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Eishockey-Coach Söderholm zur WM Nicht nur wegen Draisaitl "ist alles möglich"

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Toni Söderholm und sein Team treffen zum WM-Auftakt auf Großbritannien.

(Foto: imago images / ActionPictures)

Bundestrainer Toni Söderholm steht vor seiner ersten Weltmeisterschaft mit der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft. Vor dem Auftakt gegen Großbritannien (11. Mai, 16:15 Uhr) im slowakischen Kosice spricht der Trainer im Interview mit n-tv.de über die Titelfavoriten, über den deutschen NHL-Star Leon Draisaitl und über die Situation im deutschen Eishockey.

n-tv.de: Herr Söderholm, bei den Olympischen Winterspielen 2018 schrieb die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft mit der Silbermedaille ein Winter-Märchen. Wie groß ist die Chance, dass wir nun bei der Weltmeisterschaft ein Mai-Märchen erleben?

Toni Söderholm: Alles ist möglich. Die Silber-Medaille vom vergangenen Jahr ist aber Geschichte. Jetzt möchten wir eine neue Geschichte schreiben.

In der Gruppenphase warten Großbritannien, Dänemark, Frankreich, Slowakei, Kanada, USA und Finnland als Gegner. Wie schätzen Sie die Gruppe ein?

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Toni Söderholm trainiert das DEB-Team seit Anfang des Jahres.

(Foto: imago images / ActionPictures)

Bei einer Weltmeisterschaft ist jeder Gegner stark. Wenn man aber in die Vergangenheit schaut, sind Kanada, die USA und Finnland sicherlich die stärksten Nationen unserer Gruppe. Erst einmal gilt unsere Konzentration aber dem ersten Gruppenspiel gegen Großbritannien. Das ist eine Nation, in der Eishockey immer größer wird. Die Ergebnisse in der Champions League haben gezeigt, dass auch die Briten gut spielen können.

Wer sind die Titelfavoriten?

Schweden, Finnland, Russland, USA und Kanada zählen wie immer zum Favoritenkreis.

Sprechen wir über die deutsche Nationalmannschaft: Leon Draisaitl hat als erster Deutscher in der NHL die Schallmauer von 100 Scorerpunkten durchbrochen und gilt als der beste Eishockeyspieler Deutschlands, sogar als einer der besten der Welt. Was zeichnet ihn aus?

Zur Person

Toni Söderholm ist am 14. April 1978 im finnischen Kauniainen geboren. Er spielt seit seiner Kindheit Eishockey, zwischen 1998 und 2002 für die University of Massachussets. 2007 wurde er mit Finnland Vizeweltmeister. Zum Ende seiner Karriere spielte der Verteidiger zwischen 2015 und 2016 für den EHC Red Bull München. Direkt im Anschluss wechselte er in den Münchner Trainerstab. Ab Mai 2017 trainerte er den Zweitligisten SC Riesersee und führte den Klub 2018 zur Vizemeisterschaft in der DEL2. Seit 1. Januar 2019 ist er nun Bundestrainer der Nationalmannschaft.

Er ist ein moderner Eishockeyspieler, ist schnell unterwegs, geht mit viel Kraft in die Zweikämpfe und hat ein gutes Auge in der offensiven Zone. Wenn es rund um das gegnerische Tor gefährlich wird, steht er meistens richtig. Das ist vermutlich seine größte Stärke. Er ist noch relativ jung, bringt aber sehr viel Erfahrung mit und ist einer unserer Führungsspieler.

Bei den Edmonton Oilers hat Draisaitl in Connor McDavid den vielleicht besten Eishockeyspieler der Welt an seiner Seite. Bei der deutschen Nationalmannschaft hingegen ist er der Star und wird von den Gegenspielern besonders in Augenschein genommen. Kann er damit umgehen?

Einen Connor McDavid haben wir leider nicht, das ist richtig (lacht). Daher wird der Fokus noch mehr auf ihm liegen als in Edmonton. Wir sind als Mannschaft aber gut genug aufgestellt, um die Verantwortung auf mehrere Spieler zu verteilen.

Dann sprechen wir über die anderen Spieler: In Korbinian Holzer von den Anaheim Ducks und Dominik Kahun von den Chicago Blackhawks sind zwei weitere deutsche NHL-Spieler bei der Weltmeisterschaft dabei. Was sind ihre besonderen Eigenschaften?

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Leon Draisaitl ist der Starspieler des Söderholm-Teams.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Dominik ist ein Spielmacher, er hat in der Offensive ein gutes Tempo. Er ist sehr wichtig für unser Aufbauspiel und unser Umschaltspiel von Defensive auf Offensive. Korbinian wiederum ist ein starker Verteidiger. Er hat viel Kraft, geht gut in die Zweikämpfe und verteidigt das eigene Tor sehr gut. Man kann ihn auf den besten Offensivspieler des Gegners ansetzen.

Die Eishockey-WM findet parallel zu dem Endspurt in den europäischen Fußball-Ligen statt. Dadurch geht die Eishockey-WM in der öffentlichen Wahrnehmung teilweise etwas unter – zumal viele Menschen im Mai nicht zwingend in Eishockey-Laune sind. Wäre es nicht sinnvoller, die WM in der fußballfreien Zeit, zum Beispiel im Januar, auszutragen?

Das halte ich für nicht nötig. In Ländern wie Schweden, Finnland, Tschechien oder der Slowakei ist das Interesse an der Eishockey-Weltmeisterschaft sehr groß. Auch in Deutschland wird die Weltmeisterschaft sehr interessiert verfolgt. Wir sollten und brauchen uns nicht mit dem Fußball zu messen. Es gibt in Deutschland auch ein Publikum für Eishockey. Wir alle sind es gewohnt, dass nach der DEL-Saison die WM ansteht. Eine Verschiebung auf den Januar wäre nur schwer umzusetzen, weil dann der Ligabetrieb unterbrochen werden müsste.

Die meisten Spieler der deutschen Nationalmannschaft sind in der Deutschen Eishockey Liga, also der DEL aktiv. Wie stark ist unsere nationale Liga im internationalen Vergleich?

Die nordamerikanische Profiliga NHL und die russische KHL sind natürlich deutlich stärker. Danach kommen die Ligen aus Schweden, Finnland, der Schweiz und dahinter Deutschland. Wir haben in der Champions League gesehen, dass die besten deutschen Mannschaften mit den Teams aus Schweden oder Finnland mithalten und auch gewinnen können. In der Breite sind wir allerdings noch nicht so stark.

Laut der Internationalen Eishockey-Föderation (IIHF) liegt der Zuschauerschnitt in der DEL bei 6215 Besuchern pro Spiel. Das ist der viertbeste Wert einer Eishockeyliga weltweit. Nur in Russland, der Schweiz und Nordamerika gibt es einen höheren Zuschauerzuspruch. Warum haben wir dann nicht auch die viertbeste Liga der Welt?

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Ex-Bundestrainer Marco Sturm plädiert dafür, dass mehr deutsche Spieler in den DEL-Teams spielen.

(Foto: imago/ActionPictures)

Alles beginnt mit der Nachwuchsarbeit. Wie gut können sich die jungen Spieler entwickeln? Wie hoch ist das Niveau in den Junioren-Ligen? Wie viele Deutsche können sich später in der heimischen Liga zum Führungsspieler entwickeln und ihre Mannschaft tragen? Die Summe all dieser Antworten zeigt, dass die Breite noch nicht so da ist wie in einigen anderen Ländern.

Ist es aber zumindest ein gutes Zeichen, dass mittlerweile die U18- und die U20- Nationalmannschaft in der Top-Division spielen?

Natürlich. Die Nachwuchsarbeit ist in den letzten Jahren viel besser geworden. Es wird mehr gepusht und gefordert, alle gehen in die gleiche Richtung. Der Deutsche Eishockey-Bund hat mittlerweile ein gutes und vor allem nachhaltiges Konzept. Und die jungen Spieler sehen an Beispielen wie Leon Draisaitl, wie weit man es als Deutscher im Eishockey bringen kann.

Ihr Bundestrainer-Vorgänger Marco Sturm hat sich in einem aktuellen Interview für eine Reduzierung der Ausländerstellen in der DEL stark gemacht. Andernfalls hätte man nicht die Möglichkeit, in der Welt unter den Top acht zu bleiben. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Natürlich würde es uns helfen, wenn es weniger Ausländerstellen gäbe und daher mehr Deutsche in der DEL spielen würden. Die Frage ist nur, ob sich dieses Vorhaben von heute auf morgen so einfach umsetzen lässt. Hierfür müssten der DEB und die DEL sehr eng zusammenarbeiten. Unabhängig davon ist jeder deutsche Eishockeyspieler gefordert, sich seine Eiszeit zu verdienen. Und das ist wiederum eine Frage der Ausbildung.

Welche Maßnahmen würden Sie sich wünschen, um mehr junge Menschen an das Eishockey heranzuführen? Sollte Eishockey vielleicht in den Schulsport integriert werden?

Ja, das wäre ein guter Ansatz. Ich zum Beispiel komme aus Finnland. Dort gehört Eishockey zum Schulsport. In einigen anderen Ländern ist es ähnlich. Junge Menschen können von diesem Mannschaftssport sehr profitieren. Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, hat mir Eishockey genauso viel mitgegeben wie die Schule oder meine Eltern.

Mit Toni Söderholm sprach Oliver Jensen

Quelle: n-tv.de

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