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US Open trotzen Corona-Krise Aufschlag für die "Versuchskaninchen"

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Leer wird es sein. Und still.

(Foto: AP)

Das Tennisturnier in Wimbledon fiel wegen Corona aus, die French Open wurden in den September verschoben. Die US Open hingegen beginnen planmäßig in New York. Allerdings unter extremen Auflagen, ohne Zuschauer - und mit vielen Fragezeichen.

Zunächst einmal die gute Nachricht: Dass diese US Open 2020 tatsächlich in New York ausgetragen werden können, grenzt an ein Wunder. Im April war die Stadt noch das globale Epizentrum der Coronavirus-Pandemie. Es gab Tage, da waren mehr als 60 Prozent der getesteten Menschen positiv. Der traurige Tages-Höchstwert an Toten lag bei 813. Bereits Mitte März waren auf dem Billie Jean King National Tennis Center, wo die US Open an diesem Montag beginnen, zwölf Hallenplätze zu einer Art Übergangs-Hospital für 470 Personen umfunktioniert worden. In der zweitgrößten Arena des Areals, dem Louis Armstrong Stadium, wurden täglich bis zu 25.000 Mahlzeiten für Covid-19-Patienten, Angestellte des Gesundheitswesens und Schulkinder aus ärmeren Verhältnissen abgepackt.

Mittlerweile sind die Zahlen im "Big Apple" seit Monaten stabil. Vergangene Woche, so berichtet die "USA Today", lag die positive Infektionsrate bei unter einem Prozent. Zu Beginn des Monats gab es drei aufeinanderfolgende Tage ohne einen Corona-Toten. Und dennoch leidet New York City immer noch unter den Folgen des Virus. Die Stadt, die angeblich niemals schläft, ist ungewohnt ruhig geworden. Der Puls dieser einst so vibrierenden Metropole schlägt bedrohlich langsam. Seit März hat es keine Großveranstaltungen mehr gegeben. Das Tennis-Turnier gilt als Test dafür, was womöglich demnächst wieder machbar sein könnte. "Werden die US Open zeigen, dass große Events nach New York zurückkehren können?", fragte die "New York Times" in ihrer Sonntagsausgabe. Neben dieser Überschrift zeigte eine überdimensionale Karikatur zwei Tennisspieler unter einem riesigen, roten Mikroskop.

Nadal und Federer fehlen

Doch auch ohne Vergrößerungsapparat ist erkennbar, dass diese US Open 2020 nichts mit den Turnieren der Vergangenheit gemeinsam haben. Lediglich der Austragungsort ist gleich. Und es soll wieder heiß werden, wie so oft in der ersten Turnierwoche. Doch ansonsten ist alles anders. Keine Zuschauer, viele Absagen von Topstars wie Rafael Nadal, und Roger Federer bei den Herren, sowie der australischen Weltranglisten-Ersten, Ashley Barty und der Zweiten des globalen Rankings, Simona Halep aus Rumänien. Und trotz eines strikten Hygienekonzepts gibt es jede Menge Fragen. Zum Beispiel, wie gut die Blase ist, in die sich die 365 Spielerinnen und Spieler begeben haben.

Denn es ist keine "Bubble", wie sie die Basketballer der NBA in Orlando haben. Dort sind Trainings- und Spielstätten, Hotels sowie sämtliche Möglichkeiten der Freizeitgestaltung an einem Ort, hermetisch abgeriegelt. Die Tennis-Profis hingegen spielen im New Yorker Stadtteil Queens, wohnen aber, bis auf wenige Ausnahmen (zum Beispiel Novak Djokovic) in zwei Hotels 65 Kilometer entfernt von Flushing Meadows auf Long Island.

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Positiv getestet und ausgeschlossen: Benoit Paire.

(Foto: AP)

Manhattan mit all seinen Attraktionen, ist für alle tabu, ein absolutes No-Go. Stadtbummel, Shopping Tour oder Abendessen in einem berühmten Restaurant? Vielleicht wieder im kommenden Jahr, aber nicht diesmal. Und obwohl niemand weder Tennis-Center noch Unterkunft unerlaubt verlassen darf und alle per Shuttlebus von einem Ort zum anderen chauffiert werden, gab es am Sonntag einen Corona-Fall. Der Franzose Benoit Paire war positiv getestet und vom Turnier ausgeschlossen worden. "Hier sind so viele Menschen involviert. Die Chance, dass jemand positiv ist, ist ziemlich groß. Hoffentlich kommen keine weiteren Fälle hinzu", meinte der Österreicher Dominic Thiem.

"Nur unter strengen Auflagen möglich"

Jeder Schritt der Veranstalter bedurfte der Zustimmung des Gesundheitsministeriums des Bundesstaates New York. "Wir wissen, dass diese Veranstaltung nur unter strengen Auflagen möglich ist", sagt Chris Widmaier, Kommunikationschef des gastgebenden US-Tennis-Verbandes USTA. Allerdings war allen schnell klar, dass niemand einfliegen würde, wenn sie oder er anschließend 14 Tage in Quarantäne müssen. Also wurden die Regeln gelockert. Zwei Tests innerhalb der ersten 48 Stunden - und anschließend alle vier Tage eine Kontrolle. Überall herrscht Maskenpflicht. Nur zu den Spielen wird der Mund- und Nasenschutz abgelegt. Wer sich nach den Matches massieren lassen möchte, muss zudem einen Gesichtsschutz tragen. Ein wichtiger Punkt ist zudem das sogenannte Contact Tracing, ähnlich wie bei der deutschen Corona-Warnapp. So soll im Falle eines positiven Falls schnell nachvollziehbar sein, mit wem die oder der Infizierte zuvor in Kontakt war - um diese Personen dann isolieren zu können.

"Wir werden alle herausgefordert - mental und emotional. Ich versuche, positiv zu bleiben. Das ist das Einzige, was ich derzeit machen kann", meinte Novak Djokovic. Der Serbe, der das Turnier bereits dreimal gewinnen konnte, gilt in Abwesenheit von Nadal und Federer als Favorit. Deutschlands Nummer eins, Alexander Zverev, ist an fünf gesetzt. Der Hamburger verlor vergangene Woche beim Testturnier in Flushing Meadows sein Auftaktmatch gegen den Briten Andy Murray in drei Sätzen. Wie gut Angelique Kerber in Form ist, kommt einer Wettervorhersage für den Heiligen Abend gleich. Die US Open-Gewinnerin von 2016 bestritt ihr letztes Turniermatch am 27. Januar im Achtelfinale der Australian Open.

Von maximal zu minimal

Für gewöhnlich pilgern am Eröffnungstag der US Open rund 50.000 Fans zur Anlage. Heute werden höchsten 3000 Frauen und Männer die Eingangstore passieren - unter ihnen wird nicht ein einziger Fan sein. Alles ist reduziert. Von maximal zu minimal. Statt der üblichen 280 Ballmädchen und -jungen sind 135 vor Ort. Die Zahl der Akkreditierungen für Medien und Fotografen ist gar von 1100 auf 15 zusammengekürzt worden.

Am 17. Juni bekamen die Veranstalter vom Bundesstaat New York das "Go" für die Austragung dieser US Open. Heute, 75 Tage später, erfolgt der erste Aufschlag. Das Turnier ist die größte Veranstaltung in den USA seit März. Die "New York Times" bezeichnet die Spielerinnen und Spieler als "Versuchskaninchen". Wann dieser Versuch jedoch notfalls vorzeitig beendet werden würde, ist unklar. Nach Angaben von Dr. Bernard Camins, Direktor der Abteilung Infektions-Vorbeuge beim Krankenhaus-Netzwerk Mt. Sinai Health System, das die US Open berät, gibt es keine genaue Anzahl von Fällen, die zum sofortigen Abbruch des Turniers führen würde.

Quelle: ntv.de

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