Ratgeber

Einflussnahme auf Schulkarriere Können Eltern gegen miese Noten klagen?

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Bei zu vielen Fünfen auf dem Zeugnis droht das Sitzenbleiben.

(Foto: imago/Panthermedia)

Darf der Lehrer seinen Schülern das Handy wegnehmen? Können Eltern ihre Kinder vom Unterricht freistellen? In welchen Fällen sollten Schüler sich gegen schlechte Noten wehren? Pädagoge Dr. Thomas Böhm weiß, was in der Schule erlaubt ist und was nicht.

Eltern wollen bekanntlich das Beste für ihre Kinder. Die Schule legt in der heutigen Leistungsgesellschaft die Grundlage dafür, ob das eigene Kind später einmal erfolgreich wird. Umso verständlicher ist es natürlich, wenn Eltern alles dafür tun möchten, damit ihre Kinder im Klassenzimmer nicht benachteiligt oder in ihrer Entwicklung negativ beeinflusst werden. Doch bis zu welchem Grad können Eltern die schulische Laufbahn ihres Kindes beeinflussen?

Pädagoge und Schulrechtsexperte Dr. Thomas Böhm bringt in seinem neuen Buch "Diese Note akzeptieren wir nicht. Welche Rechte Eltern in der Schule haben" Licht ins Dunkel. Mit n-tv.de sprach er über alltägliche Fragen, bei denen Eltern, Schüler und Lehrer häufig in Konflikt geraten. Dabei ist die Sache ziemlich eindeutig.

n-tv.de: Hat der Versuch der Einflussnahme von Eltern auf die Schulkarriere ihrer Sprösslinge in den letzten Jahren zugenommen?

Thomas Böhm: Die Fälle, in denen Eltern rechtliche Hilfe in Anspruch nehmen oder Beschwerden einreichen, haben definitiv zugenommen. Man kann jedoch nicht sagen, dass Eltern sich heute mehr um den Schulerfolg ihrer Kinder kümmern. Im Gegenteil: Viele kümmern sich relativ wenig, um dann in bestimmten Konfliktsituationen Kritik anzubringen. Den Eltern ist häufig gar nicht klar, dass der Erfolg der Kinder eine Zusammenarbeit mit der Schule voraussetzt. Das entspricht der Rechtslage. Im Schulgesetz steht zum Beispiel, dass Eltern vertrauensvoll mit den Lehrern zusammenarbeiten müssen. Das gilt natürlich auch umgekehrt. Jemand, der den Lernerfolg  seines Kindes fördern will, wird nicht auf rechtliche Mittel setzen, sondern sich kontinuierlich im Kontakt mit der Schule um den Lern- und Erziehungserfolg kümmern.

In welchen Fällen können Eltern gegen eine schlechte Note vorgehen?

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Dr. Thomas Böhm studierte Rechtswissenschaft, Anglistik und Pädagogik in Bonn und Bochum. Er ist Dozent am Institut für Lehrerfortbildung in Essen-Werden.

Wenn der Lehrer etwas abfragt, was er im Unterricht nicht behandelt hat, dann ist das rechtswidrig. Man müsste natürlich im Gespräch mit dem Lehrer klären, ob das überhaupt der Fall ist. Möglicherweise hat das Kind nur nicht richtig aufgepasst, oder fand die Aufgabe einfach zu schwierig. Wenn das Kind sagt, die Note ist unfair, müsste man dahingehend erst einmal genauer nachfragen. Wenn das Kind dann zum Beispiel sagt, dass der Test sehr schwierig war, dann gehört das zum Beurteilungsspielraum des Lehrers. Er darf natürlich auch schwierige Aufgaben stellen.

"Der Lehrer mag mich nicht und gibt mir deshalb immer schlechte Noten. Eigentlich bin ich viel besser" – einen solchen oder ähnlichen Satz bekommen Eltern manchmal von ihren Kindern zu hören. Können sie in so einem Fall etwas tun, um ihrem Kind zu helfen?

Manchmal bezieht sich das nur auf ein vages Gefühl, obwohl es keine Beweise gibt. Wenn der Lehrer sich aber über das Kind lustig macht, es bloßstellt oder Dinge tut, die nicht zu seinem Unterrichts- und Erziehungsauftrag gehören, dann sollten die Eltern mit dem Lehrer sprechen. Wenn der Lehrer wirklich etwas falsch gemacht hat, reicht oft eine Entschuldigung seinerseits aus. Im Zweifelsfall können sich die Eltern an den Schulleiter wenden. Manchmal stellt sich aber auch heraus, dass es sich lediglich um eine übertrieben empfindsame Wahrnehmung des Kindes gehandelt hat. Für die Note ist das nicht relevant. Da müsste man nachweisen, dass der Lehrer dieses Kind benachteiligt und deswegen eine schlechtere Note vergeben hat. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn andere Kinder bei einem Verstoß gegen bestimmte Regeln bei einer Klassenarbeit lediglich eine Verwarnung bekommen haben und das eigene Kind zwei Punkte Abzug erhalten hat.

Welche Voraussetzungen müssen für das Sitzenbleiben erfüllt sein?

Wenn das Kind nur eine 5 hat und trotzdem nicht versetzt wurde, dann ist die Frage nicht ganz unberechtigt. Wahrscheinlich sind dann die Versetzungsbedingungen nicht erfüllt, zum Beispiel wenn Schüler mindestens eine 4 in allen Fächern haben müssen. Die Versetzungsregelungen sind in den Bundesländern und je nach Schulform unterschiedlich. Der einfachste Weg ist immer der, dass man zur Schule geht und fragt, was jetzt genau die Versetzungsbedingungen waren, und warum sie nicht erfüllt sind. In der Versetzungsordnung ist genau definiert, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit ein Schüler versetzt wird. Wer dies nachlesen möchte, kann die Schule bitten, die Vorschrift zu zeigen. Man findet sie auch auf der Seite des Schulministeriums.

Können sich Eltern gegen Unterrichtsausfall wehren, und wenn ja, in welchen Fällen?

Rechtlich hat man da sehr schlechte Aussichten. Gegen Unterrichtsausfall kann man nur vorgehen, wenn die Schullaufbahn des Kindes und der Schulabschluss akut gefährdet sind. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn in einer Abschlussklasse vor einer zentralen Prüfung in einem Prüfungsfach sehr viel Unterricht ausfällt. Dann hat man eine Chance. Jedoch nehmen die Schulen in der Regel darauf Rücksicht. Wenn man zu wenig Lehrer hat und Unterricht ausfällt, dann versucht man in den Abschlussklassen den Unterricht möglichst vollständig zu erteilen. Wenn zwischendurch in der Schullaufbahn Unterricht ausfällt, kommt es darauf an, welches Fach das ist und welche Stelle der Schullaufbahn. In der Regel kann man das wieder aufholen. Das muss die Schule dann auch berücksichtigen. In bestimmten Fächern ist selbst das Aufholen ohnehin nicht relevant für den Abschluss, sodass es auch ausbleiben kann.

Kann das Kind auch ohne Gymnasialempfehlung auf das Gymnasium geschickt werden?

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Es gibt nur noch ganz wenige Bundesländer, die den Übergang von der Grundschule zur weiterführenden Schule von einem ganz bestimmten Notendurchschnitt in bestimmten Fächern abhängig machen. In nahezu allen Bundesländern gibt es zwar eine Grundschulempfehlung, aber es ist nur eine Empfehlung. Das heißt, die Eltern sollen sie zur Kenntnis nehmen und ernsthaft darüber nachdenken, ob das nicht eine begründete Empfehlung ist. Wenn sie dann ihr Kind trotz nicht vorhandener Empfehlung auf ein Gymnasium schicken wollen, kann der Schulleiter die Aufnahme auf die Schule deswegen nicht ablehnen. Der Schulleiter wird dem Kind erklären, warum es für den Bildungsgang ungeeignet ist. Wenn sich die Eltern aber nicht überzeugen lassen, dann können sie das Kind trotzdem an der von ihnen gewünschten Schulform anmelden. In den Ländern, in denen es sich um eine Grundschulempfehlung handelt, hat man Anspruch darauf. Nur wenn gesetzlich festgelegt ist, dass die Kinder einen bestimmten Notendurchschnitt erreichen müssen, um bestimmte Schulformen besuchen zu können, hat man diesen Anspruch nicht. Das ist aber die Ausnahme.

Gibt es einen Anspruch auf eine "Wunschklasse"?

Nein, da gibt es keinen Anspruch. Das ist eine innerschulische, organisatorische Frage, in welche Lerngruppen und Klassen die Kinder kommen. Man kann sich mit diesem Wunsch an die Schulleitung wenden. Ob diese dann Rücksicht nimmt, ist ausschließlich ihre Entscheidung.

Wie sieht es aus, wenn der Nachwuchs gemobbt wird?

Da ist es so, dass die Eltern das mit dem Klassenlehrer und der Schulleitung besprechen müssen. Wenn tatsächlich ein Mobbing-Problem besteht, dann sollte eigentlich das mobbende Kind die Klasse wechseln. Es ergibt ja wenig Sinn, das Opfer jetzt auch noch zu bestrafen, indem es in eine andere Klasse kommt.

Und wenn es mehrere Schüler sind, die mobben?

Natürlich kann man auch zwei Schüler in eine andere Klasse schicken. Man kann diese Schüler auch vorübergehend vom Unterricht ausschließen. Bei einem ernsthaften Mobbing-Vorgang wird häufig die Entlassung angedroht. Dann hört das Mobbing häufig schon allein deshalb auf, weil die Täter der Schule bekannt sind und unter Beobachtung stehen. Gleichzeitig wissen sie: Wenn dieses Fehlverhalten fortgesetzt wird, folgt die Schulentlassung.

Viele Eltern sind mit dem Sexualkundeunterricht in der Schule nicht einverstanden. Können sie in solchen Fällen ihre Kinder vom Unterricht freistellen?

Es gibt eine gesetzliche Verpflichtung, am Unterricht teilzunehmen und diese können die Eltern nicht aufheben. Die Eltern können einen Antrag auf Befreiung vom Unterricht stellen, entweder von einzelnen Stunden oder Sequenzen. So ein Antrag wird aber mit größter Sicherheit abgelehnt, weil der Unterricht und die Unterrichtsteilnahme Vorrang haben. Wenn die Eltern sagen, wir sind mit bestimmten Inhalten nicht einverstanden, zum Beispiel im Bereich der Sexualerziehung, sollte die Schule ihnen erklären, was da gemacht wird. Die Eltern können auch das Unterrichtsmaterial sehen. Dann können sie mit ihren Kindern darüber sprechen und die ihre Auffassungen vertreten. Die Schule hat einen Unterrichts- und Erziehungsauftrag. Eltern können ihre Kinder auch nicht vom Deutschunterricht befreien, wenn die Lektüre, die gerade gelesen wird, Auffassungen vertritt, die sie überhaupt nicht teilen.

Können Eltern ihre Kinder während der Fastenzeit vom Sportunterricht befreien?

Grundsätzlich nicht. Wenn jedoch ein Schüler in einem sehr schlechten Ernährungszustand ist, kann ein Sportlehrer ihm nicht zumuten, bestimmte Kraft- und Ausdauerübungen zu machen. Der Schüler kann auch zum Lehrer gehen und sagen, dass er sich schlecht fühlt. Aber niemand hat ein Recht darauf, für mehrere Wochen einfach dem Sportunterricht fernzubleiben.

Müssen also auch Besuche in religiösen Stätten, wie Kirchen oder Moscheen von den Eltern hingenommen werden?

Ja, bis zu einer bestimmten Grenze. Wenn eine Moschee, Kirche oder Synagoge besucht wird, müssen die Kinder daran teilnehmen, weil das Teil des Unterrichts ist. Was die Schule nicht darf, ist Missionieren und Kinder zwingen an bestimmten religiösen Handlungen teilzunehmen. Der Vertreter der Religionsgemeinschaft kann erklären, aber die Kinder nicht auffordern, religiöse Handlungen vorzunehmen.

Dürfen Eltern ihre Kinder wegen einer Urlaubsbuchung auch außerhalb der Ferienzeit vom Unterricht freistellen?

Man würde dann einen Beurlaubungsantrag stellen. Diese Anträge werden aber in der Regel abgelehnt. Die Länder wollen verhindern, dass sich die Schulen leeren und die Eltern selbst festlegen, wann die Kinder zur Schule gehen und wann nicht. Die Eltern dürfen ihre Kinder nicht vor den Ferien aus der Schule nehmen und sie nicht später als nach Ferienende zurück schicken.

Darf der Lehrer meinem Kind das Handy wegnehmen und einbehalten? Wenn ja, wie lange?

Wegnehmen darf er das, wenn der Unterricht mit dem Handy gestört wird. Wie lange der Lehrer es behalten darf, hängt von den Umständen ab. Das heißt: Wie häufig hat das Kind schon damit gestört und was für eine Art von Störung war das? Hat das Kind eventuell mit dem Handy Dinge getan, die über eine unerlaubte Nutzung weit hinausgehen? Das wäre der Fall, wenn es Mitschüler in Situationen, in denen sie lächerlich gemacht werden, gefilmt hat. Vielleicht hat das Kind auch Gespräche aufgenommen, die man nicht aufnehmen darf. Je nach den Umständen, gibt man das Handy entweder am Ende der Unterrichtsstunde, am Ende des Unterrichtstages oder ein paar Tage später zurück. Ob der Lehrer das Handy dem Kind selber oder den Eltern zurück gibt, hängt davon ab, ob eine Notwendigkeit besteht, mit den Eltern zu sprechen. Das wäre beispielsweise bei Verstößen der Fall, die schon häufiger vorgekommen sind und gar nicht mehr aufhören. Hier würde man sicherlich die Unterstützung der Eltern haben wollen, damit diese auf ihr Kind einwirken.

Mit Dr. Thomas Böhm sprach Isabel Michael

Quelle: n-tv.de

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