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Härte und Hintertürchen Bachs IOC wirft Russland raus, aber …

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(Foto: AP)

Im russischen Staatsdopingskandal tut das IOC nun doch, was es bislang gescheut hat: Es zieht Konsequenzen und sorgt mit Russlands Olympia-Ausschluss für ein Novum. Was nach klarer Botschaft und historischer Härte klingt, lässt Hintertürchen offen.

Kein Komplettausschluss, aber auch keine Alibi-Strafen und kein erneutes Abwälzen der Verantwortung auf überforderte Sportverbände wie vor den Olympischen Spielen in Rio 2016: Im Skandal um das staatlich orchestrierte Dopingsystem in Russland hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) längst überfällige sportpolitische Verantwortung übernommen und - sporthistorisch betrachtet - Härte gezeigt. Allerdings garniert die IOC-Exekutive unter Präsident Thomas Bach diese olympische Härte mit Hintertürchen. Sie baut in ihrem Urteil nicht nur Brücken für saubere russische Athleten, wie es Bach nennt. Sondern auch für den russischen Präsidenten Wladimir Putin, der als Bachs Freund gilt.

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Sportminister Witali Mutko wurde als russischer Doping-Drahtzieher belangt. Beweise für eine Mitwisserschaft von Präsident Wladimir Putin fand das IOC nicht.

(Foto: AP)

So verzichtete das IOC trotz der erdrückenden Beweislage in den McLaren-Berichten zum jahrelang praktizierten russischen Staatsdopingkomplott mit mehr als 1000 beteiligten Athleten aus 30 Sportarten, trotz des "beispiellosen Angriffs auf die Integrität der Olympischen Bewegung und des Sports" (Bach), trotz der Erkenntnisse der IOC-eigenen Schmid-Kommission auf die härtestmögliche Sanktion, auf den ethisch und rechtlich umstrittenen, laut IOC-Charta aber möglichen Komplettbann. Zwar wurde das Russische Olympische Komitee ROC suspendiert und Russland damit von der Teilnahme an den Olympischen Winterspielen 2018 ausgesperrt. Zwar wurde der während des Skandals amtierende Sportminister (und inzwischen zum Vize-Premier beförderte) Witali Mutko sogar lebenslang aus dem Olympia-Zirkel verbannt, weil er die "ultimative administrative Verantwortung für die verübten Handlungen in dieser Zeit" getragen habe. Trotzdem lautet die verklausulierte IOC-Botschaft an Putin und Russland: "Wer betrügt, fliegt raus. Aber …"

Im Gegensatz zur russischen Flagge und Hymne könnten russische Athleten im südkoreanischen Pyeongchang sehr wohl vertreten sein. Sie könnten als "neutrale Athleten" starten, unter olympischer Flagge und Auflagen wie der Beweispflicht, nicht in das Dopingsystem eingebunden gewesen zu sein. Das entspricht der vorab formulierten Forderung von Athletenkommissionen und insgesamt 37 nationalen Antidopingagenturen, zu denen auch die deutsche Nada gehörte. Sie wertete den IOC-Entscheid als "klares Signal für den sauberen Sport". Die Athletenkommission des Deutschen Olympischen Sport-Bundes DOSB begrüßte das Startrecht für saubere russische Athleten, sofern die Entscheidung darüber "transparent und nachvollziehbar" getroffen werde.

Diplomatische Details

*Datenschutz

Nur: Starten dürften zugelassene Russen laut IOC unter dem Kürzel "OAR", "Olympic Athletes of Russia", Olympische Athleten aus Russland also. Was wie ein nebensächliches Detail erscheint, darf als bewusstes sportdiplomatisches Zugeständnis an Putin verstanden werden. In Rio waren neutrale Athleten noch unter dem kollektiven Kürzel "ANA" angetreten, als Autorisierte Neutrale Athleten – ohne Länderkennung. Noch offensichtlicher wird die Hintertürchen-Politik des IOC bei der Erwägung, das Land bereits zur Schlussfeier in Pyeongchang wieder zuzulassen.

Schon die Suspendierung des russischen NOK und das Verbot einer russischen Olympia-Mannschaft wegen Dopings ist ein Novum in der 121-jährigen olympischen Geschichte - und mehr, als sich selbst Antidopingexperten nach dem windelweichen Rio-Urteil im Juli 2016 erhofft hatten. Allerdings: Es hat auch nie zuvor eine derart eindeutige Beweislage gegeben wie im Fall Russland, das räumte selbst Samuel Schmid ein. Der Schweizer hatte der IOC-Kommission zur Aufarbeitung der staatlichen Verstrickung in das russische Dopingkomplott vorgestanden, mit dem die Olympischen Spiele 2012 in London und vor allem 2014 in Sotschi sabotiert wurden.

Wie müsste ein Land eigentlich noch dopen?

Schmid sagte bei der Urteilsverkündung in Lausanne: "Wir haben eine solche Form des Betrugssystems vorher noch nie gesehen." Deshalb steht angesichts der bizarren Details des russischen Dopingbetrugs und des fortwährenden Leugnens der russischen Funktionäre auch nach dem IOC-Entscheid die Frage im Raum: Wie müsste ein Land eigentlich noch dopen, damit es deshalb komplett gesperrt wird?

Als vor einer Woche auf der Konferenz "Play the Game" in Eindhoven Vertreter nationaler Antidoping-Agenturen zusammensaßen, ging es - natürlich - auch um die anstehende Russland-Entscheidung. Auf die Frage, wer mit einem Komplettausschluss rechne, meldete sich: niemand. Selbst auf die Frage, wer von einem Start russischer Athleten unter neutraler Flagge ausgehe, gab es kaum Handzeichen.

Wahrscheinlicher schienen den Anwesenden rein symbolische Strafen oder eine Geldbuße, also eine millionenschwere Symbolstrafe. Nicht, weil das als angemessene Sanktion erachtet worden wäre. Sondern weil das IOC im bisherigen Umgang mit dem Russland-Skandal und den russischen Whistleblowern Julia und Witali Stepanowa sowie Grigori Rodtschenkow bislang nicht den Nachweis erbracht hatte, auf den größten Dopingskandal der letzten Jahrzehnte auch gegenüber sportpolitischen Schwergewichten wie Russland die richtigen und nötigen Maßnahmen ergreifen zu wollen.

Hohe Hürden - bis jetzt

Von Russlands Präsident Putin wird am Mittwoch eine Stellungnahme zum IOC-Entscheid erwartet. Frische Boykottdrohungen hochrangiger Funktionäre gab es noch nicht, Wut in Russland schon. Der russische NOK-Präsident Alexander Schukow kündigte für den 12. Dezember eine "Olympische Versammlung" mit den potenziellen russischen Olympia-Startern, Trainern und Verbandsvertretern an, um über einen Pyeongchang-Start zu entscheiden - also darüber, ob man durch die geöffneten IOC-Hintertürchen auch durchgehen wolle.

Die Hürde für russische Athleten, um ihre Unschuld zu belegen, scheint angesichts der seit 2015 andauernden Suspendierung der russischen Antidoping-Agentur Rusada hoch. Ob das IOC sie auch so hoch lässt und russische Athleten nicht einfach als "OAR" nach Pyeongchang durchwinkt, wird bis zum Olympia-Start zum entscheidenden Gradmesser für die Ernsthaftigkeit der verkündeten Strafe.

Vorerst scheint das IOC mit dem Olympia-Ausschluss Russlands und der Sperre von Mutko zumindest weiter als der Fußball-Weltverband Fifa. Der sitzt nicht nur alle Dopingvorwürfe gegen die russische Fußball-Nationalmannschaft aus. Er ließ auch mitteilen, dass man die Vorbereitungen auf die Fußball-WM 2018 in Russland trotz der lebenslangen Olympia-Sperre für Russlands Fußball-Boss und WM-Cheforganisator und Doping-Leugner Mutko nicht beeinträchtigt sehe. In einem Fifa-Statement hieß es lapidar: "Diese Entscheidung hat keinen Einfluss."

Quelle: n-tv.de

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