Pressestimmen

EU-Urteil zum PayTV "Könnte Eigentor für Fan" werden

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Der Europäische Gerichtshof (EuGH) mischt den Milliardenmarkt der TV-Sportrechte kräftig auf und löst große Unsicherheit bei Vereinen, Funktionären und Fans aus: Die obersten Richter der EU haben die Exlusiv-Vermarktung von TV-Fußballrechten in einem Grundsatzurteil gekippt. Fernsehzuschauer müssen damit nicht mehr unbedingt einen einheimischen PayTV-Sender abonnieren, um sich Fußball-Übertragungen anzuschauen. Sie dürfen auch auf ausländische Fernseh-Anbieter zurückgreifen, die manchmal viel billiger sind. Ob der Richterspruch allerdings die deutschen Fußballgucker in eine bessere Position bringt, ist fraglich.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung erläutert das Urteil: "Derzeit besitzt der Münchner Bezahlsender Sky ein weitgehendes Monopol für die Live-Übertragung von Bundesliga-Spielen im Fernsehen. Denn das Unternehmen hat von der Deutschen Fußball Liga (DFL) die Exklusivrechte per befristetem Lizenzvertrag gekauft. In Zukunft, so entschied am Dienstag Europas oberstes Gericht, geht das nicht mehr: Der Verkauf nationaler Exklusivrechte unterlaufe die Idee des europäischen Binnenmarkts, also des freien Handels von Waren und Dienstleistungen in der Europäischen Union. Deutsche Fußballfans könnten dadurch mehr Wahlfreiheit bekommen und Bundesliga-Abonnements auch mit Bezahlfernsehanbietern aus anderen Ländern abschließen. Via Satellit oder Internetverbindung ist dies technisch problemlos möglich".

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Das EuGH-"Bosman-Urteil" erklärt die bis dahin gültigen Transferregelungen und Ausländerbeschränkungen in den Mannschaftssportarten für nichtig. Seither können ausländische Spieler in nahezu unbegrenzter Anzahl in den Bundesligen eingesetzt werden.

(Foto: dapd)

"Freizügigkeit ist in der Europäischen Union ein unantastbares Gut", kommentiert der Fränkische Tag das Urteil des EuGH. Und dies würde der Richterspruch, so die Zeitung aus Bamberg, auch unterstreichen: "Wer den Waren- und Dienstleistungsverkehr innerhalb der EU zu blockieren versucht, bekommt die rote Karte. Wenn man so will, ist der Richterspruch die logische Fortsetzung des Bosman-Urteils von 1995".

Dem stimmt der Reutlinger General-Anzeiger zu: "So bahnbrechend das Urteil ist, so wenig überraschend ist es auf der anderen Seite in einem immer durchlässiger werdenden Europa, das immer weniger nationale Sonderwege zulässt und immer mehr grenzüberschreitenden Wettbewerb fördert". Profitieren könnten, so das Blatt aus Baden-Württemberg, "große Klubs wie FC Barcelona, Bayern München oder Chelsea, die lukrative Exklusivverträge mit TV-Sendern abschließen könnten. Die Folge: Die Kluft zwischen ihnen und dem Rest der jeweiligen Ligen würde noch größer".

Die Kommentatoren der Eßlinger Zeitung hinterfragen die Folgen des Urteils und schreiben: "Was danach kommt, ist vollkommen offen. Spannend wird sein, wie sich die Deutsche Fußball-Liga (DFL) als Vermarkter der Fernsehrechte am Bundesliga-Fußball verhält. Bisher fließen pro Saison 412 Millionen Euro in die Vereinskassen der deutschen Eliteklasse. Das ist rund ein Drittel des gesamten Etats. Wesentlich mehr wird kaum zu erwirtschaften sein. Selbst der eingefleischte Fußball-Fan wird nicht bereit sein, beim Bezahlsender Sky mehr als die momentanen 34 Euro pro Monat zu investieren".

Auch die Heilbronner Stimme spekuliert über die möglichen Folgen des Urteils. Für das baden-württembergische Blatt gibt es im Wesentlichen drei Szenarien: "Durch den europäischen Wettbewerb wird Pay-TV überall günstiger: Unwahrscheinlich. Ein großer Anbieter wie Rupert Murdochs Sky kauft die Rechte gleich für ganz Europa: Eine solche Monopolisierung würde die Preise in die Höhe treiben, wäre aber trotzdem kaum rentabel. Dritte Möglichkeit wäre, dass die Fußball-Ligen sich nur noch im Inland vermarkten und die Rechte überhaupt nicht mehr im Ausland anbieten: Für die Bundesliga wäre das ein überschaubarer Verlust, für Englands Premier League aber eine Katastrophe".

Der Donaukurier aus Ingolstadt betrachtet den Urteilsspruch aus Luxemburg skeptisch: "Es sieht auf den ersten Blick wie eine kleine Revolution im Fußballreich aus, bei der der Fernsehzuschauer der große Gewinner ist. Doch beim genaueren Hinsehen könnte sich das Urteil des Europäischen Gerichtshofs zur Fußball-Vermarktung als klassisches Eigentor für den Fan entpuppen". Die Kommentatoren der bayerischen Zeitung verweisen darauf, dass die europäischen Sportrechte mit dem Richterspruch neu geordnet würden. So dürfe nun beispielsweise ein griechischer Anbieter auch Abos in Deutschland verkaufen: "Für die Fußballvermarkter bedeutet das sinkende Einnahmen, mit der Folge, dass sie wohl bald die Senderechte für ganz Europa vergeben. Und diese wären sündhaft teuer. Kleine Fernsehsender könnten da nicht mithalten. Somit stärkt das EU-Urteil sogar noch die mächtige Stellung der großen Pay-TV-Sender".

Quelle: ntv.de, zusammengestellt von Susanne Niedorf-Schipke

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