DHB-Team als "krasser Underdog""Natürlich kann Deutschland gewinnen!"

Die Erinnerungen sind schrecklich, die Aufgabe gewaltig: Deutschland muss in der EM-Hauptrunde gegen Dänemark ran, den Serienweltmeister. Aber es gibt Hoffnung.
Die deutsche Handball-Nationalmannschaft steht vor der schwersten Aufgabe, die der Handball zu bieten hat: Bei der Europameisterschaft muss das DHB-Team gegen Serienweltmeister Dänemark ran, in Dänemark (20.30 Uhr/ARD und im Liveticker auf ntv.de). Gegen 15.000 wild entschlossene Fans auf den Rängen der Jyske Bank Boxen in Herning, dem mächtig schlagenden Herzen des dänischen Handballs.
Und gegen sieben Spieler auf der Platte, allesamt Weltklasse, die auf einer Mission sind. Im vergangenen Jahr hat man bei der Weltmeisterschaft an gleicher Stelle eine schlimme Abreibung kassiert. Nach dem 30:40 schrieb die dänische Presse von "Prügel" angesichts der Gewalt, mit der Superstar Mathias Gidsel und Co. die deutsche Mannschaft überrollte.
Der letzte deutsche Sieg über Dänemark in einem Pflichtspiel ist zehn Jahre her: Am 27. Januar 2016 rang das DHB-Team die Dänen auf dem Weg zum sensationellen EM-Coup 25:23 nieder. Deutschland zog ins Halbfinale ein, Dänemark war draußen. Dass sich Geschichte wiederholt, scheint angesichts der Vorleistungen ausgeschlossen.
Dänemark fliegt noch nicht so gnadenlos durchs Turnier, wie vorher allerorts vermutet wurde, nach der sensationellen, überaus schmerzhaften 29:31-Niederlage gegen Portugal ist das Hochgeschwindigkeitsensemble aber längst wieder in der Spur. Der deutschen Mannschaft musste derweil schon mehrfach von ihrem überragenden Torhüter Andreas Wolff "der Arsch gerettet werden", wie die deutschen Profis zugeben. Also alles geklärt?
"Deutschland kann jedes Team schlagen"
"Natürlich kann die deutsche Mannschaft gewinnen! Wir haben es bei dieser EM schon öfter gesehen: Wenn du fünf Prozent in deiner Leistung nachlässt, kannst du das Spiel verlieren", versichert Hans Lindberg, dänische Handball-Legende, zweifacher Weltmeister, Olympiasieger und Rekord-Torschütze der Bundesliga im Gespräch mit ntv.de. "Es gab natürlich zuletzt ein paar deutliche Siege gegen Deutschland. Aber das ist Vergangenheit. Wenn Deutschland eine Topleistung bringt, können sie hier alle Teams schlagen." Mit einem Sieg über den Gastgeber würde das DHB-Team die "Todesgruppe" hinter sich lassen und ins Halbfinale einziehen.
Das Problem: Im bisherigen Turnierverlauf schaffte es die deutsche Mannschaft erst einmal, als Mannschaft eine Topleistung zu bringen: Beim 34:32 über Spanien in der Vorrunde beeindruckte das DHB-Team im Kollektiv, zuvor war man gegen Serbien in der zweiten Hälfte im Kollektiv kollabiert. Gegen Portugal (32:30) explodierte Rückraumshooter Miro Schluroff mit sieben Treffern in der zweiten Hälfte, beim lange, lange extrem nervösen 30:28 gegen Norwegen waren es Marko Grgic und eben Wolff. Gegen Dänemark geht es nur gemeinsam.
"Jetzt kommen zwei der drei besten Mannschaften der Welt. Da müssen wir insbesondere im Angriff eine Schippe drauflegen, weil die Dänen werden solche Fehler nicht ungestraft lassen", sagte Wolff im ZDF. Der Respekt vor Dänemark ist gewaltig, den Nimbus der Unbesiegbarkeit bekam der Gastgeber aber schon geraubt.
"Die anderen haben Blut geleckt"
Mathias Gidsel drohte der Welt schon, dass die Niederlage die Sinne geschärft habe. Auch Hans Lindberg, der seine große internationale Karriere im Sommer 2024 mit dem Olympiasieg beendet hatte, weiß: "Beim Spiel gegen Frankreich hast du schon gesehen, dass die Mannschaft unter Druck steht. Das Gefühl haben sie lange nicht mehr gehabt. Die Mannschaft war lange ganz locker unterwegs, sie hat alles geschafft. Es war Nervosität im Spiel, aber positive Nervosität. Alle wollten zeigen, dass die Leistung gegen Portugal einmalig war und in diesem Turnier nicht mehr vorkommen wird."
Doch Lindberg glaubt auch, dass die Pleite auf andere Art nachhallt: "Vielleicht hatte die Niederlage den Effekt, dass die anderen Mannschaften Blut geleckt haben. Die dänischen Spieler sagen zwar hinterher, dass sie nur 80 Prozent gegeben haben. Aber das war auch nur der Fall, weil Portugal immer wieder tolle Lösungen gefunden hat. Alle haben gesehen: Dänemark ist nicht unschlagbar." Juri Knorr freut sich jedenfalls drauf: "Jetzt haben wir keinen Druck gegen Dänemark. Wir sind ein sehr krasser Underdog und vielleicht können wir sie ärgern." Sagte der Spielmacher. Die Druckspiele haben die Deutschen schadlos überstanden, nun muss man nicht gewinnen, aber man will es.
"Es wird ein extrem schweres Spiel, ein extrem physisches Spiel", prognostizierte Dänemarks Toptorschütze Gidsel (39 Treffer) vor dem Duell. Sein Mitspieler Emil Jakobsen habe gesagt, "dass sie 'versuchen wollen, uns zu töten'. So machen sie es immer." Auch Lindberg weiß, dass die Dänen "mit viel Tempo nach vorne spielen und nicht vor der Härte der deutschen Abwehr einknicken" wollen. "Sie wollen es mit ihrer Geschwindigkeit lösen."
Wird es schnell, kommt die personell beeindruckend aufgestellte deutsche Abwehr bei diesem Turnier bislang zuverlässig in Schwierigkeiten. Doch die Dänen lassen sich von einer harten Abwehr durchaus beeindrucken, die Portugiesen bearbeiteten Gidsel und Co. derart gewalttätig, dass Abwehrkante Viktor Iturriza sogar wegen übertriebener Härte nachträglich für ein Spiel aus dem Verkehr gezogen wurde.
Natürlich wird es gegen das dänische Rollkommando auch wieder entscheidend auf Andreas Wolff ankommen. Deutschlands Wundertorwart, der in der Hauptrunde gegen Portugal und mehr noch gegen Norwegen mächtig heiß lief, beeindruckt die Handball-Welt. "Andi Wolff war heute fast Gott", schwärmte Norwegens Torwart Torbjörn Bergerud nach der Wolff-Gala mit 22 (!) gehaltenen Bällen. Und Hans Lindberg sagt lachend: "Wenn Andreas Wolff eine Leistung bringt wie gegen Norwegen, dann beeindruckt das jeden Gegner."
"Keine Angst vor Wolff"
Flensburgs Rückraumschütze Simon Pytlick bezeichnete Wolff am Sonntag als "das größte Phänomen im deutschen Handball". Man habe "Respekt vor ihm, wir betrachten das Spiel aber eher als ein normales Handballspiel. Ich glaube nicht, dass irgendjemand Angst haben wird, gegen Andreas Wolff abzuschließen." Bei der Packung im letzten Jahr hielt Wolff nicht einmal 20 Prozent der dänischen Würfe, zwischenzeitlich stand der Weltklasse-Torwart komplett fassungslos in seinem Tor, während völlig entfesselte Dänen sich vor seinen Augen und auf den Rängen in einen wahren Rausch steigerten.
Diesmal will Wolff die mächtige Boxen gegen die Gastgeber wenden: "Wir werden sehen, ob die Stimmung in der Halle ein Vorteil oder ein Nachteil für die Dänen sein wird", sagte der 34-Jährige. Und es war in der Tat spürbar, dass die Unterstützung der dänischen Fans nicht eben bedingungslos ist. Jedenfalls ist sie kein Selbstläufer, läuft es nicht, kriecht die Nervosität auch durch die Ränge.
"Man sagt immer, dass es ein großer Vorteil ist, vor 15.000 eigenen Fans zu spielen. Das kann sich aber auch ganz schnell ändern: Wir haben es gegen Portugal gesehen, da wurde die Stimmung auf einmal komisch, als die dänische Mannschaft hinten lag", bestätigt Hans Lindberg, der 308 Mal für Dänemark spielte. Auch zuletzt gegen Spanien wurde offensichtlich, dass die Angst um den großen Traum EM-Titel die Party auf den Rängen empfindlich gestört hat.
"Macht einen Riesenunterschied"
Anfang der zweiten Hälfte hatten die keineswegs beeindruckenden Spanier den Ausgleich geschafft. Dänemark schwamm und hatte auf einmal nach dem beeindruckenden Sieg im Giganten-Duell mit Frankreich (31:28) wieder den Abgrund vor Augen: Jede Niederlage kann für die Übermannschaft weiterhin das Aus bedeuten. Es wäre ein nationales Desaster. Immer wieder trieben Welthandballer Gidsel, Trainer Nikolaj Jacobsen und all die anderen Topstars die Fans mit unmissverständlichen Gesten zum maximalen Support an.
Die Zuschauer antworteten mit ohrenbetäubendem Lärm, in diesen Momenten entwickelt die Boxen eine unglaubliche Kraft. Die hilft sogar dem rot-weißen Weltklasseteam, wenn es doch mal eng wird. "Es macht für eine Mannschaft einen Riesenunterschied, ob 15.000 Zuschauer nur dastehen und ein bisschen klatschen oder ob richtig Stimmung ist", sagt Lindberg, der 17 Jahre in der Bundesliga gespielt hat. "Die Hilfe der Zuschauer kann fünf bis zehn Prozent ausmachen, das wünschen sich die Spieler." Es müsse aber schon "sehr viel passieren, dass die Halle zum Nachteil wird." Nach dem Ausgleich schüttelte sich Dänemark und zog innerhalb weniger Minuten beeindruckend davon.
Die deutsche Mannschaft, die gegen Norwegen nur ganz schwache 45 Prozent ihrer Angriffe mit einem Tor beendete, bekommt von Torwart-Titan Wolff einen klaren Auftrag für den Auftritt im Hexenkessel: "Man kann den Dänen nur auf eine Art Paroli bieten: wenn du hinten richtig hart bist und vorne konsequent und eiskalt." Zum Abschied sagt Hans Lindberg, der zuvor noch Hoffnung gemacht hatte, übrigens: "Dänemark gewinnt!" Das wollen wir ja erst mal sehen ...