Pressestimmen

Kauder eckt an "Dumme Parole"

Der Unionsfraktionsvorsitzende Kauder eckt deutlich an mit seinem Postulat, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Realitätsfremd und überflüssig sei das, schreibt Solveig Bach bei n-tv.de. Auch die Tageszeitungen sind überwiegend irritiert von der Aussage. Deutschland schien dank Ex-Bundespräsident Wulff doch schon weiter zu sein.

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Die Islam-Konferenz bemüht sich um gegenseitiges Verständnis.

(Foto: dapd)

Die Neue Westfälische schreibt: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Da ist sich Volker Kauder sicher. Genauso sicher war sich Kauder, dass in Europa endlich Deutsch gesprochen wird. Der Unions-Fraktionschef im Bundestag gibt sich als Freund klarer Worte, nicht als Politiker des Abwägens und Ausgleichens. Das erforderte tieferes Nachdenken, also die Mühe der Reflexion. Die aber ist notwendig, wenn der ohnehin verspätete Versuch der Integration von muslimisch geprägten Zuwanderern gelingen soll. Dies ist die Aufgabe der sogenannten Deutschen Islamkonferenz. Ohnehin droht sie dieses Ziel zu verfehlen, wenn die Politik stetig aufs Neue ihre Indienstnahme für Fragen der inneren Sicherheit betreibt. Kommen dann noch Querschüsse von der Qualität der Kauder'- schen hinzu, ist das wachsende Desinteresse der hier lebenden Muslime nur allzu verständlich."

Die Landeszeitung aus Lüneburg denkt ähnlich: "Kurzschlüssige Analysen werden durch Wiederholung nicht treffender. Der Querschuss von Volker Kauder vor der Islamkonferenz musste deshalb sein Ziel verfehlen. Schon die Konferenz selbst widerlegt den Unionsfraktionschef: Gehörte der Islam tatsächlich nicht zu Deutschland, bräuchte es auch diese Konferenz nicht. Es war der Islam, der das Fundament abendländischer Kultur bewahrte, zu deren Verteidiger sich Kauder aufschwingt. Es waren arabische Wissenschaftler, die antikes Wissen über ein halbes Jahrtausend bewahrten und weiterentwickelten, als Europa in den Fesseln des Mittelalters gefangen war. Ein bisschen mehr vergessener Weisheit wünscht man dieser geschichtsvergessenen Debatte."

Ganz eindeutig äußert sich die tageszeitung aus Berlin: "Das beste Rezept gegen islamistische Sekten wie die Salafisten sind geschulte Imame, die in Deutschland zu Hause sind und die fundamentalistischen Lockrufen etwas entgegensetzen können. Und eine Politik, die Muslimen auf Augenhöhe begegnet, statt sie, wie Volker Kauder, durch dumme 'Der Islam gehört nicht zu Deutschland'-Parolen verbal auszugrenzen. Es wäre deshalb an der Zeit, dass Politiker wie Friedrich auf die Vertreter des deutschen Islams, die sich in der Islamkonferenz versammelt haben, endlich zugehen. Ansonsten spielen sie nur deren Konkurrenten, die sich auf der Straße als strenggläubige Alternative aufspielen, in die Hände.

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Volker Kauder dreht das Rad zurück.

(Foto: dpa)

Der Mannheimer Morgen meint:" Die Verbände vertreten nur eine Minderheit der in Deutschland lebenden Muslime, die unabhängigen Einzelpersonen haben erst recht kein Mandat, und was den aufgeklärten säkularen Kräften nicht reicht, geht den konservativen Gruppen schon viel zu weit. Mittendrin ein Innenminister, der wenig Engagement zeigt. Vieles spricht dafür, dass die Islamkonferenz mit der Legislaturperiode leise ausläuft. Es war gut, dass es sie gegeben hat, das Erreichte kann sich sehen lassen. Aber nun sind die Muslime selber gefordert, ihr Verhältnis zu dem Land, in dem sie leben, zu klären und sich klar und unmissverständlich zum Grundgesetz und den in Deutschland geltenden Gesetzen zu bekennen. Ganz ohne Islamkonferenz."

Die Braunschweiger Zeitung erinnert an Ex-Bundespräsident Wulff: "Es wäre der Sache, nämlich Toleranz und Offenheit zu wahren, ohne sich in entweder in beifallheischender Beflissenheit oder in liebgewordenen Vorurteilen zu verlieren, dienlich, auf dem Erreichten aufzubauen. Dazu gehört auch die Wulff-Rede, wenn man sie als einen Appell zur Zusammenarbeit und Friedfertigkeit liest. Kein Zweifel kann aber darüber bestehen, dass den Feinden der Demokratie Agitations-Freiräume zu entziehen sind."

Und auch die Leipziger Volkszeitung bringt Wulff ins Spiel: "Schade, dass Volker Kauder gestern nicht selbst zum Treffen der Deutschen Islamkonferenz nach Berlin-Kreuzberg gekommen ist. Dort hätten zahlreiche Moscheen, die vielen türkisch- und arabischstämmigen Menschen auf den Straßen einen besonders passenden Rahmen für seine Einlassung zum Islam geboten - der nach der Meinung des Unionsfraktionschefs nicht zu Deutschland gehört. Kauder zieht damit eine scharfe Trennung zwischen Mensch und Religion, die er sich als gläubiger Christ niemals bieten lassen würde. Es sind Äußerungen wie diese, von denen sich die muslimische Gemeinschaft stets aufs Neue vor den Kopf gestoßen fühlt. Schade, dass sie nicht mehr ihren Fürsprecher Christian Wulff haben.

Das Delmenhorster Kreisblatt schreibt: "Wer hätte das gedacht? Nach sechs Jahren ist die viel belächelte Islamkonferenz zu einem bedeutenden Motor für die Integration geworden. . Mindestens ebenso bedeutend sind die Erklärungen der islamischen Vertreter zu häuslicher Gewalt und zur Zwangsehe. Damit machen sie deutlich, dass die Gleichberechtigung der Frau in Deutschland keine Frage des Glaubens oder der Kultur ist, sondern ein universales Gut."

Quelle: n-tv.de, zusammengestellt von Thomas E. Schmitt

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