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Auf dem Weg in den Freistaat: Lothar Matthäus wechselte vor der Saison zu den Bayern.
Auf dem Weg in den Freistaat: Lothar Matthäus wechselte vor der Saison zu den Bayern.
Samstag, 16. Dezember 2017

Redelings über die Saison 84/85: Heynckes blufft die Bayern und Matthäus

Von Ben Redelings

Die Chinesen entdecken einen Trainer der Fußball-Bundesliga als ihren neuen Liebling. Ein Nachwuchstalent trainiert Torschuss mit Medizinbällen und beim FC Bayern setzt ein Spieler vor einer Operation auf: Alkohol statt Narkose.

Es ist der Trick der Saison in der Fußball-Bundesliga: Gladbachs Trainer Jupp Heynckes treibt künstlich die Ablösesumme von Lothar Matthäus in die Höhe. Weil er weiß, dass Matthäus bereits beim FC Bayern unterschrieben hat und eine Konventionalstrafe von 150.000 Mark bezahlen muss, falls der Transfer doch nicht zustande kommt, bietet die Borussia ihrem Spieler das Wahnsinnsgehalt von 474.000 Mark. Der Clou: Heynckes greift füin seine eigene Tasche - also scheinbar. 50.000 Mark wären aus seiner Privatschatulle gekommen.

Zum dritten Mal in ihrer Bundesligageschichte schaffen es die Bayern in der Saison 1984/1985, vom ersten bis zum 34. Spieltag die Tabellenführung erfolgreich zu verteidigen. Zum Schluss wird es zwar noch einmal etwas enger, am Ende aber erringen die Münchner den Titel mit vier Punkten vor dem SV Werder Bremen.

Viele waren davon ausgegangen, dass die Bayern den Wechsel Karl-Heinz Rummenigges zu Inter Mailand nach Italien nicht verkraften werden. Doch offenbar ist das Gegenteil der Fall. Die ehemaligen Mitspieler blühen regelrecht auf. Und schon im Herbst sagt Trainer Udo Lattek voller Euphorie: "Bier schmeckt mir immer, aber momentan besonders gut." Einem anderen auch. Bereits einen Tag nach der gewonnenen Meisterschaft muss Bayern-Spieler Holger Willmer ins Krankenhaus - eine komplizierte Schulteroperation wartet auf ihn. Doch am Abend des Triumphs nimmt er die Geschichte noch ganz humorig: "Wenn die Feier richtig feucht wird, brauche ich vielleicht nicht einmal eine Narkose!"

Schlappner als Exportschlager in Fernost

Einer der Stars der Saison ist Waldhofs Trainer Klaus Schlappner. Ein Mann, der sich betont volksnah gibt: "Zwischen den Spielern auf dem Rasen und den Fans hinterm Zaun darf menschlich keine Distanz herrschen." Der neue "bunte Hund der Liga" ist manchen Alteingesessenen jedoch etwas zu vorlaut. "Pumuckl der Bundesliga", "Mickeymaus" und "Clown" schimpfen sie ihn - und verschaffen ihm so ungewollt noch mehr Popularität.

Günter Delzepich (re.) pflegte ein ganz spezielles Torschusstraining bei Alemannia Aachen.
Günter Delzepich (re.) pflegte ein ganz spezielles Torschusstraining bei Alemannia Aachen.(Foto: imago/Kicker/Liedel)

Selbst in China sind sie auf den Mann mit Pepitahut aufmerksam geworden: Schlappner arbeitet in Mannheim so spektakulär, dass die beiden chinesischen Trainer Lin und Jen gerne zum Studium des Erfolgscoachs aus Fernost angereist sind. Täglich machen sie sich Notizen in ihre dicken Blöcke. Schlappner ist ganz begeistert: "Ich glaube, die schreiben sogar meine Witzchen mit!"

An die Tür zur Bundesliga klopft ein Spieler, den der Paulianer Rüdiger Wenzel so beschreibt: "Da kannst du überhaupt nichts machen. Den bremst du nicht. Den kannst du nicht sperren. Den kümmert nichts." Der Aachener Günter Delzepich wird als neuer Horst Hrubesch gehandelt - ein Original wie der lange Horst aus Hamm ist er allemal: "Ich bin doch nichts Außergewöhnliches. Die anderen Kameraden sind nur ein bisschen unterentwickelt." Sein Torschusstraining absolviert er gerne mit Medizinbällen. Bei einer Wette soll er damit vom Sechzehner die Latte treffen. Er schafft es nicht - die Bälle gehen weit über das Tor. Der Aachener Keeper Valentin Herr hat schon lange aufgegeben: "Ich habe wirklich keine Angst, aber wenn der aus 16 Metern schießt, dann gehe ich nicht an den Ball ran."

Lienen - Knüppelhart statt "Zettel-Ewald"

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Ein Sache ist absolut rekordverdächtig: Werders Ersatztorhüter Klaus Funk sitzt seit Jahren auf der Bremer Bank, ohne je einmal gespielt zu haben. Am 32. Spieltag in Braunschweig reicht es wieder nur für den Platz draußen, diesmal allerdings nach einer Linienrichter-Beleidigung sogar für ganz draußen.

Funk: "Das dürfte eine einmalige Sache in der Bundesliga sein. Kein Spiel für Werder bestritten und doch schon vom Platz geflogen." Erstmals überträgt das Fernsehen eine komplette Bundesligapartie: Das Nachholspiel des zwölften Spieltags Borussia Mönchengladbach gegen Bayern München (3:2) am 11. Dezember 1984 wird live vom Mönchengladbacher Bökelberg gesendet. Für die ARD kommentiert Heribert Faßbender.

Das Bonmot der Saison liefert der heutige St. Paulianer Ewald Lienen. Nachdem seine Gladbacher mit 2:3 in Leverkusen gegen knüppelharte Bayer-Spieler verlieren, sagt Lienen: "Der Konzern schädigt die Umwelt und die Mannschaft den Fußball!"

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Quelle: n-tv.de