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Der längste Karneval der Welt Uruguay zeigt, wie man richtig feiert

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Die Trommeln sind immer in den Farben der jeweiligen Comparsa gehalten.

(Foto: Linn Rietze)

Viele verbinden südamerikanischen Karneval mit Tänzerinnen in Brasilien. In Uruguay jedoch wird ebenso gefeiert - eine Tradition, die auch aus dem politischen Widerstand kommt. Dort tanzen die Menschen während des längsten Karnevals der Welt.

Für Karen Montiel ist jeder Januar ein nervenaufreibender Monat. "Viele sagen ja, dass tanzen nur eine Aneinanderreihung von Schritten ist. Da kann ich nur protestieren. Tanzen bedeutet für mich zu träumen, zu fühlen und zu leben und mit jedem Schritt Leidenschaft und Liebe auszudrücken und dabei sein Bestes zu geben." Wenn sie abends in Las Piedras, einer Stadt nahe Montevideo, nach Hause kommt, ist sie vor allem eins: sehr müde. Müde, aber mindestens genauso glücklich. Denn die Vorfreude auf den letzten Donnerstag im Monat ist so groß. Für diesen Tag hat sie monatelang hart gearbeitet und geschwitzt: Denn dann begeht Uruguay den längsten Karneval der Welt.

Die meisten Menschen außerhalb Lateinamerikas verbinden Uruguay, wenn überhaupt, mit der berühmten "Celeste", die 1930 die erste Fußball-Weltmeisterschaft gewann und schon vor Lieblingsbeißer und Nationalstolz Luis Suárez die meisten internationalen Titel für sich gewinnen konnte. Uruguay ist das kleinste spanischsprachige Land Südamerikas und kann mit seinen 3,3 Millionen Einwohnern meist nicht aus dem Schatten seiner großen Nachbarländer Argentinien und Brasilien treten. Doch jedes Jahr im Januar leuchtet Uruguay auf und zeigt für sechs Wochen, wie man richtig feiert.

Karmen, die Vedette. Hier kann man vielleicht erwähnen, dass es für die Frauen ein Privileg ist, die Vedette zwischen den anderen Tänzerinnen zu sein.jpg

Karmen, die Vedette. Für Frauen ist es ein Privileg, die Vedette zwischen den anderen Tänzerinnen zu sein.

(Foto: Linn Rietze)

Die Ursprünge des uruguayischen Karnevals griffen zwar Elemente der Kölner Festtage auf - gleichsetzen kann man sie aber keinesfalls. Deutsche Klischees sind Fehlanzeige: Hier rennt kein kostümierter Cowboy einem betrunkenen Second-Hand Shop-Indianer hinterher. Nein, in Uruguay definiert man den Karneval anders. Wer ihn erlebt, wird mit zwei unterschiedlichen Feierlichkeiten konfrontiert: Candombe, ein folkloristischer Tanz des afro-uruguayischen Kollektivs und Murga, ein aus Spanien eingeführtes Genre aus Musik und Satire, die "kritische Stimme des Volkes". Der Karneval ist ein musikalisches Fest, tief verwurzelt in den Armenvierteln Montevideos, ein Ausdruck des Widerstandes.

Candombe und Murga machen den Auftakt

Als im 18. Jahrhundert etwa 60.000 afrikanische Sklaven den Río de la Plata erreichten, arbeiteten sie sechs Tage die Woche bei ihren Hausherren. Nur der Sonntag, der gehörte ihnen. Da zogen sie sich ihre bunten Gewänder an, verließen die Grundstücke der Weißen und liefen in Richtung Stadtmauer - dem einzigen Ort, an dem sich Schwarze treffen durften. Den Weg beschritten sie gemeinsam: Mit selbstgefertigten Trommeln "riefen" sie sich von der Straße aus, sammelten sich gegenseitig ein, um im Rhythmus der Trommeln zum südlichen Stadtrand zu gelangen. Im Barrio Sur angekommen, feierten sie Feste, die ihre Kulturen und Traditionen, Erinnerungen und Riten wiederbeleben sollten. So entstand der Candombe, der expressive Tanz der Sklaven.

Die Weißen finden schnell Gefallen an diesen Festen. Ihnen ist jedoch die Beteiligung untersagt, also malen sie sich schwarz an und werden zu "Lubolos". Um 1860 herum bringen europäische Einwanderer aus dem Rheinland die Traditionen des Kölner Karnevals an den Río de la Plata. Mit der Musik der ehemaligen Sklaven verschmelzen sie zu einer eigenständigen Volkskultur. Mit Eiern, Farbe, Wasser und Mehl ziehen alle gemeinsam durch die Straßen, singen und tanzen.

Es ist eine Tradition, die sich bis heute gehalten hat: Zusammen mit dem Candombe machen diese humoristischen Murgas den jährlichen Auftakt des Karnevals. Der "desfile inaugural", der Eröffnungsumzug, wird auf der Straße des 18. Juli eingeleitet. Bis zu 70 Karnevalsgruppen aus Candombe und Murga, Comparsas genannt, gehen im Rhythmus der Trommeln durch die Straßen und feiern.

Karen lebt den Karneval

In einer dieser Comparsas, der Candonga Africana, ist Karen seit zehn Jahren aktiv. Die 170 Mitglieder sind für die Afro-Uruguayerin Familie. "Candombe ist mein Leben. Ich trage ihn mein Leben lang im Blut und bin mit ihm als Person gewachsen. Früher habe ich mich oft dafür geschämt, schwarz zu sein. Auf die Straße zu gehen, angestarrt zu werden, das war als Kind nicht leicht“, erinnert sich die 26-Jährige. Mit sechs Jahren beginnt sie zu tanzen. Schlagartig verändert sie ihre Wahrnehmung auf sich und das Leben. Wenn Karen heute eine Trommel hört, fangen ihre Füße an sich automatisch zu bewegen. "Ich auf die Straße und denke mir: Ja, guckt mich ruhig an! Ich bin eine schwarze Candombera und brauche mich für nichts zu schämen."

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Die Trommler machen ordentlich Stimmung.

(Foto: Linn Rietze)

Jedes Jahr im Mai fangen die Proben der Candonga Africana an. 70 Trommler komponieren ihre Musik für die Eröffnungsfeier in Montevideo und die vielen Straßenumzüge in verschiedenen Städten des Landes. 30 Tänzerinnen und zwei Vedettes, im entferntesten Sinne mit leicht bekleideten Tanzmariechen vergleichbar, arbeiten an Choreografien und Tanzschritten im Rhythmus der Trommeln. Schneiderinnen nähen mit aufwändiger Detailarbeit Hunderte Kostüme und Maskenbildner tüfteln an einer bunten traditionellen Gesichtsbemalung.

Der Karneval ist in Uruguay eine Zeit der Flucht aus dem Alltag und des Zusammenhalts der Gesellschaft, der Freiheit, die vom ganzen Land zelebriert wird. Zugegeben, wer mit Trommelmusik nicht viel anfangen kann, wird auf den Straßenumzügen wenig Spaß haben. Alternativ kommt man bei den Bühnenauftritten der Murgas auf seine Kosten, die in den südlichen Stadtteilen aufgeführt werden. Dort konkurrieren täglich um die 6000 Teilnehmer um die beste Satire und den bissigsten Witz in Wort und Gesang.

Kritische Stimmen finden Gehör

Schätzungen zufolge verkauft der uruguayische Karneval in einem Monat mehr Tickets als alle anderen kulturellen oder sportlichen Veranstaltungen im Land zusammen - inklusive dem Fußball, dem populärsten Sport. Das Fest ist prägend und steht seit 2009 sogar auf der Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der Unesco. Der Karneval überlebte sogar trotz seines Verbots die Militärdiktatur in den 1970er- und 1980er-Jahren und konnte dadurch seine Relevanz und Macht innerhalb der Gesellschaft demonstrieren: Während es früher oft an öffentlichen Diskursen mangelte, hatte die Bevölkerung zumindest während des Karnevals eine Bühne und die Aufmerksamkeit für ihre sonst nicht hörbaren Stimmen. Wenn sich in der Politik etwas tut, reagiert die Murga sofort.

"Ich habe mir nicht ausgesucht, Teil des Karnevals zu sein", sagt Karen. "Vielmehr glaube ich, dass er mich ausgesucht hat." Für sie ist es Glück, in eine Karnevalsfamilie hineingeboren zu sein. Alle ihre Verwandten haben dem Karneval ihr Leben gewidmet und so ist sie als Tänzerin und als Vedette gewachsen, hat an sich gearbeitet, sich verbessert und für ihre Kunst viele Auszeichnungen erhalten. "Es ist das schönste Gefühl überhaupt, wenn ich sehe, wie viel Spaß die Zuschauer an unserer Arbeit haben." Dann sagt sie freudestrahlend: "Bei mir ist Karneval das ganze Jahr - das ganze Jahr Candombe!"

Quelle: ntv.de