Dabei fährt die Kamera gerne - wie weiland bei der FDP-Politikerin Katja Suding - langsam ihre Beine entlang. Die "Washington Post" lästerte darum über "Leggy Meggy", die der linken Presse ohnedies ein Dorn im Auge ist, weil sie für die amerikanische Rechte über Fox das Wort führe. Das politisch linke Spektrum wollte ihr daher auch einen Skandal anhängen, als sie vor anderthalb Jahren in ihrer Sendung meinte, der Weihnachtsmann und Jesus Christus seien "doch wohl weiß".

Kelly reagierte auf eine Bloggerin, die dazu aufgerufen hatte, sich von traditionellen Vorstellungen zu verabschieden und stattdessen - politisch korrekt und keine Hautfarbe benachteiligend - die Figur von einem Tier darstellen zu lassen. "Müssen wir alles ändern?", fragte Kelly ihre Studiogäste empört. "Jesus war doch auch ein weißer Mann, eine historische Figur." Und weiter: "Santa ist natürlich weiß, aber es gibt da diese Person, die meint, wir sollten vielleicht auch einen schwarzen Weihnachtsmann haben." Nach dieser Sendung wurde Kelly wochenlang von aus der linken Szene als Rassistin attackiert, in Satire- und Comedy-Sendungen waren der schwarze Weihnachtsmann und die rechte Blonde Dauerthema.

Darum ist der jetzige Disput mit Trump für Kelly auch eine Genugtuung, aller Welt ihre politische Unabhängigkeit demonstriert zu haben. Fox News nutzt ihre überparteiliche Popularität inzwischen sogar gezielt, um dem Sender eine jüngere, mittigere, weiblichere Positionierung zu geben. Vor allem aber wird sie die Rolle der Dompteuse weiter verfeinern und selbstgefällige Politiker mit ihren Fragen mit gut vorbereiten Fragen grillen, wie das nur wenige Journalisten noch beherrschen. Dem Magazin "Variety" sagte sie kürzlich: "Ich verstehe die Politiker nicht, die Präsident werden wollen und sich dann aber über ein hartes Interview beklagen. Wenn du dich wie ein Vollidiot benimmst, dann wirst du von mir auch Vollidiot genannt." Bei Trump ist das nicht einmal mehr nötig.

Quelle: n-tv.de

Themenseiten Politik