Reise
Schafe lassen sich in Georgien durch nichts aus der Ruhe bringen - auch nicht durch vorbeifahrende Autos.
Schafe lassen sich in Georgien durch nichts aus der Ruhe bringen - auch nicht durch vorbeifahrende Autos.(Foto: Reuters)
Samstag, 30. Dezember 2017

Berge, Meer und Wein in Georgien: Roadtrip durchs Land der Gegensätze

Von Franziska Türk

Schwarzmeerküste, Höhlenklöster, Berge, der älteste Wein der Welt und Herzlichkeit, die in Erinnerung bleibt: Georgien ist an Abwechslung kaum zu übertreffen. Am besten erkundet man das Land am Rande des Kaukasus mit dem Auto.

Wer mit dem Auto durch Georgien fahren möchte, braucht Zeit, viel Zeit. Da sind die Straßen, die immer wieder in Schotterpisten übergehen und mehr Loch als Straße sind. Die Kuh- und Schafherden, die ihre Siesta bevorzugt auf dem Mittelstreifen der Landstraßen verbringen. Und die durchaus dynamische Fahrweise der Georgier, für die die in Westeuropa - und theoretisch auch in Georgien - geltenden Verkehrsregeln allenfalls ein Vorschlag, nicht aber eine Vorschrift sind und die wenig überraschend den einen oder anderen Unfall zur Folge hat.

Datenschutz

Warum man sich hier, wo Europa auf Asien trifft, trotzdem hinters Steuer setzen sollte? Natürlich wegen der Landschaft, die am Autofenster vorbeizieht: Berge werden schnell zu Steppe und Stränden und Wäldern. Und wegen Menschen wie Luka, der mitten im Nirgendwo mit ausgestrecktem Daumen am Straßenrand steht. Heute ist Lukas 19. Geburtstag. Er ist auf dem Weg von seinem Heimatdorf in die Hauptstadt, dort ist er Schauspieler am Theater. Und er hat gerade fiesen Liebeskummer. Auf Englisch kann Luka das alles nicht so richtig erzählen, als er auf den Rücksitz des Mietwagens geklettert ist, von Germany oder Berlin hat er nie gehört.

Dass diese Fremden sein Land bereisen, freut ihn trotzdem riesig - sagt die monotone Übersetzerstimme von Google Translate, dank der es sich auf der Fahrt nach Tiflis stundenlang quatschen lässt, auch ohne gemeinsame Sprache. Hilft selbst der Übersetzer auf dem Handy nicht mehr weiter, wird eben gesungen. Und wenn abwechselnd georgische und deutsche Lieder gegrölt werden, gelacht und geklatscht, dann versteht man sich, auch ohne dass man sich versteht.

Weihrauch und Elektrobeats verschmelzen in der Hauptstadt

Jugendstilvillen säumen die Gassen in der Altstadt von Tiflis.
Jugendstilvillen säumen die Gassen in der Altstadt von Tiflis.(Foto: Franziska Türk)

Eine Reise durch Georgien beginnt und endet am besten in der Hauptstadt Tiflis: Jener Stadt an der Seidenstraße, in der im Laufe der Jahrtausende die Herrschaft der Römer, Araber, Perser und Russen ihre Spuren hinterlassen hat. Jugendstilvillen mit verschnörkelten Veranden säumen die Gassen der Altstadt hinauf zur Festung Nariqala aus dem dritten Jahrhundert, die die schönste Aussicht über die Stadt bietet. Der Blick von hier oben fällt auf experimentelle moderne Architektur, die einen krassen Gegensatz zur historischen Bebauung der Viertel Sololaki oder Vere bildet: auf die nur äußerlich fertiggestellte Konzerthalle, deren Architektur an zwei gigantische Lautsprecher erinnert, oder auf die geschwungene gläserne Friedensbrücke.

Tiflis, das ist die Stille in den unzähligen orthodoxen Kirchen aus Backstein, in denen Weihrauch wabert. Aber das sind auch die wummernden Bässe des Bassiani, eines Clubs im Keller eines Fußballstadions aus Sowjetzeiten, der als angebliche Konkurrenz zum Berliner "Berghain" gehypt wird. Wer hier in Hauptstadt das erste mit Käse gefüllte Chatschapuri-Fladenbrot gegessen und den ersten georgischen Rotwein getrunken hat, schwer und ungewohnt fruchtig zugleich, der ist bereit, loszufahren.

Das Kloster Dawit Garedscha liegt abgeschieden an der Grenze zu Aserbaidschan.
Das Kloster Dawit Garedscha liegt abgeschieden an der Grenze zu Aserbaidschan.(Foto: Ragna Sophie Werner)

Losfahren, das geht in Georgien problemlos mit einem Mietwagen, entsprechende Anbieter gibt es viele in Tiflis. Gut befahrbar ist vor allem die Ost-West-Achse, die Tiflis über Kutaissi mit Batumi am Schwarzen Meer verbindet. Auf allen anderen Straßen geht es eben ein wenig langsamer voran. Aber es geht voran: Von der quirligen Hauptstadt sind es nur 70 Kilometer zum Kloster Dawit Garedscha. Hier brennt die Sonne auf die in den Fels gehauenen Höhlen der Klosteranlage und angesichts der wüstenartigen Einöde, die den Ort umgibt, fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, weshalb sich der Einsamkeit verschriebene Mönche im 6. Jahrhundert hierhin zurückzogen.

Das Kloster verlor seine Bedeutung erst, als in der Osternacht 1615 über 6000 Mönche von der Armee des persischen Schahs ermordet wurden: Die Mönche wollten trotz des anrückenden Heers nicht auf ihr Osterfeuer verzichten und leuchteten ihren Feinden den Weg. Heute sitzen Soldaten nur wenige Meter weiter an der Grenze zu Aserbaidschan auf dem Boden und rauchen gelangweilt in der Mittagshitze, Gewehre baumeln von ihren Schultern. Und Echsen recken träge ihre Köpfe zwischen den aufgewärmten Sandsteinen hervor.

Vom Geheimtipp in die Top Ten der Reiseländer 2018

Die schroffen Gipfel Swanetiens erfreuen vor allem Bergfans.
Die schroffen Gipfel Swanetiens erfreuen vor allem Bergfans.(Foto: Daniela Zahn)

Von Echsen einmal abgesehen: Selbst bei Sehenswürdigkeiten trifft man in Georgien bislang nur auf wenige andere Besucher. Und doch ist die touristische Infrastruktur oft schon besser, als im wenige Monate alten Reiseführer beschrieben. Spätestens jetzt, wo der "Lonely Planet" Georgien auf die Top-Ten-Liste der Länder gesetzt hat, die es 2018 am meisten zu bereisen lohnt, dürfte die Bezeichnung "Geheimtipp" Geschichte sein - just zum 100. Geburtstag der Unabhängigkeit Georgiens im kommenden Jahr.

Von der trockenen Hitze der Steppenlandschaft geht es über die Ruinen der ehemaligen Höhlenstadt Uplisthike in die dichten Nordmanntannenwälder von Georgiens größtem Nationalpark. Hier, auf den Wanderwegen des Kleinen Kaukasus und den Straßen der angrenzenden Kurstadt Bordschomi, ist Georgien wieder ganz Europa. Und das stimmt mit dem Selbstbild der Georgier durchaus überein: Das Land zwischen Armenien, Aserbaidschan, Russland und der Türkei schielte in der Vergangenheit gerne Richtung Westen und bezeichnet sich selbst als Balkon Europas.

Das Höhlenkloster Wardsia zählt zu den Attraktionen Georgiens.
Das Höhlenkloster Wardsia zählt zu den Attraktionen Georgiens.(Foto: Ragna Sophie Werner)

Trotzdem gibt es mit Südossetien und Abchasien an der Grenze zu Russland Regionen, die völkerrechtlich zwar zu Georgien gehören, aber nicht unter georgischer Kontrolle stehen - und um die deshalb ein Bogen gemacht werden muss. Ein sicheres Reiseland ist Georgien dennoch. Nach Jahren der Korruption und organisierten Kriminalität entließ der damalige Präsident Michail Saakaschwili Mitte der 2000er-Jahre fast die gesamte Polizei, verzehnfachte das Gehalt der neu eingestellten Beamten und fuhr eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Korruption, auch wenn mittlerweile gegen ihn selbst ermittelt wird.

Höhlenstadt bot Platz für 50.000 Menschen

Von der Politik der Hauptstadt gänzlich unbeeindruckt zeigt sich die Höhlenstadt Wardsia. Schließlich thront sie schon seit dem 12. Jahrhundert in einer 500 Meter hohen Felswand im Süden Georgiens. Den Weg dorthin begleiten Täler, durch die sich kristallklare Bergbäche schlängeln und grasbewachsene Hügel, auf denen Schafe weiden. Der Soundtrack dazu: absolute Stille. Die Höhlenstadt samt Kloster selbst bot einst Platz für bis zu 50.000 Menschen und ist heute eine der großen Attraktionen Georgiens. Weil Frauen, wie in den meisten Kirchen und Klöstern, Haare, Schultern und Beine bedecken müssen, gehören ein Tuch und ein langer Rock ins Reisegepäck.

Snack für zwischendurch: Tschurtschchela, aufgefädelte und mit Traubensirup überzogene Nüsse.
Snack für zwischendurch: Tschurtschchela, aufgefädelte und mit Traubensirup überzogene Nüsse.(Foto: Franziska Türk)

Erst wenn die Reisebusse mit den Tagestouristen das Tal abends in Richtung der Städte verlassen, zeigt die Umgebung ihre eigentliche Schönheit - und vermittelt das befreiende Gefühl, weit weg von allem zu sein. Eine Schlafmöglichkeit in einer der nahe gelegenen Farmen findet sich trotzdem. Vom Hausherrn gibt es nicht nur ein Zimmer für die Nacht, sondern auch die Wegbeschreibung zu einer der heißen Schwefelquellen in der Umgebung und einen Zwei-Liter-Krug selbst gekelterten Wein. "Problema no, Problema no!" lautet seine universale lachende Antwort auf alles, was an diesem Abend in einem Mix aus Russisch und Englisch diskutiert wird. Und angesichts des Firmaments, das fernab der nächsten Stadt so viel weiter wirkt als sonst, will man das gerne glauben.

Kutaissi ist mit rund 150.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Georgiens.
Kutaissi ist mit rund 150.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Georgiens.(Foto: Franziska Türk)

In Georgien kann ein Tag in der Abgeschiedenheit der Berge beginnen und an einer Strandpromenade mit blinkenden Lichtern und wummernden Elektro-Beats zu Ende gehen - wenn man sich nicht scheut, die Stunden dazwischen im Auto zu verbringen. Batumi ist das Touristenmekka am Schwarzen Meer. Die unspektakulären Strände und das eher trübe Wasser versuchen die Hotels, Restaurants und Kasinos an der Strandpromenade mit einer Extraportion Kitsch und aufgesetzter guter Laune wiedergutzumachen. Dass der Boulevard des "Las Vegas des Schwarzen Meeres" - in das kein Geringerer als Donald Trump investiert hat - selbst kurz vor der Hauptsaison fast menschenleer ist, macht alles noch surrealer.

Einen Grund zum Trinken gibt es immer

Eine Bootstour durch den Martvili Canyon ist zwar kurz, ein Bad im türkisblauen eiskalten Wasser einige hundert Meter weiter dafür unbezahlbar.
Eine Bootstour durch den Martvili Canyon ist zwar kurz, ein Bad im türkisblauen eiskalten Wasser einige hundert Meter weiter dafür unbezahlbar.(Foto: Franziska Türk)

Der Tschatscha, Georgiens Nationalgetränk, versiegt aber nie. Feiern, das können die Georgier - aber niemals ohne Grund. "Gagimardschos! Prost! Auf unsere Mütter!", ruft ein Mittzwanziger, der auf die Bestellung von vier Shots Tschatscha mit einem Literkrug des Tresterbrands zurückkommt - Geschenk des Hauses, versteht sich. "Gagimardschos! Auf unsere Soldaten!" , ruft ein anderer junger Georgier, als die Gläser wieder voll sind. Es gibt viel Tschatscha in Georgien und noch mehr Gründe, ihn zu trinken.

Eigentlich muss ein Roadtrip durch Georgien immer auch in die schneebedeckten Berge Swanetiens im Großen Kaukasus führen. Ist das Wetter so schlecht, dass Wandern keinen Sinn hat, strandet man auf dem Weg dorthin in Kutaissi. Am Ende ist es nicht die Klosteranlage Gelati vor den Toren der Stadt, die Kutaissi unvergessen macht, oder das türkisfarbene, klare Wasser und die grünen Wälder in den nahe gelegenen Canyons, sondern - wie so oft in diesem Land - die warmherzige und offene Art der Georgier.

Und so steht man im Mondschein an irgendeiner Straßenecke mit Menschen, die eben noch Fremde waren, lässt Wein und Tschatscha kreisen, summt schwermütige georgische Lieder mit und stößt auf die Sterne an, den Wein, ach was, das ganze Leben, während Straßenhunde um die Beine streichen. Und wenn man dann auf das Dach einer Bauruine klettert und auf die unter sich liegende Stadt blickt, ist klar: Das hier wird nicht der letzte Trip durch Georgien gewesen sein.

Quelle: n-tv.de