Ratgeber

"In keiner Weise bedrohlich" Müssen Kleinanleger den Grexit fürchten?

Griechenland steht finanziell am Abgrund und das lässt auch deutsche Kleinanleger nicht kalt. Sind die Ersparnisse in Gefahr, wenn das Land in die Pleite schlittert? Sollte man Aktien jetzt besser verkaufen? Nur in bestimmten Fällen, sagen Experten.

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Ein Staatsbankrott Griechenlands würde nicht automatisch den Austritt aus der Euro-Zone bedeuten.

(Foto: imago/Christian Ohde)

Die Mehrheit der Deutschen würde Griechenland am liebsten aus der Eurozone werfen, doch das käme ganz Europa teuer zu stehen. Noch ringt das Land mit seinen Geldgebern um eine Lösung, denn am 30. Juni läuft das schon zweimal verlängerte Hilfsprogramm aus. Ohne Einigung droht dem Land der Staatsbankrott. Und dann? Welche Folgen hätte das für Verbraucher? Antworten auf wichtige Fragen:

Ist die Lage in Griechenland eine Bedrohung für andere EU-Länder?

Europa geht es nach Ansicht von Experten wirtschaftlich eigentlich gut. "Das einzige größere wirtschaftliche Problem ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit", sagt etwa der Leiter des Lehrstuhls für Bank- und Börsenwesen an der Humboldt Universität in Berlin, Prof. Richard Stehle. Seiner Ansicht nach ist die Lage in Griechenland für die anderen Länder der EU in "keiner Weise bedrohlich".

Marc Tüngler, der Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), ist optimistisch, dass die Staats- und Regierungschefs noch eine Lösung für das Problem finden und einen Staatsbankrott vermeiden. "Alles andere würde mich wundern", sagt Tüngler. Schließlich sei schon viel investiert worden. "Alle sind zu einer Lösung verdammt." Eine Staatspleite könnte auf jeden Fall erstmal sehr teuer werden, warnen Ökonomen. Allein Deutschland könnte durch den Grexit auf einen Schlag rund 70 Millarden Euro verlieren, fürchtet Marcel Fratzscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Müssen sich Verbraucher in Deutschland jetzt Sorgen machen?

Im Moment eher nicht. "Der Unterhaltungswert der Griechenland-Krise ist um ein Vielfaches höher als die realen wirtschaftlichen Bedrohungen, die von Griechenland ausgehen", findet Stehle. Die direkten Auswirkungen auf die Depots und Sparanlagen der Bundesbürger werden sich nach Ansicht der Experten eher im Rahmen halten.

Altersvorsorgeprodukte wie Lebens- oder Rentenversicherungen zum Beispiel sind kaum direkt betroffen. Denn kaum ein Versicherer dürfte in griechische Wertpapiere investiert haben. 

Wer sein Geld einfach nur sicher anlegen will, etwa auf Festgeld- oder Tagesgeldkonten, wird künftig kaum Rendite machen. "Sparer sollten damit rechnen, dass die Zinsen noch länger niedrig bleiben", prognostiziert Tüngler. "Wenn Griechenland pleitegeht, sicherlich noch über zehn Jahre", ergänzt Stehle.

Laut dem Wirtschaftsprofessor Max Otte wäre ein Bankrott ganz im Sinne der Sparer. Denn dadurch könnte sich die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank ändern, sagte Otte dem "Focus". Die Folge: Mittelfristig würden Sparbücher und Festgeldkonten wieder attraktiver.  

Was könnten die direkten Folgen einer Pleite sein?

Scheitern alle Verhandlungen, wird sich das aller Voraussicht nach zunächst vor allem auf die Kurse an den Börsen auswirken. "Aktien werden wahrscheinlich darunter leiden", glaubt Tüngler. Laut Stehle könnten die Kurse von Aktien in Deutschland gut um zehn Prozent sinken. Schon jetzt reagieren die Märkte auf Nachrichten rund um das Thema Griechenland nervös. Einen nachhaltigen Einbruch befürchtet Stehle aber nicht. Die Kurse dürften "bald darauf sicher wieder nach oben klettern", meint der Wirtschaftswissenschaftler. Denn die Probleme Griechenlands würden Europa wahrscheinlich nicht dauerhaft belasten.

Stefan Kreuzkamp ist Chefstratege des Vermögensverwalters der Deutschen Bank und auch er sieht keine massiven Störungen auf den Finanzmärkten durch einen eventuellen Grexit. Rund 80 Prozent der griechischen Staatsschulden würden vom Rettungsschirm EFSF, der Europäischen Zentralbank und anderen Euro-Ländern gehalten. "Das Ansteckungsrisiko für den Rest der Eurozone - insbesondere für Geschäftsbanken - ist daher gering."

Es ist nicht ganz auszuschließen, dass die Kurse bei einem Staatbankrott sogar steigen. "Möglicherweise gibt es bei einer Pleite auch ein Aufatmen an den Börsen", sagt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg in Stuttgart. Auch so eine Reaktion habe es bei ähnlichen Ereignissen in der Vergangenheit schon gegeben. Denn sind die Verhältnisse erst einmal geklärt, könnte das für Wachstumsimpulse in der Wirtschaft sorgen.

Was sollten Sparer tun?

Ruhe bewahren. "Es gibt keinen Grund, in Panik zu verfallen", sagt Annabel Oelmann von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. "Solange Sie keine griechischen Wertpapiere im Depot haben, müssen Sie eigentlich nichts befürchten." Grundsätzlich sollten Anleger ihr Vermögen breit streuen. "Überprüfen Sie im Zweifel ihre Anlagestrategie", so die Verbraucherschützerin. "Wer sein Geld mittelfristig gut diversifiziert angelegt hat, muss keine Angst haben", sagt auch Hermann-Josef Tenhagen, Chef der Verbraucher-Website Finanztip.

Etwas anders liege der Fall, wenn man Geld aus Aktien in den nächsten Wochen oder Monaten benötige: "Dann muss man vorsichtiger sein und auch mal Kasse machen", sagt Tenhagen. Auch Stehle schließt kurzfristige Turbulenzen nicht aus: "Wer schon weiß, dass er aus Liquiditätsgründen im nächsten Monat Aktien verkaufen will oder muss, sollte es besser schon jetzt tun", rät der Professor.

Will man seine Aktien sowieso noch einige Zeit halten, muss man nach Einschätzung der Experten jetzt aber nicht in Aktionismus verfallen. Das Wichtigste: "Keine unüberlegten Käufe von dubiosen Anlageprodukten oder überteuerten Immobilien machen."

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Quelle: ntv.de, ino/dpa