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Kandidaten-Casting als Fiasko Null Bock auf Olympia 2026

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1988 fanden die Olympischen Winterspiele schon einmal in Calgary statt.

Es kommt wie befürchtet: Calgary will die Olympischen Winterspiele 2026 auch nicht. Am Ende könnte das IOC tatsächlich ohne Bewerber dastehen. Ein Horrorszenario, gar ein Olympia-Aus sieht Experte Wolfgang Maennig dennoch nicht. Reformbedarf schon.

Olympische Spiele? Nicht mit uns! Nach Sion, Innsbruck und Graubünden scheidet auch Calgary als potentieller Ausrichter für die Olympischen Winterspiele 2026 aus. 56,4 Prozent der Bürger sprachen sich bei einem Referendum gegen die Ausrichtung aus, nur 43,6 Prozent waren dafür, ein deutliches Votum. Dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) gehen nach der nächsten olympischen Abfuhr die Bewerber aus.

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Das dürfte den IOC mit seinem deutschen Präsidenten Thomas Bach besonders schmerzen, schließlich war Calgary erst Anfang Oktober zu einem von drei offiziellen Kandidaten ernannt worden. Und: Calgary ist ein Wintersport-Mekka, die Stadt hat viele bestehende Sportanlagen, hatte bereits die Winterspiele 1988 ausgerichtet - und hätte deshalb eigentlich gut einschätzen können, was eine Olympia-Austragung auch an positiven Dingen bedeuten kann, wie Wolfgang Maennig gegenüber n-tv.de betont. Der Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Hamburg, selbst Ruder-Olympiasieger 1988 und immer noch "fanatischer Olympiaanhänger", sagt: Calgary hat "einen Informationsvorsprung gegenüber anderen Regionen, in denen abgestimmt wird. Trotzdem oder gerade deshalb hat sie sich dagegen entschieden."

"Vor jedem Referendum Angst"

Damit sind für 2026 offiziell nur noch Stockholm sowie Mailand mit Cortina d'Ampezzo im Rennen, die Minimalzahl für ein Bewerbungsrennen. Das Problem für das IOC: Auch diese beiden Bewerbungen stehen auf der Kippe. Stockholms neuer Stadtrat sprach sich bereits vor mehreren Wochen gegen eine Unterstützung der Olympia-Kandidatur mit öffentlichen Mitteln aus, einzig das Nationale Olympische Komitee will nicht von einer Bewerbung lassen. Italiens Regierung möchte die Bewerbung zwar ideell unterstützen, allerdings ebenfalls nicht finanziell. Es gebe "keinen Euro, weder für direkte noch indirekte Kosten", machte der stellvertretende Ministerpräsident Luigi Di Maio deutlich. Spiele ja, Geld nein? Damit wäre die Bewerbung de facto tot.

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Wolfgang Maennig ist Olympiasieger im Rudern von 1988, Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Hamburg und erklärter Olympiafan.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Olympia-Ausrichter für 2026 soll auf der IOC-Vollversammlung am 24. Juni 2019 in Lausanne gekürt werden. Dass es dazu kommt, ist für IOC-Ehrenmitglied Gian Franco Kasper keinesfalls mehr sicher. Schon vor Wochen hatte der Präsident des Weltskiverbandes FIS in der "Neuen Züricher Zeitung" gewarnt: "Lasst uns hoffen, dass wir bei der Wahl in Lausanne im Juni noch Kandidaten haben." Und mit Blick auf die anstehende Bürgerbefragung in Calgary offen eingestanden: "Ich habe vor jedem neuen Referendum Angst." Die Sorgen sind berechtigt: Vor Calgarys klarem Nein hatte bereits die Bevölkerung im schweizerischen Sion und in Tirol gegen eine Bewerbung für 2026 votiert, auch die Olympia-Bewerbungen von Hamburg für 2024 sowie München, Krakau und Graubünden für 2022 waren von den Bürgern abgeschmettert worden.

Calgary ist damit der siebte Olympia-Interessent in Folge, der dem IOC eine Absage für die Ausrichtung Olympischer Spiele erteilen muss, weil die Bevölkerung den Plan nicht unterstützt. Die Angst vor Korruption, Gigantismus und horrenden Kosten ist zu groß. Zwar war das IOC den Bewerbern bereits entgegengekommen, dennoch hätten die Winterspiele die Stadt Calgary wohl mindestens 3,5 Milliarden Euro gekostet, haben Berechnungen ergeben. Ein krasser Widerspruch zur IOC-Behauptung von #NoCostOlympics. Allein die Bewerbung der japanischen Stadt Tokio, die letztlich den Zuschlag für Olympia 2020 bekam, hat laut Maennig 100 Millionen Dollar gekostet. Für die Winterspiele 2022 in Peking erwartet IOC-Mann Kasper einen neuen olympischen Kostenrekord. Beispiele, die Bürger abschrecken.

Sportler sollen Initiative ergreifen

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Oder auch nicht ...

(Foto: imago/Baering)

Dabei habe das IOC nach der Tokio-Bewerbung mit der Agenda 2020 dagegen gesteuert, gesteht Maennig dem Komitee zu: "Man hat abgespeckt, man setzt mehr auf temporäre Bauten, man hat kleinere Stadien akzeptiert, man hat akzeptiert, dass sich Regionen bewerben, man hat jetzt den ganzen Bewerbungsprozess auf den Kopf gestellt." Aber: Das verhindert - siehe Peking - keine Kostenexzesse und reicht offenbar nicht, um die Bürger zu überzeugen. Für deren Ablehnung sieht Maennig allerdings noch einen weiteren Grund: "In Deutschland und vielen anderen Ländern ist es immer schwer, eine Mehrheit für etwas Neues zu bekommen. Wir nennen das 'Status-Quo-Denken'."

Außerdem seien Volksabstimmungen offenbar "ein Ventil zum Druckablassen gegen die Regierung zwischen den Wahlen", so der Olympiaexperte. Doch das sei ein Problem, das man lösen könne. Eine Bewerbung müsse als eine Art Bürgerinitiative von Sportlern oder Sportbegeisterten selbst initiiert werden, erklärt Maennig, nicht als Projekt von Politik und Wirtschaft wie bei Hamburgs gescheiterten Anlauf für die Sommerspiele 2024. In der Hansestadt waren sich Maennig zufolge der Handelskammerpräsident und der Bürgermeister völlig einig, damit war das Konzept von oben auferlegt.

Zudem müsse klar festgelegt werden, dass Olympische Spiele die austragende Stadt nicht automatisch vollkommen umkrempeln. "Wenn wir ehrlich sind, waren die Olympischen Spiele auch zu einem Stadtentwicklungsprogramm degeneriert. Barcelona gilt als Musterbeispiel wie man durch Olympia so 20, 30 Jahre nach vorne springen kann", sagt Maennig über die Sommerspiele 1992: "Danach hat sich keiner mehr beworben, weil sie die besten Sportler in der Stadt haben wollten, sondern weil sie Milliarden von ihren Nationalregierungen erpressen wollten, um Infrastrukturmaßnahmen zu realisieren, die sie sonst allenfalls 10, 20, 30 Jahre später bekommen hätten", kritisiert er und stellt klar: "Olympia war nie ein Stadtentwicklungsprogramm!"

IOC muss neu verhandeln

Das Ende der Olympischen Spiele, das von einigen bereits herbeigeschrieben wird, droht laut Maennig nicht. Die Situation sei schon in der Vergangenheit ähnlich vertrackt gewesen. Für 1976 gab die amerikanische Stadt Denver kurzfristig die Austragung der Winterspiele zurück - die erfahrene Olympiastadt Innsbruck sprang ein. Nach dem finanziellen Desaster der Sommerspiele 1976 in Montreal, der Wirtschaftskrise der Jahre 1974/75 sowie geforderter Garantien, sagten die Bewerber für das Jahr 1984 ab. Letztlich erklärte sich Los Angeles zur Austragung bereit und machte mit Olympia tatsächlich einen Gewinn - weil dessen Bewerberkomitee in seiner günstigen Position als einziger Kandidat aushandeln konnte, vor allem bestehende Sportanlagen zu nutzen, den Fernsehvertrag selbst auszuhandeln, Sportler nicht in einem Olympischen Dorf unterzubringen sowie den Profit selbst einzubehalten statt ihn an das IOC abzuführen.

Was dem IOC nicht geschmeckt hat, hat sich für die Stadt und Sportler gelohnt. "Es waren ganz einfache Spiele, trotzdem exzellent gemacht", schwärmt Maennig, der 1984 selbst dabei war, noch heute. Zur olympischen Trendwende wurden die Spiele nicht. Danach konnte das IOC wieder die Bedingungen diktieren und mit seinem Produkt Olympia Milliardengewinne erwirtschaften.

Und jetzt? Was passiert, wenn für die Spiele 2026 mit Stockholm und Mailand tatsächlich auch die anderen Bewerber noch abspringen? Gibt es tatsächlich den Notkandidaten Argentinien? Muss Salt Lake City einspringen, was angesichts des Bestechungsskandals der Winterspiele von 2002 eine ganz eigene olympische Pointe hätte? Maennig bringt für den Notfall die kasachische Stadt Almaty ins Spiel, die sich bei der Bewerbung um die Winterspiele 2022 Peking knapp geschlagen geben musste. Aber: "Ich glaube, dass Kasachstan noch verschnupft ist. Die warten vielleicht mal in Ruhe ab, dass das IOC auf sie zukommt, dann haben sie mehr Verhandlungsspielraum."

Quelle: n-tv.de

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