Sport
Dienstag, 02. Januar 2018

Cross ist jetzt der Darts-Boss: Taylor wandert bizarr ins Wunderland

Von Tobias Nordmann

Die letzte große Show von Phil Taylor endet in einem Debakel für die Legende. Obwohl er nicht schlecht spielt, wird "The Power" von Rob Cross gedemütigt. Das Finale der Darts-WM erinnert an einen ganz besonderen Moment vor 28 Jahren.

Den Moment, an den sich die Darts-Welt nun massiv erinnert fühlt, hat Rob Cross nicht erlebt. Er liegt 28 Jahre zurück - und da war der neue, 27 Jahre alte Weltmeister gerade einmal in Planung. Vor 28 Jahren knallte Phil Taylor mit Wucht auf die Darts-Bühne, gewann bei seiner ersten WM den Titel, entthronte und demütigte seinen Mentor Eric Bristow mit einer irrwitzigen Perfomance mit 6:1. Der englische Darts-Kommentator Tony Green verkündet damals das Ende der Ära Bristow und rief das neue Taylor-Zeitalter aus. Das ist nun, seit dem späten Montagabend, ebenfalls Geschichte - mit einem bizarren Ende.

Rob Cross ertrug alles an diesem Abend im Alexandra Palace anständig, fast ein wenig zu anständig. Auf kaum etwas, was geschah, was er leistete, reagierte er mit großen Emotionen oder übertriebenen Gesten. Nicht einmal auf seinen WM-Titel, den er als Neuling sensationell herausgeworfen hatte - präzise, lässig, mit einem überragenden Drei-Dart-Schnitt von 107,67 Punkten und einer weltmeisterlichen Doppelquote von 60 Prozent. Und er reagierte auch erst auf seinen Gegner, nachdem er, Cross, dieses denkwürdige und überraschend einseitige Finale mt 7:2 nach Sätzen gewonnen hatte.

"Ich fühle mich großartig. Es ist meine erste große Trophäe. Aber es geht hier um Phil Taylor. Es ist sein Turnier“, sagte Cross im Sieger-Interview. Er sagte das so bescheiden, fast schon entschuldigend, als hätte er etwas Unanständiges getan. Dabei hatte er doch "nur" ein perfektes Sportmärchen verhindert. Das vom kitischigsten aller Enden der unglaublichen Karriere des Phil Taylor, des 16-fachen Weltmeisters, der sein 21. WM-Finale bestritt. Und "The Power" wusste mit seinem letzten Arbeitstag so gar nicht umzugehen. Wohl auch extrem angepackt, von der Wehmut, die während der gut anderthalb Finalstunden zäh durch den Ally Pally waberte.

Kaum gefordert und dann gedemütigt

Dorthin, in den Darts-Tempel, war der 57 Jahre alte Taylor Mitte Dezember ein letztes Mal gekommen, um zu gewinnen. Dabei schien das kaum möglich. Die jüngeren Konkurrenten hat den Routinier in den vergangenen Jahren immer stärker unter Druck gesetzt, ihn überholt. Taylor, der den Sport fast 30 Jahre dominiert hatte, der seiner Zeit mit seinen Leistungen immer Jahre voraus war, startete die WM "nur" noch als Ranglisten-Sechster - mit einem vorgezeichneten Weg durch die Spitze der Weltrangliste: James Wade (11.) im Achtelfinale, Gary Anderson (3.) im Viertelfinale, Peter Wright (2.) im Halbfinale und van Gerwen (1.) zur Krönung. Doch bis auf den am Rücken verletzten Doppelweltmeister Anderson knickten alle ein, so lautete der Weg Chris Dobey in Runde eins (38., 3:1), Justin Pipe (27., 4:0) in Runde zwei und plötzlich Keegan Brown im Achtel- (58., 4:0), ebenjener Anderson (5:3) im Viertel- und Jamie Lewis (46, 6:1) im Halbfinale.

Bodenständiger Überflieger: Weltmeister Rob Cross.
Bodenständiger Überflieger: Weltmeister Rob Cross.(Foto: dpa)

Taylor war plötzlich da, wo er sich selbst erwartet hatte: Im Endspiel, kaum gefordert, solide gespielt, mit dem Habitus eines Oppas, der nur noch aus Spaß mitwirft, wie es die "Zeit" schrieb. Doch plötzlich stand da Rob Cross. Ein Klon seiner selbst, der in einer erdrückenden Weise beherrschte, wie "The Power" seine Gegner zu besten Zeiten. "Ich sehe bei ihm viele Parallelen zu mir. Er verschreibt sich komplett dem Darts", sagte Taylor. "Ihm geht es nicht ums Geld, ihm geht es ums Gewinnen." Und das tut er ganz bescheiden. Wie schon nach dem gewonnenen Halbfinal-Wahnsinn gegen die niederländische Abrissbirne Michael van Gerwen verzichtete "Voltage", so Cross' Spitzname, auf großes Gebahren, kratzte sich am Kopf, als sein ihm sein Erfolg, seine Stärke peinlich.

Nicht so Taylor, der wandelte mit seiner Performance im letzten Spiel seiner Karriere auf einem schmalen Grat zwischen zunächst maximaler Lockerheit und später latenter Arroganz und Respektlosigkeit: Ein Selfie beim Walk-on (das erste und somit auch letzte in seiner Karriere), ständige Interaktion mit seiner Crew und dem Publikum, was sich mit dem in Dauerschleife gesungenen Klassiker: "There's only one Phil Taylor, one Phil Taylor, walking along, singing this song, walking in a Taylor wonderland", bedankte. So weit, so schön, so sympathisch. Doch dann, Anfang des fünften Satzes, gerade als er den magischsten Moment seiner Ally-Pally-Laufbahn, vermillimetert hatte, als er seinen möglichen ersten Neun-Darter im Tempel neben den Doppel-12 gelegt hatte, schlug das Verhalten nach einer letzten Witzelei um.

Darts hat Taylor (fast) alles zu verdanken

Das Finale in Zahlen
  • Rob Cross - Phil Taylor: 7:2 (3:1, 3:1, 3:0, 0:3, 3:0, 3:1, 3:1, 0:3, 3:0)
  • Drei-Dart-Average: 107,67 Punkte - 102,26 Punkte
  • Doppelquote: 60 Prozent - 45,45 Prozent
  • 180er: 11:12
  • 140er: 27:20
  • 100er: 27:33
  • Highfinish: 167 - 151

Taylor erhöhte die Schlagzahl seiner Psychospiel-Mätzchen, feierte starke Pfeile mit ausladenden und zynischen Gesten, bot nach schlechten Aufnahmen oder verlorenen Legs den Zuschauern an, statt seiner zu werfen. Eine Respektlosigkeit (ohne Erfolg), die er zuletzt selbst beklagt hatte. Cross ignorierte das, lächelte gewohnt viel, konzentrierte sich weiter auf sein phänomenales Spiel und besaß am Ende sogar die Größe, Taylor, dem Verlierer, die Bühne zu überlassen, überreichte ihm kurz den WM-Pokal. Denn Cross weiß, die ganze Szene weiß: Ohne "The Power" würde der Sport nun nicht da stehen, wo er ist. Nicht mehr in der Kneipe, sondern in der Prime Time. Nicht mehr mit kleinen Preisgeldern dotiert, sondern mit gefeierten Millionären an der Spitze. Einfachen Typen dennoch, mit ganz normalen Geschichten.

So wie eben auch die von Taylor selbst. Der als Jugendlicher in der dreckigen Malocherstadt Stoke-on-Trent mit diversen Jobs sein Geld verdiente. Der Keramik-Toilettenhalter schraubte, in einer Kneipe trainierte, seine Frau nachts im Schlafzimmer nervte, so lange auf seine Scheibe warf, bis er drei 180er ins Board gehämmert hatte. Oder eben auch die von Cross. Der als Elektriker bis Ende 2016 wegen beruflicher Sicherheit und seiner Kinder darauf verzichtet, den Sport mit aller Vehemenz zu betreiben, ehe er merkte, wie gut er eigentlich ist.

Und so ist Cross, durch den Titel in der Weltrangliste von Platz 20 auf drei (!) gesprungen und erstmals für die "Premier League of Darts" nominiert, eine der große Hoffnungen der Szene, die nach dem Abgang von Taylor ein Vakuum zu füllen hat. Das eines neuen "Unangreifbaren". Allerdings ist fast alles anders als vor 28 Jahren, als Taylor mit Wucht die Führung übernahm, zwischen 1995 und 2002 acht Mal Weltmeister wurde, dabei 44 Spiele in Serie und während seiner ganzen Karriere 216 Turniere gewann. Darts ist kein Ort mehr für Solisten. Die Darts-Welt ist mittlerweile ein Knabenchor mit vielen Hochbegabten.

Und Taylor? Der ist am Ende ganz bescheiden, ein fairer Geschlagener, plötzlich tatsächlich der Oppa, der Spaß hat, der gerührt ist von der Liebe der Fans, von den Abschiedsbildern, die ihm der Verband PDC zusammengestellt hat. Er schreibt ein spontanes "Thank you, thank you, loved it" auf einen weißen Zettel, zeigt ihn dem Publikum, dann singt und tanzt zu seinem Lieblingslied "Viva la Vida" mit der Zeile "now the old king is dead, long live the king", ins Wunderland. In sein Wunderland. Und aus dem kommt er nicht mehr zurück.

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Quelle: n-tv.de