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Rusada-Chef zu Dopingskandal "Die Schuld liegt allein hier in Russland"

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Seit 2017 ist Juri Ganus Chef der russischen Anti-Doping-Agentur. Er wird deswegen auch angefeindet.

(Foto: imago images/ITAR-TASS)

Weil Doping-Labordaten gefälscht worden sind, drohen Russland Sanktionen der Welt-Anti-Dopingagentur. Athleten könnten weiterhin von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen werden. Es droht sogar ein Ausschluss der Fußball-Nationalmannschaft. Die Entscheidung dazu fällt am 9. Dezember. Doch es gibt auch positive Entwicklungen: Der Chef der russischen Anti-Doping-Agentur, Juri Ganus, ist 2017 angetreten, um das Staatsdoping zu beenden. Im Interview spricht er über mögliche Strafen, den Einfluss Wladimir Putins und Anfeindungen gegen ihn.

Was erwarten Sie von der Sitzung? Fahren Sie selbst hin?

Juri Ganus: Ich kann dort nichts tun. Egal, was kommt, wir müssen weiter unsere Arbeit machen. Die Strafen sind wohl unausweichlich. Ich erwarte keine Wunder. Ich hoffe aber, dass im Fall eines neuen Banns gegen Russland nicht die Sportler leiden müssen. Sie sind die Geiseln von Fehlern, die Sportfunktionäre in diesem Land verschuldet haben. Sie sollten wie bisher schon unter neutraler Flagge antreten dürfen, damit sie nicht für die Fehler anderer bezahlen.

Aber wegen der Manipulation von Dopingdaten aus dem Moskauer Analyselabor droht der Rusada, Ihrer Agentur, eine neue Sperre.

Zur Person

Juri Ganus war Jahrzehnte als Geschäftsmann in russischen und internationalen Firmen tätig. Den Posten als Chef der Rusada erhielt er auch, weil er kein gestandener Sportfunktionär ist und damit als unabhängig gilt von dem System in Russland. Der Familienvater, der zu Sowjetzeiten am 5. März 1964 in der Stadt Tokmak im Osten der Ukraine geboren wurde, lebt neben seiner Arbeit in Moskau vor allem in St. Petersburg im Norden des Landes.

Ich habe stets klar gesagt, dass die Daten manipuliert wurden, dass es offensichtliche Verstöße gab. Das ist ein großer Fehler. Aber die Rusada hat nichts gefälscht. Die Fälle, um die es geht, stammen aus den Jahren vor meiner Zeit. Wir hatten nicht einmal Zugang zu den im Labor gelagerten Daten. Bei der Rusada haben wir inzwischen viel geleistet, das Personal erneuert - und können steigende Zahlen echter Testergebnisse vorweisen. Wir werden auch nicht mehr vom Sport-, sondern nun vom Finanzministerium getragen.

Wie ist die Laborarbeit heute organisiert?

Wir nutzen hier in Russland für die Doping-Tests wegen der Vorfälle gar keine Labors mehr. Wir schicken die Proben nur noch zu anerkannten Einrichtungen im Ausland, wir arbeiten mit 13 Labors weltweit. Das treibt zwar unsere Kosten in die Höhe, aber für unabhängige Test-Ergebnisse, denen Vertrauen geschenkt wird, ist das unerlässlich.

Die Reaktionen auf die drohenden Strafen in Russland reichen von Verständnis - wie bei Ihnen - bis Protest. Der Staatsapparat wittert ein Komplott. Steht Russland zu Unrecht am Pranger?

Nein. Es gibt keine politische Hexenjagd gegen Russland. Es hat ganz offensichtlich dreiste Fälschungen von Daten gegeben. Die Schuld liegt allein hier in Russland. Die Doping-Proben von den Sportlern sind eigentlich anonym. Und da hat es einen illegalen Austausch von Daten gegeben zwischen denen, die wussten, welche Proben welchen Sportlern zuzuordnen sind. Und dann sind diese Testergebnisse einfach gefälscht worden. Das hatte System. Es gab ja auch keine Strafen hier oder Urteile gegen jene, die die Verbrechen begangen haben. Und das muss sich ändern.

Sie wollen den Ruf des russischen Sports retten. Was ist zu tun, damit Russland wieder Vertrauen gewinnt? Reicht es, wie jetzt geschehen, die Führung des Leichtathletikverbandes auszuwechseln?

Die Kultur, die Weltanschauung muss sich ändern. Wir brauchen tiefgreifende Reformen. Ob der Leichtathletikverband dazu fähig ist, werden wir sehen, wenn dort Mitte des Monats eine neue Führung gewählt wird und die Strukturen reformiert werden sollen. Insgesamt ist es so, dass einiges faul ist - und an vielen Stellen bei uns Sportfunktionäre ausgewechselt werden müssen. Sie müssen ordentlich ihre Arbeit machen nach internationalen Regeln, für die wir als Rusada stehen. Das dauert wohl noch eine Generation.

Sie üben immer wieder sehr scharfe Kritik an den Zuständen in Russland. Die Anfeindungen gegen Sie sind unübersehbar. Wie viel Opposition verträgt das System?

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Putin wird viel Einfluss im russischen Sport nachgesagt.

(Foto: imago images / ITAR-TASS)

Die Drohungen, zum Beispiel anonym am Telefon, gibt es. Auch offene Angriffe von Funktionären, ich sei kein Patriot. Ich bin aber kein Oppositioneller, will nicht alle gegen mich aufbringen, sondern versuche, das System zu ändern. Es gibt auch Unterstützung in den Behörden - nur leider von Leuten, die nichts entscheiden können. Es ist so, dass viele im Machtapparat dem Land schaden. Wenn ich ein Feind Russlands wäre, würde ich genauso handeln wie diese Leute, die mit Betrug den Ruf der stolzen Sportnation in den Schmutz ziehen.

Haben Sie die Unterstützung von Präsident Wladimir Putin?

Ich habe selbst versucht, beim Kreml vorzusprechen, um zu erklären, wie schlimm die Lage ist. Ich bin aber nicht vorgelassen worden. Ich habe auch immer gedacht, dass der Präsident doch für alles zuständig ist. In Wirklichkeit haben aber viele Leute Angst davor, dass er die wahren Zustände erkennt - und sie womöglich ihre Posten verlieren. Mir bleibt bislang nichts anderes übrig, als an die Öffentlichkeit zu gehen, die Medien zu nutzen für meine Erklärungen, weil ich mir anders im Machtapparat kaum Gehör verschaffen kann.

Wie gehen Sie um mit dem Druck, den Sie bekommen? Haben Sie keine Angst, dass Ihnen - wie in Russland nicht selten bei Systemkritikern der Fall - etwas zustößt?

Ich bin angetreten, um etwas zu verändern in diesem Land - für sauberen Leistungssport. Und ich bin sehr überzeugt davon, dass ich das Richtige tue. Wir bekommen auch sehr viel Unterstützung von unseren Partnern, den anderen Doping-Agenturen im Ausland. Ich hatte nicht die Erwartung, dass es einfach ist. Ich bin aber auch in einem Alter, in dem ich mich natürlich frage, ob es nicht etwas Großes gibt, das ich selbst für Russland tun kann. Ich handle im nationalen Interesse des Landes.

Mit Juri Ganus sprach Ulf Mauder, dpa

Quelle: ntv.de

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