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"Point God" vom Pech verfolgt Chris Pauls Scheitern ist tragisch, aber Tradition

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Zum großen Wurf hat es für Paul bisher nicht gereicht.

(Foto: USA TODAY Sports)

Wenige Basketballer haben in ihrer Karriere mehr erreicht als Chris Paul. Noch weniger sind so häufig gescheitert, als es darauf ankam. Viele Chancen, seine einzigartige Karriere mit dem Titel zu krönen, bleiben dem zwölffachen All-Star und zweifachen Olympiasieger nicht mehr.

Während sich Luka Doncic und die Dallas Mavericks auf ihre bevorstehende Conference-Finals-Serie gegen die Golden State Warriors vorbereiten, die heute Nacht startet, ist ein Mann, dem viele Fans und Beobachter den NBA-Titel von Herzen gönnen, bereits im Sommerurlaub - viel früher als erhofft, einmal mehr kläglich gescheitert vor dem Erreichen des ultimativen Ziels.

Chris Paul ist einer der besten Spielmacher in der Geschichte des Sports, würde jüngst zu einem der 75 besten Basketballer seit Gründung der NBA gewählt. Er steht aber auch nach seiner 17. Profisaison noch ohne Championship da. Viele Chancen, seine einzigartige Karriere zu krönen, bleiben dem zwölffachen All-Star und zweifachen Olympiasieger nicht mehr. Wie man seine Leistungen, seine Erfolge und auch Misserfolge letztlich interpretiert, hängt wie so häufig von Perspektive und Überzeugung ab.

Der "Point God"

"CP3" wurde vor knapp zwei Wochen 37 Jahre alt. Nur sechs Akteure in der abgelaufenen Saison waren älter als er. Keiner von ihnen absolvierte mehr Minuten als Paul, sowohl während der regulären Saison als auch in den Playoffs. In einem Alter, in dem ein Großteil aller Basketballer längst nicht mehr in der NBA agieren kann, weil es der Körper, oder die Fähigkeiten, oder beides, nicht zulässt, spielte Paul nicht nur hier und da mal mit. Er führte die Liga mit 10,8 Assists im Schnitt an und war Zweiter bei den Steals (1,9 pro Partie). Damit ist er neben Steve Nash und LeBron James einer von nur drei Spielern, die in ihrer 15. Profisaison oder später mehr als zehn Vorlagen im Schnitt verteilten.

Der "Point God" ist Dritter in der All-Time-Bestenliste bei den verteilten Vorlagen (10.977 Assists) und Vierter bei den geklauten Bällen (2.453 Steals). In beiden Kategorien könnte er seine Karriere an Nummer zwei beenden, hinter dem ewigen John Stockton, der in 19 NBA-Jahren unfassbare 1686 von möglichen 1708 Partien absolvierte. Der beste Point Guard, den es je gab, ist Magic Johnson - darin sind sich Fans und Experten so einig wie in nur wenigen anderen Diskussionspunkten. Auf der Ebene direkt darunter kommt bereits Paul - egal, wo genau man ihn neben anderen Legenden wie Isiah Thomas, Oscar Robertson, Jerry West, Jason Kidd oder eben Stockton einordnet.

Was ihm fehlt, um ihn vielleicht endgültig als Zweitbesten zu legitimieren, ist ein Titel.

Jedes Team macht er besser

Damit steht Paul allerdings nicht alleine da in den Annalen der National Basketball Association: Superstars wie Charles Barkley, Patrick Ewing, Allen Iverson, Steve Nash, Karl Malone und John Stockton, Reggie Miller, Dominique Wilkins, Tracy McGrady, George Gervin oder Elgin Baylor blieb der Gewinn der Meistertrophäe ebenfalls stets verwehrt. Entweder, sie trafen auf bessere Akteure - Barkley, Ewing, Miller, Wilkins, Malone und Stockton scheiterten allesamt ein ums andere Mal an einem gewissen Michael Jordan - oder sie waren verletzt, als das Schicksal ihnen eine Titel-Chance vorlegte. Schmälert das ihre individuellen Errungenschaften in ihren Hall-of-Fame-Karrieren?

Paul ist der erste und einzige Spieler in der Geschichte, der vier unterschiedlichen Franchises zu Rekordsaisons verhalf. In New Orleans, seiner ersten Station als NBA-Profi, machte der spätere Rookie des Jahres das 18-Siege-Team (bei insgesamt 82 Spielen) auf Anhieb um 20 Siege besser. Nur zwei Jahre später spielte der Klub mit 56 Siegen seine beste Saison überhaupt. Die Los Angeles Clippers verbesserte er nach seinem Trade dorthin von 32 auf 57 Siege - auch das bis heute ein Team-Rekord.

Die Houston Rockets profitierten von Pauls Führungsqualitäten, machten einen Sprung um zehn Siege auf 65 - auch das, man ahnt es bereits, ein Franchise-Rekord - und schrammten 2018 nur haarscharf an den NBA Finals vorbei. Die Suns hatten zehn Jahre in Folge die Playoffs verpasst, ehe sie im Vorjahr dank Paul 17 Siege mehr einfuhren und zum ersten Mal seit 1993 das NBA-Finale erreichten.

Sündenbock CP3

In dieser Saison stellte Phoenix mit 64 Siegen sogar eine All-Time-Bestmarke auf. Die Suns beendeten die reguläre Saison mit der besten Bilanz der NBA, acht Spiele vor der Nummer zwei. Sie waren die einzige Mannschaft ligaweit, die in Angriff und Verteidigung zu den Top Fünf zählten. Nur um sich in einem Win-or-go-Home-Szenario zu blamieren, zu Hause, in Spiel Sieben, mit dem höchsten je verzeichneten Halbzeit-Rückstand in einer alles entscheidenden siebten Partie. Das war blamabel, und wie immer trifft die Kritik den besten Spieler des Teams am härtesten. So ist das Geschäft, so sind Hierarchien und Verantwortung verteilt.

Gerade bei Paul fällt es vielen noch einfacher, draufzuhauen, wenn er scheitert. Er irritiert. Er floppt. Er gerät mit Gegnern aneinander. Sein Führungs- und Kommunikationsstil ist nicht immer kompatibel mit Teamkollegen, die nicht alles dem Sieg unterordnen. Als ehemaliger Präsident der Spielergewerkschaft übt er viel Macht und Einfluss aus, auch abseits des Parketts. Obwohl er stets für die wirtschaftlichen Interessen der Spieler einstand, die heute mehr verdienen als je zuvor, wird ihm auch Lobbyismus vorgeworfen. Seinen Ruf als Saubermann kaufen ihm nicht alle ab - obwohl ihm selbst Feinde attestieren, abseits des Parketts ein absolutes Vorbild und perfekter Familienmensch zu sein.

Dass Paul in seinem fortgeschrittenen Alter immer noch abliefert, ist die Kehrseite dieser Besessenheit, die den Winzling - Paul misst selbst an guten Tagen nicht mehr als 1,80 Meter - unverändert treibt. Dass er vor Jahren seine Ernährung radikal umstellte und in jeder freien Sekunde Basketball inhaliert, hilft ihm, seine Obsession aufrechtzuerhalten und weiterhin diesem so schwer fassbaren Titel nachzujagen.

Führungen immer wieder verspielt

Mit Langlebigkeit kommen bekanntlich auch mehr Chancen, zu scheitern. Paul ist der einzige Spieler in der Geschichte der NBA-Playoffs, der fünfmal eine 2:0 Führung in einer Best-of-7-Serie aus der Hand gab. Seine Karrierebilanz von drei Siegen und fünf Niederlagen in siebten Spielen ist Futter für alle Kritiker, die ihm den "Killer-Instinkt" absprechen - obwohl er im Schnitt auf fantastische 19,3 Punkte, 9,1 Assists und 2,5 Steals in diesen acht Partien kommt. Kein anderer Spieler in der Geschichte der NBA hat in diesen Situationen mehr Vorlagen verteilt oder Bälle geklaut, und nur Larry Bird und Jerry West kommen wie Paul auf mindestens 150 Punkte und 50 Vorlagen bei mindestens 45 Prozent Trefferquote aus dem Feld.

Dennoch bleiben eher die vielen verpassten Gelegenheiten in Erinnerung - die im Vorjahr zum Beispiel, als Phoenix nach 2:0-Führung in den Finals vier Spiele in Folge an Milwaukee abgab. Oder 2018, als Paul mit den Houston Rockets gegen eines der besten Teams aller Zeiten mit 3:2 in Führung lag, ehe der Point Guard einmal mehr verletzt ausfiel und Golden State die entscheidenden beiden Partien auf dem Weg zum dritten NBA-Titel in vier Jahren für sich entschied.

"Run it back" in Phoenix?

Nachdem in diesen Playoffs drei der anfänglich größten Titelfavoriten aus dem Rennen waren, schien die Bühne bereit für die Suns, die Schlappe des Vorjahres wettzumachen und beim vierten Anlauf in den NBA Finals endlich den Titel zu holen. Auch gegen Dallas dominierte Phoenix zunächst, Paul erzielte 23,5 Punkte im Schnitt, das Team aus Arizona führte komfortabel. Dann kam der berüchtigte 37. Geburtstag. Und, auf den Tag genau, der Einbruch bei Paul und seinem Team. Vier Pleiten aus fünf Partien. Es war, als hätten plötzlich alle vergessen, Basketball zu spielen.

Paul kam über 13 Zähler nicht mehr hinaus. MVP-Kandidat Devin Booker verlor seine Treffsicherheit und seine Fassung in Scharmützeln mit Luka Doncic, der Phoenix nach und nach an die Wand spielte. Center DeAndre Ayton zögerte und schmollte, anstatt seine physische Dominanz auszuspielen. Und der Trainer des Jahres, Monty Williams, rang vergeblich nach Antworten und Anpassungen. Das Team offenbarte personelle und taktische Schwächen, die einer der kleinsten Spieler der Liga nicht auffangen konnte. Pauls Spiel war schon immer mehr Präzision und Kontrolle als individuelle Dominanz und Ein-Mann-Show. Glaubt man Medienberichten, laborierte er obendrein an einer Oberschenkelverletzung, die seine Mobilität gegen Ende der Serie einschränkte. Dallas schlug daraus Kapital, attackierte den angeschlagenen Veteranen unerbittlich am defensiven Ende und laugte ihn so endgültig aus. Ohne ihren Kopf verlor die Suns-Schlange in der Wüste endgültig jeden Biss.

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Der Suns-Star wollte von Ausreden nichts hören, verweigerte eine Antwort zum Thema Verletzung. Stattdessen reflektierte er gewohnt selbstkritisch. "Das war hart. Richtig hart. Ich war jetzt schon so häufig in solchen Situationen. Egal ob du mit einem oder 30 Punkten verlierst - es ist hart", sagte Paul, der mit sich am härtesten ins Gericht ging. "Ich würde sagen, es ist meine Schuld. Als Point Guard und Anführer dieses Teams muss ich sicherstellen, dass wir herauskommen und ausführen und die richtigen Würfe nehmen und so weiter."

War es das also endgültig mit dem berüchtigten Championship-Fenster für Paul, seine allerletzte Chance, endlich die Larry-O'Brien-Trophäe zu gewinnen? Sein Vertrag läuft noch bis einschließlich der Saison 2024/2025. Paul wäre dann 40 Jahre alt. Nash, Kidd und Stockton spielten allesamt ebenfalls bis zu ihrem 40. Geburtstag. Ein paar Versuche bleiben also. Phoenix dürfte auch in der kommenden Saison zu den Top-Anwärtern auf den Titel zählen. Es ist nicht davon auszugehen, dass Paul dann nicht mehr in der Lage sein wird, entscheidend beizutragen. "Das haben sie letztes Jahr schon gesagt. Wahrscheinlich haben sie es schon 2008 gesagt. Jedes Mal, wenn du verlierst, sagen sie, es war deine beste Chance. Für mich, für uns, geht es nächstes Jahr direkt weiter. Ich gehe nicht in Rente. Weiter geht's."

Quelle: ntv.de

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