Trump fürchtet "massive" BuhrufeKann der Super Bowl diese USA noch zusammenschweißen?

Der Super Bowl sorgt normalerweise für Zusammenhalt, doch das nationale Bewusstsein der USA ist wegen der Gewalt in Minnesota erschüttert. Donald Trump fürchtet ein Pfeifkonzert, während es auch sportlich heiß hergeht.
American Football ist König und Sonntag ist Football-Tag. Diese Regel gilt in den USA seit mehr als einem halben Jahrhundert. Jeder Sportfan befolgt sie. Super-Bowl-Sonntag ist dabei die Krönung. Der Gipfel. Der eine Tag im Jahr, an dem wirklich alle zusammenkommen, um das NFL-Endspiel zu schauen.
Dabei wird gegessen, geteilt, gelacht. Es geht harmonisch zu und stets um weitaus mehr als Football. Das kulturelle Ereignis trägt zur nationalen Identität der US-Bürgerinnen und -Bürger bei. Heilt manch zuvor aufgerissene familiäre oder freundschaftliche Wunde und sorgt für Zusammenhalt und kollektive Emotionen. Hautfarben und soziale Klassenzugehörigkeiten spielen keine Rolle. Politische Einstellungen geben die Leute an der Tür ab.
Der Super Bowl ist einer der wenigen verbliebenen kulturellen Meilensteine und wurde im vergangenen Jahr allein in den USA von mehr als 127 Millionen Menschen in Echtzeit verfolgt. "Sport bringt Amerikaner zusammen, so zum Beispiel der Super-Bowl-Sonntag", sagt Rick Cordella, Präsident von NBC Sports, dem übertragenden TV-Sender des Super Bowls, gegenüber ntv.de. "Familie und Freunde kommen zu Besuch. Es ist ein Feiertag. Das ist immer etwas Positives für unser Land, besonders in diesen Zeiten der Spaltung."
Das Gift aus Washington
Was Cordella mit der Spaltung meint, auch wenn er sagt, sein Sender würde sich aus der Politik heraushalten: Donald Trump hat nicht nur einen Bruch in der Weltordnung erzeugt mit seiner Politik. Die immer autoritärer und brutaler werdende US-Regierung treibt mit ihrer scharf kritisierten Einwanderungspolitik auch die extreme Spaltung in den USA so stark voran, dass sogar die große Partie in San Francisco am Abend (0.30 Uhr/RTL) nicht vor dem Gift aus Washington entfliehen kann.
Die Tötungen von Renee Good und Alex Pretti haben das nationale Bewusstsein erschüttert und zeigen, dass Trumps hartes Durchgreifen weit über Abschiebungen illegaler Einwanderer hinausgeht. Sie verschärfen eine nationale, politische und gesellschaftliche Krise, die auch den Super Bowl im Bann hält.
"Es ist immer noch möglich"
Da fällt die Konzentration auf Sport nicht leicht, selbst die NFL-Meisterschaft wirkt nicht mehr so wichtig wie zuvor. Damit ist der Super Bowl LX anders als alle der 59 vorherigen Ausgaben des Spiels. Aber besitzt er in den Zeiten des Zerreißers Donald Trump weiterhin heilende Kräfte? Kann American Football die USA noch zusammenschweißen?
"Es ist immer noch möglich, dass der Super Bowl das amerikanische Volk zusammenbringt", sagt Mike Florio zu ntv.de. Der bekannte Sportjournalist, Autor und Fernsehkommentator ist Teil der NBC-Übertragung am Abend und fordert Einigung rund um den Super Bowl. "Wenn wir dieses Land lieben, haben wir die Pflicht, nach den Dingen zu suchen, die uns verbinden, und nicht nach denen, die uns trennen. Und Football tut genau das."
Die USA durchleben eine nationale Abrechnung mit den Prinzipien, die in den moralischen und rechtlichen Grundlagen Amerikas verankert sind. Plötzlich stehen in der ältesten Demokratie der Welt seit Langem bestehende Auffassungen von Verfassungsrechten, Menschlichkeit und Rechenschaftspflicht auf dem Prüfstand. Und manch ein Amerikaner fühlt sich auch wegen der Außenpolitik der Regierung niedergeschlagen, verängstigt und beschämt und merkt, dass die Welt den USA immer weniger wohlgesonnen ist.
Bad Bunny und der "Woke Bowl"
"Es gibt Kräfte, die uns trennen wollen, die davon profitieren", sagt Florio mit Blick auf Trump und seine MAGA-Bewegung. "Es liegt an uns, uns darüber zu erheben." Die Menschen müssten nun unbedingt erkennen, dass der Super-Bowl-Sonntag nicht der richtige Zeitpunkt ist, um über aktuelle Streitpunkte zu diskutieren: "Wir müssen unsere Unterschiede respektieren und die Dinge feiern, die uns verbinden. Wir brauchen ein nationales Verständnis."
Football ist noch immer König in den USA. Bei keinem anderen Event, sportlich oder nicht, schalten mehr Menschen im TV ein. Aber Trump und seine Politik sind nun so allumfassend, dass der Einfluss auf das tägliche Leben und auf den Super Bowl stetig anwächst. Dem MAGA-Mechanismus entkommt niemand.
Und so beschäftigt San Francisco unter der Woche auch die potenzielle Bedrohung durch Einsatzkräfte der Einwanderungsbehörde ICE. Auch wenn ein solcher Einsatz von offizieller Seite abgesagt wurde, herrscht in der Bay Area noch immer Angst und Wut, und Menschenrechtsorganisationen organisieren einen Protestmarsch zum Stadion. Auch die Halbzeitshow mit Bad Bunny, der Trump und seine Politik in vielen Punkten kritisiert, erregt die Gemüter. So sehr, dass ein republikanischer Senator das große Spiel als "Woke Bowl" bezeichnete. Und eine prominente konservative Gruppe rief gar eine alternative Halbzeitshow ins Leben.
"Gut, dass er nicht kommt"
Diese wird Trump laut Aussagen des Weißen Hauses eher schauen als Bad Bunny. Der US-Präsident sitzt im Gegensatz zum letzten Jahr nicht im Stadion. Offiziell heißt es, die Reise nach Kalifornien sei ihm zu weit. Die Newsseite Zeteo erfuhr allerdings von Quellen aus dem Weißen Haus, dass mehrere Berater und Vertraute des Präsidenten warnten, er würde beim Super Bowl "massiv ausgebuht" werden.
Das Trump-Team will laut dem Bericht auch eine Fülle von viralen Videoclips und Medienberichten zu einem möglichen Pfeifkonzert vermeiden. Nach der Gewalt in Minnesota und immer teureren Lebensmittelpreisen sind Trumps Zustimmungswerte in den meisten Themenbereichen stark gesunken und er fürchtet mutmaßlich, bereits ein Jahr nach Beginn seiner zweiten Amtszeit Teile der Öffentlichkeit verloren zu haben. Im vergangenen Jahr hatte der Republikaner beim Super Bowl in New Orleans sowohl Applaus als auch Buhrufe geerntet.
"Wenn Trump zum Super Bowl käme, würden die Leute darüber streiten, ob das gut oder schlecht ist, ob er ausgebuht oder bejubelt würde", sagt Journalist Florio zu der Thematik. "Weil wir nun eine Sache weniger haben, über die sich die Leute streiten können, ist es gut, dass er nicht kommt."
Nationales Bewusstsein erschüttert
Ob Trumps Fernbleiben die heilenden Kräfte des Super Bowls und Zusammenhalt unterstützt, bleibt abzuwarten. Auch sportlich wird es höchst spannend. Die New England Patriots sind zum ersten Mal seit der Saison 2018 wieder im Super Bowl vertreten, als Tom Brady noch das Ruder in der Hand hatte und seine Dynastie ein Ende fand. Die Pats mit ihrem erst 23-jährigen Quarterback Drake Maye würden mit einem Erfolg die siebte NFL-Meisterschaft einfahren, was ein Rekord wäre.
Auf der anderen Seite warten Sam Darnold, dem viele nach durchschnittlichen Jahren in der Liga eine Teilnahme am Super Bowl niemals zugetraut hatten, und seine Seattle Seahawks, die dem ersten und einzigen Titel 2014 einen weiteren hinzufügen wollen. Das besondere Geschmäckle: Das Duell ist eine Neuauflage des Super Bowls von 2015, bei dem die Pats die Seahawks dank Malcolm Butlers wundersamer Interception Zentimeter vor der eigenen Goalline wenige Sekunden vor Schluss besiegten. Butlers Abfangen des Balles gilt als einer der besten Spielzüge in der Geschichte der NFL - und als einer der größten Fehler, weil die Seahawks das Ei warfen, anstatt damit in die Endzone zu laufen.
"Im Laufe eines Lebens gibt es nur wenige Momente, in denen unsere Entscheidungen und Handlungen unsere Geschichte für die kommenden Jahre prägen. Dies ist einer davon", sagte Bill Clinton in einer Erklärung nach dem Tod von Alex Pressi in Minnesota. Die Obamas sprachen von einem "Weckruf für alle Amerikaner". Dieser Super Bowl findet in einer Zeit statt, in der das nationale Bewusstsein der stolzen Nation erschüttert ist. Vielleicht kann er einen kleinen Teil zur Heilung beitragen.