Fußball-WM 2019

Mit Martens ins WM-Finale Oranje hofft auf lahmende "Cruyffin"

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Lieke Martens kann mit ihrem Team bereits jetzt die erfolgreichste WM aller Zeiten feiern.

(Foto: picture alliance/dpa)

Vor zwei Jahren gewinnen die Niederländerinnen überraschend den Titel bei der Fußball-Europameisterschaft. Bei der WM sind sie nun erfolgreich wie nie und spielen gegen Schweden um den Finaleinzug. Im Mittelpunkt steht eine, die ganz große Erinnerungen weckt.

Johan Cruyff gilt im Fußball nach wie vor als das Nonplusultra. Der 2016 verstorbene Niederländer wird als Ballkünstler verehrt, als begnadeter Spielmacher. Er ist Europas Fußballer des Jahrhunderts. Beim FC Barcelona prägte er eine Ära, bei Ajax Amsterdam haben sie nach dem Tod ihres größten Fußballidols die Arena nach ihm benannt. Keiner kommt an dem 1947 geborenen Star des "totalen Fußballs" heran. Keiner? Plötzlich gibt es eine Frau, die bei einigen Erinnerungen an Cruyff weckt: Lieke Martens.

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Die 26-Jährige ist die Spielmacherin der "Oranje Leeuwinnen", dem niederländischen Nationalteam. Sie beeindruckt mit ihrer Ballbehandlung und ihrem Spielvermögen und spielt – Cruyff lässt grüßen – beim FC Barcelona. Zu dem katalanischen Klub wechselte sie nach dem Gewinn der EM 2017, der ihrer Popularität einen zusätzlichen Schwung verlieh. Als großer Star wird sie vermarktet, sie steht als eine von wenigen Fußballerinnen beim Sportartikelriesen Nike unter Vertrag, sie hat über eine Million Follower bei Instagram, in Barcelona hat sie die Kapitänsbinde übernommen. 2013 noch nicht über die Vorrunde hinausgekommen, wuchsen die Spielerinnen beim Turnier vor zwei Jahren in ihrer Heimat über sich hinaus, verwandelten ihr Land in ein orangenes Farbenmeer der Euphorie. Am Ende des erfolgreichen Jahres gab es für sie die persönliche Krönung: Martens wurde erst zu Europas und schließlich auch zur Weltfußballerin des Jahres gewählt.

"Wenn Lieke schießt, gewinnen wir"

An den Erfolg wollen sie und ihr Team nun anknüpfen, sie treffen im Halbfinale auf die Schwedinnen, die die DFB-Elf aus dem Turnier kickten (21 Uhr im Liveticker bei n-tv.de). Dank der zwei Tore von Martens beim 2:1 im Achtelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft gegen Japan kam ihr Team überhaupt weiter als bisher jemals in einem Weltturnier. Ein Déjà-vu konnte sie also abwenden, denn 2015 bei der Premiere war für die Niederländerinnen im Achtelfinale Schluss – weil sie 1:2 gegen Japan verloren. Dass Martens den entscheidenden Elfmeter in der Schlussphase übernahm – und verwandelte – ist keine Selbstverständlichkeit. Normalerweise ist Sherida Spitse für die Strafstöße verantwortlich. Sie aber sagte nach dem Spiel: "Ich träumte davon, Lieke in so einem Moment den Ball beim Elfmeter zu überlassen." Warum? "Weil ich wusste, wenn Lieke schießt, gewinnen wir."

Dieses Vertrauen in die Teamkollegin wird dieser Tage auf eine harte Probe gestellt, denn Martens ist nicht in Topform. Nicht nur Deutschland hat eine "Zehe der Nation", die Spielmacherin Dzsenifer Marozsán quälte, auch die Niederländerinnen leiden darunter. Eine alte Verletzung an Martens linkem Fuß ist wieder aufgebrochen, lässt sie nur eingeschränkt trainieren. Nach dem Achtelfinalsieg stand sie vor dem 2:0 gegen Italien im Viertelfinale gar nicht mehr auf dem Platz, auch beim Training vor dem Halbfinale fehlte sie. Spielen aber geht, erklärte die 108-fache Nationalspielerin: "Wenn das Adrenalin durch den Körper fließt, kann man viel schaffen." Nun gut, Schmerztabletten helfen sicherlich ebenfalls. Und der unbedingte Wille, es den Kritikern zu beweisen. "Ich weiß, dass von mir viel erwartet wird. Lass mich selbst ruhig bleiben. Ich weiß, dass in mir noch mehr steckt", sagte sie.

"Wollen Geschichte schreiben"

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Denn obwohl die Niederländerinnen überaus erfolgreich spielen, bleibt die Kritik im eigenen Land nicht aus. Das Team würde nicht zeigen, was es wirklich kann, der Sieg vor allem gegen Japan sei mehr als glücklich gewesen. Weil Trainerin Sarina Wiegmann in Frankreich konsequent am 4-3-3 mit den immer gleichen Spielerinnen fest, sei ihr Team zu ausrechenbar. "Wir wissen selber, dass wir nicht den besten Fußball gespielt haben, aber wir stehen im Halbfinale", sagte Vivianne Miedema, und: "Wir haben bereits unglaublich viel erreicht." Die niederländische Elf hat seit der EM 2017 nun übergreifend elf Turnier-Partien hintereinander gewonnen. Martens gibt die Richtung für das Halbfinale vor: "Wir wollen Geschichte schreiben."

Geschichte schreiben in einem Turnier, das das Team erst über die Play-offs erreichte. Im November 2018 gewannen die Niederländerinnen gegen die Schweiz, die damals noch von der heutigen Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg trainiert wurde. Die Qualifikation bewies letztlich: Der EM-Titel war kein Ausrutscher. Das Team hat sich rasant entwickelt, die Spielerinnen sind bei den großen europäischen Klubs wie Olympique Lyon, dem FC Barcelona und dem FC Arsenal angestellt. Die Fans haben sie scharenweise gewonnen, Tausende begleiten die "Oranje Leuwinnen" auch in Frankreich, gemeinsame Spaziergänge zum Stadion lassen die Straßen knallorange erscheinen. Das erhöht natürlich den Druck, so Martens: "Zum ersten Mal müssen wir uns mit einer Erwartungshaltung auseinandersetzen. Ich hoffe, dass meine Qualität sichtbar wird", sagte sie der Zeitung "de Volkskrant" zufolge. Gegen Schweden könnte zudem die Erinnerung an die erfolgreiche Heim-WM helfen: Im Viertelfinale gewannen sie gegen die Schwedinnen mit 2:0.

Quelle: n-tv.de

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