Pressestimmen

Lammerts Einlassung zu Erdogan "Wäre von Merkel bis hin zur Linken wählbar"

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(Foto: picture alliance / dpa)

Bundestagspräsident Norbert Lammert reagiert mit deutlichen Worten auf die Entgleisungen Erdogans, der als Reaktion auf die Armenien-Resolution türkischstämmige Politiker als "verdorbenes Blut" bezeichnete. Das veranlasst sogar die sonst eher zurückhaltende Kanzlerin zu Applaus: Demonstrativ signalisiert Merkel so die Unterstützung der Bundesregierung. Die Presse feiert Norbert Lammert indes als potentiellen Nachfolger für den scheidenden Bundespräsidenten Joachim Gauck.

Die Kommentatoren der Frankfurter Allgemeinen Zeitung stellen angesichts der deutlichen Worte von Bundestagspräsident Norbert Lammert fest: "Es war höchste Zeit, dass diese Übergriffe entschiedener zurückgewiesen wurden als von der Bundeskanzlerin". Die Zeitung hält umgekehrt Angela Merkel vor, dass sie nach "der ersten Hasswelle aus der Türkei" lediglich gesagt habe, sie halte die Vorwürfe aus Ankara für "nicht nachvollziehbar". Aus der Sicht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung waren allerdings schon die ersten Entgleisungen Erdogans nicht nachvollziehbar: "Erdogan verhält sich zunehmend wie ein Autokrat, der eine bestimmte Vorstellung von Staat und Volk hat und diese mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verwirklichen sucht."

Ähnlich lobende Worte findet die Allgemeine Zeitung aus Mainz: "Nobert Lammert und Martin Schulz sind echte Sturmgeschütze der Demokratie." Lediglich zu bedenken sei, so die Zeitung, dass die beiden deutschen Politiker demokratisches Verhalten vom türkischen Präsidenten forderten, doch: "Demokratie (...) ist Erdogan erwiesenermaßen wesensfremd, er ist ein Autokrat." Die Kommentatoren stellen zudem die Absicht Erdogans in Frage, die Türkei in die EU führen zu wollen. Vieles, schreibt das Blatt aus Mainz, spreche dafür, dass er lieber eine Beinahe-Diktatur errichten wolle. "Das wäre nicht nur für das Land, sondern für ganz Europa problematisch."

"Na, da hat sich aber gestern jemand fürs Amt des Bundespräsidenten qualifiziert": so kommentiert die Neue Presse Lammerts scharfe Äußerungen zu Erdogan. Der Zeitung aus Hannover imponiert die klare Abgrenzung vom üblichen Vorgehen seitens der Bundesregierung: "Die sehr klare Abgrenzung von der üblichen regierungsamtlichen Schleimspur in Richtung Sultan Erdogan hat Lammert (…) prompt an die Spitze der möglichen Kandidaten schnellen lassen." Im Vergleich mit dem "betretenen Schweigen" und dem "öffentlichen Katzenbuckeln" seien die Einlassungen Lammerts so erfrischend gewesen, "dass sogar Kanzlerin Angela Merkel unüblicherweise von der Regierungsbank aus applaudierte." Angesichts des vakant werdenden Bundespräsidentenamts stellt die Neue Presse fest: "Ein Lammert wäre also von Merkel bis hin zur Linken wählbar."

Die Hannoversche Allgemeine Zeitung betrachtet die zurückhaltende Position Merkels ein wenig differenzierter: "Das deutsch-türkische Verhältnis liegt (…) noch nicht in Scherben. Das liegt auch an Angela Merkel." Zwar könne man aus gutem Grund empört sein über die Zurückhaltung der Kanzlerin, schreiben die Kommentatoren aus Hannover, geben jedoch umgehend zu bedenken: "Allerdings wäre niemandem geholfen, wenn sie die Provokationen Erdogans erwidern, wenn der Konflikt auf Regierungsebene ausgetragen würde." Denn leidtragend wären drei Millionen Deutschtürken, "von denen sich viele schon jetzt vor eine Zerreißprobe gestellt sehen."

Zusammengestellt von Judith Günther

Quelle: n-tv.de

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