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Raptors-Kämpfer Fred VanVleet Kein Basketball-Spiel ist härter als das Leben

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Fred VanVleet bekam in seiner Jugend die volle Härte des Lebens zu spüren. Da schreckt der Kampf unter den NBA-Körben auch nicht mehr.

(Foto: USA TODAY Sports)

Torontos Fred VanVleet durchlebt eine harte Kindheit, wird von den NBA-Teams nicht gedraftet - und fällt zum Anfang dieser Playoffs in sein schlimmstes Formtief. Doch VanVleet gibt niemals auf, denn egal, welche Härte das Spiel bringt: Das Schlimmste hat er schon hinter sich.

Schweiß und Blut lässt Toronto Raptors Guard Fred VanVleet auf dem Court im Spiel vier der NBA-Finals gegen die Golden State Warriors. Das ist keine Sport-Metapher für VanVleets außerordentliche Leidenschaft und Intensität: Kurz vor Schluss geht der 25-Jährige nach einem Ellenbogen-Check ins Gesicht zu Boden, verliert einen Zahn und Blut tropft aus einem Cut unter dem Auge aufs Parkett.

VanVleet verkörpert Torontos Hartnäckigkeit, Härte und Beharrlichkeit wie kein zweiter Spieler, was sogar zu Game-of-Thrones-Vergleichen führt: Nur kurz lässt er sich zusammenflicken, dann sitzt er schon wieder auf der Bank und will eingewechselt werden. Die Raptors, denen niemand auch nur die Finals zugetraut hatte, fahren den Sieg über die letzten Minuten auch ohne ihn ein und führen auf einmal mit 3-1 gegen die Warriors.

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VanVleet, der im NBA-Draft 2016 von allen Teams übergangen wird und nur undrafted nach Toronto kommt, sagt nach dem Spiel über seine Verletzung nur: "Es hätte mehr weh getan, hätten wir das Spiel verloren." Genau so zäh wie VanVleet spielen die Raptors dieses Jahr in den Playoffs – und deshalb haben sie heute Nacht (3 Uhr deutscher Zeit) beste Chancen, ihren historischen ersten NBA-Titel zu gewinnen - den ersten für eine kanadische Mannschaft überhaupt.

Eines stellt niemand in Frage: Kwahi Leonard ist der uneingeschränkte Superstar der Toronto Raptors. "Die Klaue" wird mit den NBA-Legenden Michael Jordan und Kobe Bryant verglichen und gilt als der derzeit beste Basketballspieler der Welt. Gewinnen die Raptors den Titel, benötigt man keine hellseherischen Fähigkeiten, um vorauszusagen, dass er zum Finals-MVP gewählt wird, zum besten Spieler der Finalserie gegen die Golden State Warriors. Aber was Toronto so schwer zu schlagen macht, ist nicht nur Leonards Ausnahmekönnen: Kanadas einziges NBA-Team hat so viel Qualität auf der Bank und in den Rollenspielern rund um die "Klaue", dass nicht auszurechnen ist, wer wann der Zweitbeste Mann hinter Leonard sein wird. Mal ist es Kyle Lowry, der Guard schenkt in Spiel drei der Finals 23 Punkte ein und verteilte neun Assists, mal ist es Pascal Siakam, der in Spiel eins 32 Punkte und acht Rebounds sammelt, mal Serge Ibaka, der mit 20 Punkte in Spiel vier zweitbester Scorer nach Leonard war - und oft ist es eben der hartnäckige Hund Fred VanVleet, der seit zwei Jahren als einer der besten Reservisten der NBA gilt. Von der Einwechselbank kommend geht der nur 1,83 Meter große Point Guard stets dorthin, wo es weh tut und entfacht mit seinem Einsatz und seinen Dreiern den Raptors oft genau das Feuer, das es für einen Sieg braucht.

Sohn als Energieschub

Dabei beginnen die Playoffs für VanVleet alles andere als gut. Er trifft so gut wie gar keine Würfe (nur 25% in den ersten beiden Playoff-Runden gegen Orland und Philadelphia), sammelt durchschnittlich nur vier Punkte und die Medien machen ihn als schlechtesten Spieler der Raptors in der Postseason aus. Doch dann wird tief in den Conference Finals sein Sohn geboren – und der Point Guard erzielt im Spiel am Tag darauf 13 Punkte (bei fünf von sechs Würfen) und liefert sechs Assists gegen die Milwaukee Bucks. VanVleet verbringt die nächste Nacht wach im Krankenhaus in Illinois bei seiner Freundin, fährt am Morgen zurück nach Milwaukee, döst nur kurz eine Stunde vor dem anstehenden, wichtigen Spiel fünf und dreht die Serie mit seinen 21 Punkten. Ganz nebenbei und eigentlich total übermüdet wird er der erste Toronto-Spieler überhaupt, der sieben Dreier von der Bank kommend trifft.

Auch gegen die Warriors im Finale läuft es weiter. 15 Punkte in Spiel eins, 17 Punkte in Spiel zwei, elf Punkte in Spiel drei, sechs Assists in Spiel vier. Seit der Geburt seines Sohnes erzielt VanVleet durchschnittlich 15 Punkte, trifft unglaubliche 57% seiner 3-Punkte-Würfe. Und er bleibt hartnäckig, besonders in seiner Defensive gegen Megastar Stephen Curry und ist in den wichtigen Momenten, wenn ein Spiel zu kippen droht, immer voll da. "Fred hat ein so großes Herz, ich weiß gar nicht, wie es in seine Brust passt", sagt Teamkollege Marc Gasol. Und ESPN-Kommentator und Ex-Coach Jeff Van Gundy witzelt während eines der Spiele gegen die Warriors: "Ich würde allen meinen Spielern raten, Kinder zu bekommen, damit sie dann spielen wie VanVleet."

Mit harter Hand auf NBA getrimmt

VanVleets Herz und Zähigkeit sind Produkte seiner Kindheit. Noch im vergangenen Jahr kann der Point Guard aufgrund einer Schulterverletzung Toronto in den Playoffs kaum helfen. Aber er gibt nicht auf, denn Hindernisse zu überwinden und dass das Leben nicht immer fair spielt, lernt VanVleet schon früh. Der Raptors-Star wächst in einer rauen Nachbarschaft in Rockford, Illinois auf. Als er fünf Jahre alt ist, wird sein Vater bei einer Drogenübergabe erschossen. Anschließend regiert sein Stiefvater, ein Polizist und ehemaliger Boxer, die Familie mit harter Hand. Um den kleinen Fred davor zu schützen, in Ärger zu geraten, bringt das neue Familienoberhaupt ihm Basketball bei und weckt ihn täglich um 5 Uhr morgens zu Workout-Drills. Erlebnisse, die VanVleet die Härte und Beharrlichkeit einhauchen, die er jetzt für den NBA-Gewinn auf den Platz bringt.

In der High School ist sein Basketball-Talent bereits erkennbar. "Aber ich war ein Idiot", sagt er heute selbst, "ich habe meine Teammitglieder beschimpft, wenn sie nicht mal einen Layup treffen konnten." Wieder ist es VanVleets Stiefvater, der ihn in die richtige Richtung steuert. Nach vier Jahren an der Universität mit einem Basketball-Stipendium, will im NBA-Draft 2016 trotzdem kein Team den jungen Point Guart haben. Er erhält die Möglichkeit, in der Development-League der NBA für zwei Jahre à 20.000 US-Dollar zu spielen, aber lehnt ab. Die Raptors bieten ihm schließlich die Chance, sie in der saisonvorbereitenden Sommerliga zu überzeugen und VanVleets Beharrlichkeit macht sich direkt bezahlt. Kurz darauf bekommt er einen echten Vertrag - und ist zweieinhalb Jahre später aus dem Toronto-Team nicht mehr wegzudenken.

Heute Nacht kann Stehaufmännchen VanVleet mit genähtem Auge und ohne Zahn im vielleicht entscheidenden Spiel gegen Golden State zum hartnäckigsten Helden Torontos werden. Die Stadt lebt seit Wochen im Ausnahmezustand. Im absoluten Eishockey-Land wird auf einmal Basketball ein zusammenbringender Faktor, die Raptors sind nicht mehr nur Torontos Team, sondern werden von ganz Kanada angefeuert. Fred VanVleet hat aber auch ganz persönliche Gründe für ein schnelles Ende der Finals: Er will endlich mehr Zeit mit seinem Neugeborenen verbringen.

Quelle: n-tv.de