Ratgeber

Von hilfreich bis unsinnig Was können Medizin-Wearables?

imago87983246h.jpg

Wearables können Vitalfunktion, Verhalten und Einfluss von Umweltfaktoren im Alltag messen.

(Foto: imago/Panthermedia)

Die Uhr misst den Puls, das Blutdruck-Messgerät funkt Daten ans Smartphone. Immer mehr vernetzte medizinische Geräte kommen auf den Markt - teils mit konkretem Nutzen, andere mit fantastischen Versprechungen. Aber woran erkennt man gute Wearables?

Blutdruckmessgeräte kennen wohl die meisten. Manschette, Schlauch, Messgeräte, manche haben einen kleinen Computer eingebaut. Doch das war gestern, wie etwa ein Blick auf die Ausstellungsstücke auf der Elektronikmesse CES im Januar in Las Vegas zeigte. Das Blutdruckmessgerät der Zukunft ist vernetzt und kann dazu noch ein EKG schreiben und die Herzklappen überwachen.

Das BPM Core genannte Gerät eines französischen Herstellers ist nur ein Beispiel für die Entwicklung der Medizintechnik-Branche in Richtung Wearables, tragbare Technik also. Gesundheitsgeräte werden zunehmend kleiner, vernetzter und vielseitiger. Auf Verbraucher kommen Sportuhren zu, die nicht nur den Herzschlag, sondern auch EKG erfassen können. Dazu vernetzte Blutzucker-Messgeräte, App-verwaltete Kegel-Trainingsgeräte oder Sensorgürtel für werdende Mütter, die Sorge um ihr Baby haben - um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Was davon braucht man eigentlich?

Viele Hersteller mit vielen Geräten für noch mehr Anwendungsfälle kämpfen um die Gunst der Käufer. Aber was davon braucht man eigentlich? Und was ist eher Unsinn? "Bislang waren das eher Nischenprodukte, aber seit einigen Jahren werden die Produkte auch im Medizinbereich zunehmend kommerzialisiert", hat Oliver Amft festgestellt. Er ist Professor und Leiter des Lehrstuhls für Digital Health an der Universität Erlangen-Nürnberg und sieht den Einsatz von Gesundheitswearables zunächst einmal positiv.

Mit bisherigen Diagnosemethoden konnten Mediziner Messdaten ihrer Patienten überwiegend unter Laborbedingungen erheben. "Die Wearables gehen weiter, weil sie die Möglichkeit bieten, Vitalfunktion, Verhalten und Einfluss von Umweltfaktoren im Alltag zu messen", sagt er. Mit der richtigen Technik könnten Ärzte viel genauer hinsehen und etwa den Blutdruck eines Patienten über Tage und Wochen beobachten - und so etwa die Auswirkungen von Medikamenten beobachten oder Symptome erfassen, die in der Arztpraxis nicht feststellbar waren.

Auch Marcel Weigand, Vorstandsmitglied im Aktionsbündnis Patientensicherheit, sieht viele praktische Anwendungsfelder. Kardiologen könnten in den per Wearable und App gesammelten Daten schneller Hinweise auf Herzrhythmusstörungen finden, Diabetiker ihren Blutzuckerspiegel regelmäßig prüfen und automatisch dokumentieren. So bleibe im Arzt-Patienten-Alltag mehr Zeit für das, was Weigand "die sprechende Medizin" nennt.

Und es gibt einen weiteren Aspekt: Die Eigenständigkeit, im Alter etwa. Manche Sportuhren können etwa erkennen, wenn ein Träger stürzt. Nach einer Minute ohne Reaktion wird ein Notruf abgesetzt. "Wenn durch solche Geräte ermöglicht wird, dass Patienten länger eigenständig bleiben, ist das eine gute Sache", sagt Weigand.

Sicherheitsgefühl erhöhen 

Auch der Wohlfühl-Effekt darf nicht vernachlässigt werden. Fühlt sich etwa ein Herzpatient nicht gut, und die Technik am Handgelenk kann Entwarnung geben, macht das manchen Besuch in der Notaufnahme vielleicht unnötig. Oder im Gegenzug: Technik, die rechtzeitig vor ungewöhnlichen oder kritischen Zuständen warnt, erhöht das Sicherheitsgefühl.

Solche Sportuhren, Blutdruckmesser und weitere Geräte gibt es mittlerweile schon für Preise ab knapp über 120 Euro aufwärts. Aber kann man sich auf ihre Messungen verlassen?

Die Apple Watch etwa misst den Herzschlag oder kann Stürze ihrer Träger erkennen. Das jüngste Modell misst - aktuell noch nicht in Europa - per Fingerauflage ein einfaches EKG. Während der Messung erklärt das Gerät auf dem kleinen Display aber eindeutig, dass es keine Herzinfarkte feststellen kann. Dafür erfährt man, ob der Herzschlag normal ist oder Anzeichen eines Vorhofflimmerns bestehen.

Hierhin zielen auch die Sportuhren des französischen Herstellers Withings, die neben zahlreichen anderen Körperdaten ein EKG erfassen können. Weil sie lediglich über einen Kontakt messen - und nicht wie ein klinische EKG-Messgeräte über mehrere - konzentrieren sich diese Uhren auf die Anzeichen eines Vorhofflimmerns.

Hier würden die Geräte alle für Zulassungen nötige Tests passieren, erklärte Mitgründer Eric Carreel im Rahmen der CES. "Tatsache ist, dass viele Menschen an Herzerkrankungen leiden, darunter auch Vorhofflimmern." Die Tücke daran sei aber, dass die Symptome nur sporadisch auftreten. Mit den Uhren könne man solche Zustände in dem einen Moment messen und nicht erst Tage später in der Arztpraxis.

Siegel nicht überbewerten

Oliver Amft, von Haus aus Elektrotechniker, spricht den Geräten am Markt eine gewisse Genauigkeit zu. Geräte großer Hersteller von Sportuhren, Fitness-Armbändern und ähnlichen Geräten seien sehr gut validiert in ihrem bestimmten Anwendungsbereich. Der Herzschlag etwa könne damit gut erfasst werden. "Mit gut meine ich nicht so genau wie unter klinischen oder Laborbedingungen", schränkt er allerdings ein. Viele der angebotenen Wellness-Wearables seien als Ergänzung zur Gesunderhaltung geeignet - aber eben nicht so präzise wie wesentlich teurere Spezialgeräte.

Und egal, wie gut sie nun messen oder nicht: Einen Arztbesuch könne das Tragen solcher Geräte nicht ersetzen, sagt Gesundheitswissenschaftler Marcel Weigand. Vielleicht können sie aber zu einem nötigen Arztbesuch animieren.

Aber wie findet man nun heraus, welche Gerät taugt und welches nicht? Das ist gar nicht so einfach, erklärt Oliver Amft. Er rät, auf Zulassungen als Medizinprodukt zu achten. Die sind aber noch eher selten. Einige Hersteller werben etwa mit einer Zertifizierung durch die US-Behörde FDA. Laut Amft ein "ganz guter Hinweis auf eine gewisse Leistungsfähigkeit".

Allerdings solle man solche Siegel nicht überbewerten. Wichtig sei, wofür genau diese Zertifizierung bestehe. Weigand sieht das ähnlich. "Es ist ein Anhaltspunkt, sagt aber nichts darüber aus, ob ein Produkt in Deutschland zugelassen wird oder ob Krankenkassen ein Produkt erstatten würden."

Vorsicht vor Hypochondrie

Eine fehlende Zertifizierung muss wiederum kein Hinweis auf schlechte Qualität sein. "Schauen Sie auf die Validierungsstudien", rät Amft. Manche Hersteller gehen damit sehr offensiv um und belegen die Funktionsversprechen ihrer Geräte. Hält sich ein Unternehmen auf der Website oder auf Nachfrage bedeckt, greift man lieber nicht zu.

Und dann sind da noch die Geräte von eher zweifelhaftem Nutzen. Stichwort Baby-Monitor, den sich werdende Mütter um den Bauch schnallen sollen. Immer dann, wenn ein Hersteller behauptet, sein Gerät könne diverse Krankheitsbilder oder Gesundheitsdaten ermitteln, ist Vorsicht angesagt, sagt Amft. "Da werden Sie schnell feststellen, dass da zu viel behauptet wird, aber wenig nachweisbar ist."

So sieht das auch Weigand: "Es wäre vermessen, wenn ein Fitnessarmband behaupten würde, dass darüber Krankheiten erkannt und behandelt werden können", sagt er über Geräte, die angeblich sehr viele Dinge auf einmal können.

Schlimmer noch: Solche Produkte und ihr Einsatz können eher einen gegenteiligen Effekt haben, sagt Weigand und warnt davor, sich ohne Anlass hochzurüsten - nicht nur aus Datenschutzgründen. "Manche Produkte erzeugen eher eine andere Krankheit, nämlich Hypochondrie", sagt der Gesundheitswissenschaftler. "Ich glaube nicht, dass es der Gesundheit zuträglich ist, wenn man ständig das Gefühl hat, jedes Körperteil von mir wird überwacht."

Quelle: n-tv.de, Till Simon Nagel, dpa

Mehr zum Thema