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Olympia 2018 in Pyeongchang "Waren wir zu fair?"

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Die Südkoreaner sind aus dem Häuschen.

(Foto: dpa)

Dreimal wurden sie bereits abgelehnt. Nun bekommt Südkorea endlich die Chance, die Olympischen Winterspiele 2018 in Pyeongchang auszutragen. Damit fällt das IOC eine Entscheidung für das Geschäft und die Erschließung neuer Märkte. Das hat München nicht zu bieten. Die Stadt fragt sich bereits jetzt, ob sie zu bescheiden war.

Der Mannheimer Morgen spekuliert über die Motive der IOC-Entscheidung, ist sich aber bei einem sicher: "Um den Sport geht es auch in diesem Spitzenfunktionärsgremium erst in zweiter Linie. Das Konzept in München war trotz der vorgesehenen Milliardenbeträge relativ bescheiden – jedenfalls gemessen an den Beträgen, die das siegreiche südkoreanische Pyeongchang in Aussicht gestellt hat." Vielleicht sei dies ein Fehler gewesen, resümiert das Blatt. Denn die Olympischen Spiele seien eben allen voran auch "ein großes Geschäft". "Wintersporttradition hat Südkorea kaum, aber das ist egal. Hier wird jetzt ein Einfallstor für den riesigen asiatischen Wintersportmarkt eröffnet."

Auch für die Frankfurter Allgemeine Zeitung sind die Bewerbungsverfahren "ein Spiegel der globalen Realitäten". Mit der Aussicht auf 'Erschließung neuer Märkte' ködern Aufsteigernationen die Entscheidungsträger – "meist ältere Herren ohne unmittelbare materielle Sorgen", beobachtet das Blatt. Es hält dagegen, "dass auch Märkte Zeit zum Wachsen brauchen. Es ist nicht der Weisheit letzter Schluss, Winterspiele in ein Land zu vergeben, das zwar Schnee und Eis kennt, in dem aber allenfalls Eiskunstlauf und eine besondere Spielart des Eisschnelllaufs auf nennenswertes Publikumsinteresse stößt." Diese vernünftigen Begründungen habe das IOC mit der Wahl Pyeongchangs wiedermal nicht beachtet. "Den Südkoreanern sei ihr Sieg im dritten Anlauf gegönnt."

Für die Lübecker Nachrichten ist Pyeongchang aus denselben Gründen "eine logische, eine konsequente Wahl" und erinnert dabei an frühere Entscheidungen für Austragungsstätten sportlicher Wettkämpfe: "Vordergründig geht es bei den geheimen Wahlen zwar um Kriterien wie Infrastruktur, Nachhaltigkeit, Finanzierung oder Rückhalt in der Bevölkerung. Doch davon lassen sich die Herren der Ringe nur selten leiten. Auch nicht von den Bauern in Garmisch, die ihr Land nicht hergeben wollten. Die Olympia-Macher verteilen ihre Stimmen nach anderen Maßstäben. Das wichtigste Kriterium - egal ob die Marke Olympische Spiele oder Fußball-WM heißt - ist die Suche nach neuen Märkten, nach Finanzquellen. Sotschi 2014, die Winterspiele im Badeparadies, und Katar 2022, die Fußball-WM im Wüstensand, stehen dafür."

Die Stuttgarter Zeitung gewinnt der Absage an München und Garmisch-Partenkirchen als Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2018 etwas Gutes ab: "'Schad is, dass wahr is', sagt der Bayer, sendet aber auch sportlich und wie es sich gehört Glückwünsche nach Südkorea! Dabei mag sich manch unbedingter Befürworter der Spiele im Freistaat womöglich heute insgeheim selber gratulieren, denn es bleibt Stadt und Land jetzt doch einiges erspart, wovon die zurückliegende Ski-WM in der vorgesehenen Olympiadependance Garmisch-Partenkirchen nur einen ungefähren Vorgeschmack geliefert hat: Nun muss nicht noch zusätzlich geholzt und gebaut werden, und die Natur darf einigermaßen in Ruhe jenen Versehrtheitszustand versuchen zu kompensieren, der ihr selbst - namentlich unter der Zugspitze - längst schon reichen dürfte."

Die Süddeutsche Zeitung dagegen wirft einen Blick in die Zukunft, in der es nicht unbedingt um den Schutz der Natur und den Erhalt des natürlichen Lebensraumes geht: "Das Internationale Olympische Komitee hat sich für das Geschäft entschieden, für die vielen Milliarden, die in Asien, diesem noch nicht ganz so reifen.... Die Münchner Olympia-Bewerber werden sich in den nächsten Wochen fragen: Was haben wir falsch gemacht? Waren wir zu fair? Am Ende könnte der Entschluss stehen, sich nochmals zu bewerben, für 2022. Und zu zeigen, dass die olympische Idee nicht bloß dem Geld verpflichtet ist, sondern auch der Tradition."

Die Frankfurter Rundschau sieht in der Absage an München eine Chance zur Erkenntnis, und zwar, "dass ein Wandel nötig ist. Es braucht eine breite Bewegung von unten, um die Idee Pierre de Coubertins jenen zu entreißen, für die Olympische Spiele nichts weiter sind als die perfekte Projektionsfläche zur Verfolgung politischer und ökonomischer Interessen."

Quelle: ntv.de, zusammengestellt von Julia Kreutziger