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Alles zur Heim-EM im Basketball Nowitzki rumpelt, der DBB bibbert

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Der alte Mann und der Basketball: Mit 37 Jahren spielt Dirk Nowitzki endlich ein großes Turnier zu Hause, in Deutschland. Der Ausnahmespieler der vergangenen Jahren ist er nicht mehr.

(Foto: imago/Camera 4)

Dirk Nowitzki bei einer Basketball-EM in Deutschland: Im Winter der Karriere von "Dirkules" geht ein Traum in Erfüllung, für ihn und die Fans. Doch das Team will kein Schaulaufen, sondern zu Olympia. Eine Mammutaufgabe.

Verletzungen, Testspiel-Klatschen, Todesgruppe: Die deutsche Basketball-Nationalmannschaft geht mit großen Sorgen in die Europameisterschaft 2015. Dabei sollte das Turnier eigentlich zu einem Fest für die Sportart in Deutschland werden. Der Stargast: Dirk Nowitzki. Endlich, im Alter von 37 Jahren, läuft der beste deutsche Basketballer aller Zeiten bei einem großen Turnier in seiner Heimat auf. Die Fans feiern ihren Superstar, das Aktuelle Sportstudio lädt ihn ein - doch wenn es um die sportlichen Aussichten für das Turnier geht, wird die Stimmung schnell gedrückt. Als Ziel hat Bundestrainer Chris Fleming im Interview mit n-tv.de das Erreichen eines Quali-Turniers für Olympia 2016 ausgegeben. Dafür müsste sein Team mindestens Platz sieben belegen. Bei all den Fragezeichen um Nowitzki und Co. wäre das fast schon eine Überraschung.

Was kann Dirk Nowitzki noch leisten?

Der NBA-Champion von 2011 kokettiert selbst gern mit seinem Alter, das in Teamkreisen zum Running Gag geworden ist. Nowitzki ist aber nicht nur 37 Jahre alt, er hat auch 17 Jahre NBA in den Knochen. 82 Spiele pro Saison, das sind locker doppelt so viele wie seine europäischen Kollegen. Aus Nowitzkis Draft-Jahrgang 1998 sind fast alle Spieler schon in Rente.

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Die Athletik hat ihn schon vor Jahren verlassen, der Dunk beim All-Star-Game im Februar war ein nationales Ereignis. Allerdings war Nowitzki schon immer eher ein Werfer, defensiv gleicht er viel durch seine Erfahrung aus. In den Testspielen suchte er seinen Wurf noch.

"Ich kann die Spiele nicht mehr allein entscheiden", sagte Nowitzki vor ein paar Wochen. Tatsächlich wird er wohl kaum 20 Punkte im Schnitt erzielen. Aber Nowitzki ist nach wie vor einer der besten "Clutch Shooter" der Welt: Er hat schon dutzende Partien mit dem letzten Wurf gewonnen. So wie bei der EM 2005, im Halbfinale gegen Spanien. Das ist zehn Jahre her, aber solche Momente kann man von Nowitzki immer noch erwarten. Auch mit 37.

Wie gut ist Dennis Schröder?

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Aufbauspieler Dennis Schröder ist ein Segen für das DBB-Team - und ein Risikofaktor.

(Foto: imago/Camera 4)

So gut wie kein anderer Aufbauspieler in Deutschland vor ihm. Der 21-Jährige läuft seinen Gegenspielern einfach davon, sein Tempo schafft Räume für die Mitspieler, er kann am Ring auch unter Bedrängnis sicher abschließen. Sein schnelles Spiel passt in die NBA, wo er im zweiten Jahr bei den Atlanta Hawks den Durchbruch geschafft hat. Aber international hat es Schröder schwerer: Die Dreierlinie ist näher am Korb als in der NBA, das macht das Spielfeld enger und es den großen, langsamen Spielern leichter, den Ring zu beschützen. Im Testspiel gegen Kroatien in Zagreb wurde Schröder auf dem Weg zum Korb ein ums andere Mal hart abgeräumt, die Schiris in Europa lassen so etwas eher durchgehen als in der NBA. Auch deswegen leistete sich Schröder neun Ballverluste. "Eine Erfahrung, die Dennis machen muss", sagte Bundestrainer Fleming.

Das Problem: Schröder hält den Ball oft und sehr lange. So interpretiert er seine Rolle, in die ihn auch Dirk Nowitzki drängt. "Ich bin bereit, der neue Anführer zu sein", sagte Schröder dem Sportinformationsdienst. Nur geht es in Europa mehr als in der NBA darum, den Ball zu teilen, schnell den freien Mann zu finden. Mit ihm führten gegen Lettland 13 Vorlagen zum Korberfolg, ohne ihn gegen Polen ganze 22 – der 82:69-Sieg war das stärkste Spiel der Nationalmannschaft in der ganzen Vorbereitung. Das ist kein Argument gegen Schröder, seine Fähigkeiten sind unverzichtbar. Aber: Chris Fleming muss einen Weg finden, den ungeduldigen Schröder zum Passen zu bewegen. Sonst wird der Führungsanspruch des Youngsters zu einem Problem für das ganze Team.

Und der Rest?

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Dem DBB-Kader fehlt es aufgrund zahlreicher Verletzungen an Tiefe hinter der starken Starting Five.

(Foto: imago/Camera 4)

Das deutsche Team könnte richtig gut sein. Wenn, ja wenn die Ausfälle nicht wären. Ex-NBA-Spieler Tim Ohlbrecht hat sich nach Querelen mit dem Verband erst gar nicht zur Verfügung gestellt, Daniel Theis und Elias Harris vom Meister Bamberg sagten verletzt ab, der formstarke Center Maik Zirbes lädierte sich im Test gegen Lettland den Knöchel. So wird Trainer Chris Fleming seinen Startern viel Spielzeit geben – was besonders für Nowitzki ein Problem darstellen könnte. Fünf Spiele in sechs Tagen in der Vorrunde gehen an die Substanz.

Neben den NBA-Stars Schröder und Nowitzki ragt vor allem Tibor Pleiß heraus, nicht nur wegen seiner 2,18 Meter. Der Hüne wird ab nächster Saison für die Utah Jazz in der NBA spielen, er soll der Nationalmannschaft Stabilität in der Abwehr verleihen. Empfehlen konnten sich in der Vorbereitung Nowitzki-Backup Robin Benzing, der Aufbauspieler Maodo Lo und Bayern-Spieler Paul Zipser. Heiko Schaffartzik kann wie gegen die Türkei mit wilden Distanzwürfen immer wieder für Akzente sorgen. Doch dahinter wird es mau: Der eingebürgerte Anton Gavel sucht noch seine Form, dem jungen Nils Giffey fehlt noch die Durchsetzungskraft, Alex King, Karsten Tadda und Johannes Voigtmann haben nicht die ganz große europäische Klasse.

Sind die Deutschen ein Medaillenkandidat?

"Svetislav Pesic hält eine Medaille für möglich", diese Meldung geisterte vor einer Woche durch die Medien. Die Trainer-Legende, die mit Deutschland 1993 sensationell EM-Gold holte, erwartet also Großes vom Team? Nein. Er halte eine Medaille zwar für möglich, korrigierte der Bayern-Coach ein paar Tage später, "aber eher für unrealistisch."

Wer sich abseits von In-einem-Turnier-kann-alles-passieren-Phrasen die Ausgangssituation anschaut, wird Pesic zustimmen müssen: Es wird schwer genug, überhaupt die Gruppe zu überstehen. Wenn jemals eine Konstellation das Prädikat "Todesgruppe" verdient hatte, dann die deutsche Gruppe B: Underdog Island fällt heraus, aber dann warten Vizeweltmeister Serbien, Wundertüte Türkei, das starke Italien und der Olympia-Zweite Spanien. Zwar reicht der machbare Platz 4 für das Achtelfinale, aber zu allem Überfluss wartet dort aller Voraussicht nach Gastgeber Frankreich. Gegen das Team um Superstar Tony Parker kassierte die DBB-Auswahl bei der 52:76-Klatsche im Test vor einer Woche 31 Punkte hintereinander, ohne einen einzigen eigenen Korberfolg. Gerade die Franzosen und die anderen Turnierfavoriten haben etwas, was den Deutschen fehlt: Der Kern des Teams ist seit Jahren konstant. Die Deutschen haben in dieser Zusammensetzung noch nie zusammengespielt. Immer wieder blicken sich Nowitzki und seine Kollegen fragend an und diskutieren über Spielzüge. Coach Fleming bleibt keine Zeit mehr, er muss noch im Turnier an der Abstimmung feilen. Um es kurz zu machen: Das Viertelfinale und damit die Chance auf den wichtigen Platz 7 sind ein ferner Traum.

Wer sind die Topfavoriten?

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Zwei finden sich in der deutschen Gruppe: Serbien und Spanien. Für die Fans in Berlin eine gute Nachricht, sie werden richtig guten Basketball sehen dürfen. Die Qualität im serbischen Kader ist so hoch, dass der Bayern-Center Vladimir Stimac, einer der Vizeweltmeister von 2014, zu Hause bleiben muss. Angeführt wird das Team von Milos Teodosic, der Pässe wie Pinselstriche über das Parkett zaubert. Die traditionell starken Spanier kommen mit ihren NBA-Stars Pau Gasol und Nikola Mirotic. Gastgeber und Titelverteidiger Frankreich geht sicherlich als der größte Favorit in das Turnier. Tony Parker, Boris Diaw und Nicolas Batum bilden seit vielen Jahren ein starkes Gerüst. Zu den drei NBA-Profis gesellen sich noch einige Außenseiter: Die Italiener haben endlich einmal alle großen Namen beisammen, Danilo Gallinaro, Andrea Bargnani und Marco Belinelli verdienen ihr Geld in der NBA. Kroatien hat einige starke Testpiele gezeigt, die Griechen und die Litauer gehen wie immer mit guten Aussichten in die EM.

Warum findet die EM eigentlich in mehreren Ländern statt?

Deutschland hatte sich gemeinsam mit Frankreich, Italien und Kroatien um die Austragung der Eurobasket beworben – den Zuschlag aber erhielt im Dezember 2011 Mitbewerber Ukraine. Wegen des Krieges im Osten des Landes entzog der europäische Verband der Ukraine im Sommer 2014 das Turnier. Als Ersatz griff die Fiba Europa auf den Gedanken einer EM in mehreren Ländern zurück, den Zuschlag erhielten Deutschland, Frankreich, Kroatien und Lettland für die vier Vorrundengruppen. Die Endrunde wird komplett in Frankreich ausgetragen.

Ein Kuriosum am Rande: Die gastgebenden Verbände durften sich vor der Auslosung ein Team für ihre Gruppe aussuchen. Deutschland wählte die Türkei.

Quelle: ntv.de