Fußball-WM 2019

Schult hat "eisernen Willen" DFB-Torfrau zwischen Tod und Titelkampf

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Immer konzentriert, immer sicher: Almuth Schult.

(Foto: imago images / AFLOSPORT)

Torhüterin Almuth Schult ist die Erfolgsgarantin der deutschen Fußball-Frauen. Bei der Weltmeisterschaft in Frankreich hält sie ihren Kasten bislang sauber. Dabei ist lange nicht klar, ob sie überhaupt rechtzeitig gesund wird.

Freistoß von links. Deutschlands Nummer eins, Almuth Schult, beobachtet kurz ihre Gegnerinnen und verschafft sich dann Platz. Mit beiden Fäusten boxt sie eine Gegenspielerin im Strafraum in den Rücken, diese fällt zu Boden und muss erstmal durchschnaufen. Eine Verwarnung gibt es für die Torfrau nicht. Es ist eine Szene aus dem Training, in der Schult beweist, dass sie keine Angst vor großen Namen hat. Denn die gefoulte Gegnerin ist niemand geringeres als Birgit Prinz. Die deutsche Rekordnationalspielerin begleitet als Psychologin das DFB-Team bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich und hilft im Training gern mal bei den Torhüterinnen aus.

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DFB-Torwarttrainer Michael Fuchs kennt Almuth Schult schon seit 2007.

(Foto: dpa)

Es ist nicht die einzige Szene im Training, in der sich Schult durchsetzt. Kurz zuvor hatte sie bereits Torwarttrainer Michael Fuchs abgeräumt und war auf ihn drauf gefallen. Und auch im Turnier hat die 28-Jährige bislang vorzüglich bewiesen, dass sie ein sehr guter Rückhalt für ihr Team ist. Sie kassierte in den beiden Spielen gegen China und Spanien kein Tor – rettete vor allem gegen China mehrfach in höchster Not und war gegen Spanien gleich in den ersten Sekunden hellwach, als ein Rückpass bei den Gegnerinnen landete. Sie pariert unter Inkaufnahme eigener Schmerzen, aber nicht minder souverän. Sicher, ruhig, voll konzentriert und zur Stelle wenn gebraucht zeigte sie sich bislang.

Reflektiert und klug in der Spielanalyse

Genau so also, wie sie es von sich erwartet: "Es ist meine Aufgabe, Ruhe auszustrahlen", erklärt sie bei der DFB-Pressekonferenz am Samstag. Ihre Devise: Es geht nicht immer darum, die perfekte Lösung finden, sondern die einfachste. So hätte sie etwa gegen Spanien viele weite Bälle geschlagen, weil sie merkte, dass ihr Team noch nicht die Sicherheit für kurze Pässe hatte. Nach dem Duell mit Spanien sagte sie: "Wir würden uns sicherlich freuen, wenn es spielerisch einfacher läuft. Aber wenn wir es immer über das Kämpferherz schaffen und 1:0 gewinnen, ist mir das auch ziemlich wurscht."

Reflektiert und klug kann Schult die Spiele analysieren. Das lobt auch ihr Torwarttrainer Michael Fuchs. Dabei ist das Turnier in Frankreich für die 1,80 Meter große Frau die erste Weltmeisterschaft. Und die stand lange auf der Kippe: Es war nicht klar, ob die Torhüterin vom Double-Sieger VfL Wolfsburg überhaupt mit nach Frankreich fahren könne. Schult hatte sich an der Schulter verletzt. Wie genau, darüber wird geschwiegen, doch immerhin so schwer, dass Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg noch bei der vorläufigen Kadernominierung sagte: "Almuth muss 100 Prozent performen können."

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Voss-Tecklenburg weiß, bei wem sie sich bedanken muss.

(Foto: REUTERS)

Klar, auch die Nummer zwei und drei, Merle Frohms und Laura Benkarth, sind gute Torhüterinnen. Doch keine von ihnen hat so viel Erfahrung und so viele Erfolge auf der Habenseite, wie Schult. Sie ist mehrfache Deutsche Meisterin, DFB-Pokal-Siegerin und Champions-League-Gewinnerin. Je weniger Tore die Offensive schießt, desto wichtiger wird die Schlussfrau. Bei den bislang zwei 1:0-Siegen bei der WM war also jeweils ihre Topqualität gefragt. Und dass deutsche Torhüterinnen Turniere entscheiden können, ist bekannt. Das schafften schon ihre Vorgängerinnen Silke Rottenberg und Nadine Angerer.

Lebensgefahr im Trainingslager

Voss-Tecklenburg sagte dementsprechend nach dem Spiel gegen Spanien: "Sie war sehr präsent. Ich bin sehr froh, dass Almuth eine großartige Hilfe für das Team ist, auf und neben dem Platz." Über die Schulter verliert niemand mehr ein Wort. Im Rückblick scheint diese Verletzung gar ein nichtiges Problem. Denn im Wintertrainingslager ihres VfL Wolfsburg bekam Schult mit einem Mal hohes Fieber. Sie konnte nur im Bett liegen, nahm in 14 Tagen sechs, sieben Kilo ab. Die Diagnose: Masern, eine lebensgefährliche Erkrankung. Hinzu kamen Bindehautentzündung, Ohrenentzündung, Zahnfleischentzündung, Bronchitis sowie eine Leberentzündung. Der "Bild"-Zeitung sagte sie: "Meine Mitspielerinnen haben gesagt, ich sah auf Bildern aus wie der Tod. Und so fühlte ich mich auch. Ich hatte Angst, dass ich nicht mehr lebend nach Hause komme."

Mittlerweile geht es der Frau, die von einem niedersächsischen Bauernhof stammt und ihre Mitspielerinnen mit Eiern versorgt, wieder gut: "Ich bin froh, dass es jetzt hoffentlich vorbei ist. Reicht für ein Jahr, bin froh, dass ich bei der WM dabei bin." Es sei für sie kein einfaches halbes Jahr gewesen, auch für den Kopf sehr fordernd. Doch sie hat die schlimme Zeit abgehakt, konzentriert sich jetzt voll auf die laufende WM. Und gibt sich selbstkritisch: "Wir sind mit uns noch nicht ganz zufrieden, wir wissen, dass wir mehr Potenzial haben."

"Ihr habt die beste Torhüterin"

*Datenschutz

Kritisch ist sie dabei nicht nur mit sich und ihrem Team, sondern auch mit anderen. So äußerte sie im April gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Kritik am Umgang mit Fußballerinnen. Die Behandlung sei ungerecht, auch innerhalb des eigenen Verbands. "Wir hoffen, dass der DFB den Frauenfußball weiter nach vorne bringt. Aber die Signale, die ich momentan wahrnehme, deuten leider in eine andere Richtung", sagte sie. Und begründet: "Ich habe den Eindruck, dass die meisten es nicht gerade als Vorteil ansehen, wenn Frauenfußball im Lebenslauf auftaucht."

Dass sie den Mut hat, auch diese Kritik zu äußern, unterstreicht, was Fuchs über sie sagt: Sie sei eine sehr eigene, sehr starke Persönlichkeit. Der Torwarttrainer muss es wissen, er kennt sie bereits seit zwölf Jahren. "Ein eiserner Wille hat sie dahin gebracht, wo sie jetzt ist", sagt er und: "Ich habe sehr großen Respekt vor dem, was sie macht, und vor ihr persönlich auch." Lob, das von Angerer bestätigt wird. "Ihr habt eine super Trainerin, ihr seid eine mega Mannschaft", sagte sie in einer Videobotschaft bei Instagram. "Und ihr habt die beste Torhüterin."

Quelle: n-tv.de

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