Ratgeber

Inflation zieht an Für wen lohnen sich Neukundenaktionen beim Tagesgeld?

20.05.2026, 14:46 Uhr
imageEin Gastbeitrag von Max Herbst
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Die Durchschnittszinsen bundesweit verfügbarer Angebote für Tagesgeld liegen derzeit bei 1,32 Prozent. (Foto: Christin Klose/dpa-tmn)

Treue zahlt sich aus? Bei Tagesgeld gilt derzeit das Gegenteil. Wer bereit ist, regelmäßig den Anbieter zu wechseln, kann hervorragende Renditen erzielen. Um einen genauen Angebotsvergleich kommen Anleger aber trotzdem nicht herum, wenn sie die Vorteile dieses Modells vollständig ausschöpfen wollen.

Die Inflation zieht wieder an und auch sonst ist die Stimmung im Land eher so lala. Nur die Banken, so scheint es, tun alles dafür, etwas Frohsinn in den Alltag ihrer Kunden zu bringen.

Dieser Eindruck könnte zumindest entstehen, wenn man die derzeitige Vielfalt von Aktionsangeboten beim Tagesgeld betrachtet: Kaum eine Woche vergeht, in der die Anbieter nicht eine frische Neukundenaktion mit besonders attraktiven Zinssätzen ins Leben rufen. Aber warum ist das so?

Das besondere Balzverhalten der Banken

Um es vorwegzunehmen. Banken sind keine Wohltäter. Das Geschäftsmodell, Neukunden mit besonders guten Konditionen anzulocken, ist kühl kalkuliert.

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Max Herbst ist Inhaber der FMH-Finanzberatung, die seit 1986 unabhängige Zinsinformationen erstellt. (Foto: FMH)

Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass derzeit unendlich viel täglich verfügbares Geld auf den Girokonten der Banken herumliegt. Und zwar so gut wie unverzinst, wenn man von ein paar rühmlichen Ausnahmen wie etwa Trade Republic oder C24 absieht. Betrachten wir kurz diese geringen oder gar nicht verzinsten Kundeneinlagen. Wenn diese zur als Refinanzierung für Kredite dienen, dann ist dies ein lukratives Geschäft. Aber auch wenn sie nur so bei der Bank liegen und bei der EZB über Nacht geparkt werden, machen die Banken ein gutes Zinsdifferenzgeschäft.

Dazu muss man wissen: Wenn Banken Kundengelder nicht benötigen, parken sie die bei der Europäischen Zentralbank (EZB) und erhalten dafür (aktuell) zwei Prozent Zinsen. Bietet eine Bank einem Neukunden in den ersten Monaten drei Prozent oder sogar mehr fürs Tagesgeld, macht sie in dieser Zeit erst mal einen (wenn auch überschaubaren) Verlust. Selbst wenn die EZB demnächst den Leitzins etwas erhöhen sollte, um der Inflationsrate entgegenzuwirken, würde sich daran im Grund nichts ändern.

Warum also verhalten sich die Banken so?

Meine These: Es geht in erster Linie um den Zugang zu neuen Kunden, denen man früher oder später mehr als nur ein Tagesgeldkonto andienen kann. Dafür spricht schon die Tatsache, dass Kunden, wenn sie die Aktionszinsen nutzen wollen, neben dem Tagesgeldkonto oft auch ein Girokonto oder ein Depot eröffnen müssen.

Diese Strategie ist aus Bankensicht durchaus nachvollziehbar: Denn selbst wenn der Kunde nach dem Aktionszeitraum sein Tagesgeld zu einem Wettbewerber transferiert (um dort die nächsten Aktionszinsen zu nutzen), so bleibt in der Regel doch das Girokonto oder das Depot bestehen. Niemand will schließlich alle paar Monate sein Girokonto wechseln - auch wenn der eigene Kontowechsel-Aufwand überschaubar ist. Dem Schufa-Score der Kunden tut ein solches Vorgehen des häufigen Wechselns allerdings nicht gut.

Genau hier geht das Kalkül der Banken dann auf. Denn das Girokonto ist der Zugang zum Kunden, der ursprünglich als Tagesgeldsparer zur Bank gekommen ist und deshalb die Mittel haben dürfte, um einen kleineren oder größeren Kredit zu bedienen. Und weil sich mit Krediten gut verdienen lässt, geben etwa die BBBank oder die ING neuen und bestehenden Girokunden bei der Baufinanzierungen einen Zinsnachlass von 0,1 Prozentpunkten. Bei einem Kredit über 400.000 Euro macht dies innerhalb von zehn Jahren rund 3500 Euro Restschuldvorteil aus.

Regelmäßiger Partnertausch: Ein bisschen mühsam, aber sinnvoll

Trotz der unbestreitbaren (möglichen) Vorteile solcher Angebote sollten Kunden bei solchen Koppel-Verträgen (Tagesgeld plus Girokonto oder Tagesgeld plus Depot) aber genau hinschauen, welche Gebühren mit den Zusatzprodukten verbunden sind. Ein Vorteil beim Tagesgeldzins nützt schließlich nicht viel, wenn beim Girokonto hohe Gebühren für die verschiedensten Bankdienstleistungen anfallen und das Plus (fast) wieder aufzehren.

Das Gleiche gilt auch bei der verpflichtenden Wertpapierdepot-Eröffnung. Auch hier sollte das Preismodell zu den eigenen Anlagegewohnheiten passen. Damit stellt sich die grundsätzliche Frage: Ist Tagesgeld-Hopping wirklich eine sinnvolle Option - oder steht der Aufwand in keinem Verhältnis zum Ertrag?

Tagesgeldkonten im Vergleich

Aus mathematischer Sicht ist die Antwort schnell gegeben. Wer von seiner Hausbank als Bestandskunde 0,75 Prozent auf eine Einlage von 50.000 Euro bekommt, als Neukunde bei einer anderen Bank aber vier Prozent für vier Monate garantiert bekommt, der macht innerhalb dieser Zeit ein Plus von 541,66 Euro. Selbst wenn man für die Eröffnung des Kontos und den Geldtransfer einen Zeitaufwand von drei Stunden unterstellt, ist das kein schlechter Schnitt. Und die Marge erhöht sich, je höher der Anlagebetrag ist.

Fakt ist aber auch: Um maximal von den Neukundenzinsen der Banken zu profitieren, müssen Sparer nach dem Ablauf des Aktionszeitraums erneut das Konto wechseln. Denn als Bestandskunde ist man bei den meisten Neukunden-Aktionen bald wieder bei unter einem Prozent Tagesgeldzins.

Wer also nicht bereit ist, drei- bis viermal pro Jahr ein neues Tagesgeldkonto zu eröffnen, an dem verdient die Bank dann irgendwann doch wieder - und sei es aufgrund des Zinsdifferenzgeschäftes zwischen dem Tagesgeldzins und dem Einlagezins der EZB.

Fazit: Für Sparer lohnt es sich derzeit, die Top-Tagesgeld-Angebote der Banken regelmäßig mitzunehmen, auch wenn der ständige Anbieterwechsel ein bisschen lästig ist. Bei Koppelverträgen sollten Anleger den Vorteil mit den Gebühren für Girokonto und/oder Depot gegenrechnen. Denn eines ist sicher: Banken sind keine Wohltäter, sondern Wirtschaftsunternehmen, die ihren Neukunden vor allem deshalb etwas Gutes tun, weil sie sich langfristig Gewinne von ihnen erhoffen.

Max Herbst ist Inhaber der FMH-Finanzberatung, die seit 1986 unabhängige Zinsinformationen erstellt.

Quelle: ntv.de

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