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Draisaitl über die Corona-Krise "Mitspieler seit dem 12. März nicht gesehen"

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Leon Draisaitl hat bis zur Unterbrechung der NHL 110 Punkte in 71 Saisonspielen gesammelt.

(Foto: AP)

Leon Draisaitl ist der beste deutsche Eishockeyspieler und einer der Stars der weltbesten Liga NHL. Vor der Quarantäne ist er auf dem Weg, eine historische Saison zu spielen. Im Gespräch mit ntv.de erzählt Draisaitl, wie auf einmal der Stillstand kam, warum deutsche Eishockeyspieler im Trend liegen - und welche Kleinigkeiten ihn zu einem der besten der Welt gemacht haben.

ntv.de: Leon Draisaitl, in Deutschland setzt die Fußball-Bundesliga ab dem 16. Mai ihren Spielbetrieb fort. Wie neidisch sind Sie?

Leon Draisaitl (lacht): Was heißt neidisch, ich freue mich einfach, dass die Fußballspieler wieder das tun können, was sie am liebsten tun. Und natürlich ist das auch eine super Sache für die Fans.

Aber die Fans dürfen ja nicht ins Stadion.

Aber trotzdem, glaube ich, gibt es den Menschen etwas, worauf sie sich freuen können am Abend oder nachmittags - auch wenn sie zu Hause sind.

Sie sitzen derzeit ebenfalls zu Hause in Edmonton. Werden Sie demnächst einschalten, wenn Ihr Lieblingsverein, der 1. FC Köln, spielt?

Genug Zeit werde ich ja haben. Also ich denke schon, dass ich da mal reinschauen werde, keine Frage.

Wie langweilig ist Ihnen derzeit?

Langsam wird's schon ein bisschen langweilig. Aber ich glaube, so geht es allen zurzeit. Aber man findet natürlich Sachen, um irgendwie beschäftigt zu bleiben.

Ist es bei Ihnen ähnlich wie bei vielen anderen - der Kühlschrank ist etwas leerer und der Bauch etwas voller?

Dieses Langeweile-Essen macht jeder zurzeit so ein bisschen. Aber ich probiere natürlich, es auf einem gewissen, normalen Level zu halten.

Was ist schlimmer - nicht Eishockey spielen zu können oder die Ungewissheit, ob Sie diese Saison noch mal spielen werden?

Die Ungewissheit ist das Schwierige. Keiner weiß wirklich, ob wir wieder spielen und wenn wir spielen sollten, wann das ist. Ich denke, wir alle hoffen, dass jetzt so schnell wie möglich eine Entscheidung getroffen wird.

Wie ist der aktuelle Stand?

Wir warten, dass die Lage sich verbessert oder zumindest, wie sich die Lage verändert. Ich denke, dann wird da relativ spontan eine Entscheidung getroffen.

Wie lange bräuchten Sie, um startklar zu sein?

Puh, ich glaube, dass es schon ein paar Wochen dauern würde, um sich wieder einigermaßen gut zu fühlen und in den Rhythmus zu kommen. Als Spieler können wir nur probieren, uns so gut wie möglich vorzubereiten - um, falls es dann losgeht, bereit zu sein.

Wissen Sie eigentlich noch, wann Sie Ihr letztes Tor geschossen haben?

Nee, zu lange her.

Am 2. März, es waren sogar vier Tore gegen Nashville. Ihr letztes NHL-Spiel war am 11. März gegen Winnipeg. Wie haben Sie damals erfahren, dass die Liga pausieren wird?

In der ersten Drittelpause haben wir Spieler mitbekommen, dass die NBA pausieren wird. (Rudy Gobert von den Utah Jazz war positiv getestet worden und die NBA entschied daraufhin, ihren Spielbetrieb einzustellen, Anm. d. Red.) Und da war uns eigentlich allen relativ klar, dass wir auch pausieren werden. Am nächsten Tag haben wir dann eine Nachricht bekommen, dass wir alle zu Hause bleiben sollen und uns Updates zugeschickt werden. Und seitdem habe ich meine Mitspieler und Trainer nicht mehr gesehen.

Als Sie noch gespielt haben, lief es sehr gut. Sie haben in 71 Spielen 110 Punkte gesammelt, waren in der Scorerwertung klar vorne. Wie schätzen Sie Ihre Leistung ein?

Ich denke, dass ich wieder einen Schritt nach vorne gemacht und mich in einigen Sachen verbessert habe. Ich bin relativ zufrieden mit der Saison, die ich bislang gespielt habe. Aber ohne meine Mitspieler wäre das alles natürlich nicht möglich gewesen.

War es schwieriger, in der vergangenen Saison als erster Deutscher in der NHL 50 Tore zu schießen und die 100 Punkte-Marke zu durchbrechen oder diese Zahlen in dieser Saison noch zu verbessern?

Beides ist nicht einfach. Ich probiere, mich von Jahr zu Jahr zu verbessern und es kommt ja auch nicht immer auf die Punkte oder Tore an. Es gibt viele Kleinigkeiten, die einen zu einem besseren Eishockeyspieler machen.

Wie wichtig war es Ihnen, nicht nur Ihre Statistiken zu verbessern, sondern auch Ihren Kritikern zu zeigen, dass Sie Tore schießen und vorbereiten können, wenn Sie nicht mit Superstar Connor McDavid in einer Sturmreihe spielen?

Na ja, das konnte ich ja vorher auch schon. Obwohl mir ja nachgesagt wurde, dass ich das angeblich nicht konnte. Aber ich denke, das stimmte nicht so ganz. Beides ist mir wichtig und ich bin stolz auf beides. Aber nochmal: Ich habe mich weiterentwickelt - und das ist jedes Jahr mein Ziel.

Als 2014 beim Draft die weltweiten Talente auf die NHL-Klubs verteilt wurden, sind Sie an dritter Stelle von Edmonton ausgewählt worden. Vergangenes Jahr wurde Moritz Seider als Sechster von den Detroit Red Wings verpflichtet und diesmal könnte Tim Stützle von den Mannheimer Adlern ebenfalls ganz früh gezogen werden. Woher kommt plötzlich diese Qualität an deutschen Talenten?

Ich glaube, dass wir einfach bessere Arbeit machen. Dass die jüngeren Spieler in Deutschland ein bisschen mehr Eiszeit bekommen. Ich glaube aber trotzdem, dass wir da immer noch viel Luft nach oben haben in der Deutschen Eishockey-Liga. Aber es ist natürlich schön, zu sehen, dass die Deutschen langsam im Draft immer weiter nach oben rutschen.

Welchen Weg würden Sie deutschen Talenten empfehlen - den über die kanadische Juniorenliga, wie Sie ihn gegangen sind? Oder den eines Moritz Seider und Tim Stützle, die erst in der DEL Erfahrung gesammelt haben?

Das kann ich nicht sagen. Den Weg muss jeder für sich selbst herausfinden und ich glaube, dass die meisten da auch einen sehr guten Job machen. Für mich war der Weg so perfekt (Draisaitl wechselte als 16-Jähriger aus der Nachwuchsabteilung der Mannheimer Adler zu den Prince Albert Raiders in die Kanadische Juniorenliga, Anm. d. Red.), für die anderen Jungs war wahrscheinlich die DEL der bessere Weg.

Ihr Vater Peter war Nationalspieler und einer der besten Spieler seiner Generation in Deutschland. Wie schwer war es für Sie als Nachwuchsspieler mit dem Namen Draisaitl?

Nicht schwer. Wenn man der Sohn eines bekannten Eishockeyspielers ist, dann gucken die Leute wahrscheinlich dreimal hin. Und natürlich wird man auch immer ein bisschen mit dem Vater verglichen. Mein Vater hatte natürlich eine sehr, sehr gute Karriere. Und ich glaube, es ist normal, dass man dann erstmal so sein möchte, wie sein Vater und irgendwann später möchte man besser werden als sein Vater. Mein Vater war immer meine größte Hilfe, größte Unterstützung in Sachen Eishockey.

Neben Ihnen gibt es in Deutschland mit Tom Kühnhackl (zweimaliger Stanley-Cup-Sieger mit den Pittsburgh Penguins) und Björn Krupp (Olympiasilber 2018) zwei weitere Spieler mit berühmten Vätern, die es selbst zu großen Erfolgen als Eishockey-Profis gebracht haben. Zufall?

Ich weiß nicht. Ob das irgendwas damit zu tun hat, glaube ich nicht. Es gibt auch sehr viele geniale Eishockeyspieler, deren Väter wahrscheinlich ein Leben lang im Büro gesessen haben.

Aber Eiszeit im jungen Alter ist ja schon wichtig. Wie war das bei Ihnen, hatte Ihr Vater quasi den Schlüssel zur Eishalle?

Nein, das nicht. Und mein Vater hat mir ja auch nicht das Schlittschuhlaufen oder das Schießen beigebracht - das habe ich alles in den Teams gelernt, in denen ich gespielt habe. Aber in diesem Sport kommt es oft auf Kleinigkeiten an und ich hatte das Glück, dass mein Vater die meisten davon selbst erlebt hat - sei es mental oder eishockeyspezifisch.

Mit Leon Draisaitl sprach Heiko Oldörp

Quelle: ntv.de