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Zschäpes Aussage im NSU-Prozess "Sie weiß genau, was sie tut"

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(Foto: picture alliance / dpa)

Beate Zschäpe bricht ihr Schweigen. Am 249. NSU-Prozesstag lässt sie ihren Anwalt eine Erklärung verlesen, in der sie jegliche Verantwortung für die NSU-Morde abstreitet. Von den Tätern sei sie emotional abhängig gewesen, von den Morden habe sie jeweils erst im Nachhinein erfahren. Die Kommentatoren der deutschen Presse tun sich schwer, dieser Version der Ereignisse Glauben zu schenken.

"Für die Wahrheitsfindung ist dieser Tag kein Gewinn", kommentiert die Stuttgarter Zeitung Zschäpes Aussage. Es blieben entscheidende Fragen, auf die Zschäpe bisher keine überzeugenden Antworten geliefert hätte: "Wie groß war der NSU wirklich? Wie weit reichte das Netzwerk an Unterstützern und Helfershelfern? Wie haben die Rechtsterroristen ihre Opfer ausgewählt?" Viele dieser Fragen, so die Zeitung weiter, seien auch für die diversen Untersuchungsausschüsse von Bundestag und Landesparlamenten ein Rätsel geblieben: "Auch die acht Abgeordneten, die jetzt in Berlin noch einmal den Versuch unternehmen, Licht in diese braun durchfärbte Schattenwelt zu bringen, werden für manche Ungereimtheiten keine Erklärung finden." Zschäpe sei mit ihrer Aussage bei der Mystifizierung behilflich gewesen, hätte sich "um die Aufklärung aber keineswegs verdient gemacht".

Auch die Süddeutsche Zeitung sieht nach Zschäpes Erklärung drängende Fragen weiter offen: "Ihre Aussage schreit danach, hinterfragt zu werden. Das ist allen klar." Doch Zschäpe wolle nur auf schriftliche Fragen antworten - "gut vorbereitet durch ihren Anwalt". Das sei rechtlich zwar nicht ausgeschlossen, aber es zeige dem Gericht auch, dass diese Aussage eben nur ein Konstrukt ist: "Bei der leisesten spontanen Nachfrage droht es zusammenzustürzen." Das Gericht habe, so das Blatt weiter, zum einen die Pflicht zur Aufklärung, "es muss alles möglich machen, um so viele Erkenntnisse wie möglich zu gewinnen". Es dürfe sich dabei aber zum anderen "nicht selbst in die Hand der Angeklagten begeben". Zschäpe habe eigentlich schon alles gesagt: "Ihre Aussage ist eine Ausflucht, in sich unlogisch, unglaubwürdig und mit dem Schnörkel, noch schnell Mitleid mit den Opfern zu zeigen, auch jämmerlich."

"Unabhängig davon, wie ernst sie es mit ihrer 'moralischen Schuld' meint: Frau Zschäpe hat das Tatsachengerüst der Anklage im Wesentlichen bestätigt", kommentiert die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Sie hätte es aufgrund der zahlreichen Indizien auch kaum zum Einsturz bringen können, so die Zeitung weiter. Zur Schuldfrage schreibt die FAZ abschließend: "Sie lebte mit den Tätern, liebte sie, brauchte sie, wie sie jetzt sagte, und sie zerstörte nach deren Selbstmord das Haus, in dem sie lebten. Sie will aber immer erst im Nachhinein von den Morden erfahren und versucht haben, ihre Freunde davon abzubringen. Selbst wenn man das zugrunde legt: Wer mit diesen Tätern mit diesem ideologischen Hintergrund lebt und weiß, wie sie gezielt ausländische und deutsche Mitbürger umgebracht haben - ist der nicht eingeweiht? Er durfte jedenfalls nicht den bürgerlichen Schein dieses Trio infernale weiter aufrechterhalten."

Die Aachener Nachrichten werten Zschäpes Aussage als reine Inszenierung zum Selbstschutz: "Mit der Erklärung, die sie ihren Verteidiger Mathias Grasel gestern vorlesen ließ, zückt die 40-Jährige die Weibchenkarte. Sie inszeniert sich als naives, zart besaitetes Geschöpf, das auf der Suche nach Liebe in die Gesellschaft von verbrecherischen Neonazis geraten ist. Erst im Nachhinein will sie von den Morden erfahren und vollkommen entsetzt reagiert haben. Mitglied im NSU sei sie nicht gewesen. Eine Pistole habe sie nur angefasst, um sie - ganz pflichtbewusste Hausfrau - beim Aufräumen in den Schrank zu legen. (...) Beate Zschäpe höhnt weiter, indem sie vortäuscht, zur Klärung der beispiellosen NSU-Verbrechensserie beitragen zu wollen. Sie weiß genau, was sie tut und sie weiß auch, wann es zu tun ist."

Die Hannoversche Allgemeine Zeitung konstatiert zu hohe Erwartungen im Vorfeld von Zschäpes Aussage: "Die Hauptangeklagte tut, was Angeklagte vor Gericht nun mal tun: Sie verteidigt sich mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln des Rechtsstaats. Die Enttäuschung, der Ärger über ihre Ausführungen sind verständlich. Sie sind aber auch Ausdruck der zu hohen Erwartungen an diesen Gerichtsprozess."

Zusammengestellt von Aljoscha Ilg.

Quelle: n-tv.de

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