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20 Jahre nach Wimbledon-Abschied Titel und Dramen in Beckers "Wohnzimmer"

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Der Tag, der alles veränderte: Am 7. Juli 1985 darf Boris Becker zum ersten Mal den Wimbledon-Pokal in die Höhe recken.

(Foto: imago images / Kosecki)

Vor zwanzig Jahren spielt Boris Becker sein letztes Match auf dem heiligen Rasen von Wimbledon, anschließend beendet er seine Karriere. Damit verliert nicht nur ein ganzes Land eines seiner größten aktiven Sportidole, es geht auch eine ganz besondere Liebesbeziehung zu Ende.

Tennis, das war noch weit in den Achtzigern ein Sport für Privilegierte, dem der Muff des Elitären anhaftete. Dann hechtete sich auf einmal ein rothaariger Teenager aus Leimen 1985 in die deutschen Wohnzimmer und änderte die komplette Wahrnehmung des Sports. Mit nur 17 Jahren gewann Boris Becker Wimbledon, als damals jüngster Grand-Slam-Sieger aller Zeiten.

Der DTB freute sich über neue Mitglieder, mit rund zwei Millionen erreichte er neun Jahre nach dem Kickstart durch Becker die höchsten Mitgliedszahlen seiner Geschichte. Deutschland war fasziniert und verfolgte über viele Jahre eine ganz besondere Liebesgeschichte zwischen dem Sportler und "seinem" Turnier, die der Nation so viele Dramen und Heldenmomente bescherte. Der Center Court von Wimbledon, so sagte Becker später, sei sein "Wohnzimmer". Heute vor 20 Jahren endete diese ganz besondere Beziehung abrupt und ohne Happy End: Becker bestritt sein 83. Wimbledon-Match gegen den Australier Patrick Rafter, es sollte sein letztes werden.

Beckers größter Triumph

Der bedeutsamste Triumph in Beckers an historischen Triumphen nicht armer Karriere bleibt der Sieg vom 7. Juli 1985. In vier Sätzen schlägt Becker im Finale von Wimbledon den Südafrikaner Kevin Curren. Seitdem ist Becker der jüngste Spieler, der jemals das Turnier auf dem heiligen Rasen gewinnt. Auch der Becker-Hecht ist danach fester Bestandteil des Tennis. Millionen von Zuschauern sehen dem rothaarigen Teenager dabei zu, wie er sich regelmäßig beim Volley mit letztem Einsatz dem Ball hinterher wirft und anschließend auf dem Rasen landet. Wenig später kommt die Becker-Faust hinzu, in der der Leimener seine Energie bündelt. "Man spürt, dass man etwas geschafft hat, was nicht normal ist. Ich bin damals vom Center Court gekommen und Menschen, die mich dreieinhalb Stunden vorher noch relativ normal angeschaut haben, starrten mich plötzlich an. Wie so ein Wunder aus einer anderen Welt", sagte der Teenager der Deutschen Presse-Agentur nach seinem Sieg.

Fast auf den Tag genau ein Jahr nach seinem ersten unvergessenen Sieg in Wimbledon gelingt es ihm, seinen Titel bei den All England Championships zu verteidigen. In drei Sätzen besiegt er den damaligen Weltranglisten-Ersten Ivan Lendl. Nach dem Sieg reißt Becker beide Arme in die Luft und triumphiert.

1989 steht Becker im Finale dann seinem Dauerrivalen, dem Schweden Stefan Edberg gegenüber. Und Becker gewinnt. Erneut. Sein dritter Wimbledon-Titel, der, das ist seinerzeit nicht zu ahnen, der letzte bleiben sollte. Auf dem Siegertreppchen steht er am Ende des Tages mit Steffi Graf, dem zweiten Idol der deutschen Tennisfans in jener Zeit.

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Zwei deutsche Wimbledon-Sieger an einem Tag - Graf und Becker nach der Siegerehrung.

(Foto: imago images / Laci Perenyi)

Wegen des schlechten Wetters wird das Finale der Damen, das traditionell am Samstag ausgetragen wird, um einen Tag verschoben. So kommt es, dass das Männer- und Damen-Endspiel am gleichen Tag ausgetragen wird und ein deutsches Dream-Team seinen Triumph zusammen feiert. Graf schlägt die große Martina Navratilova, Becker besiegt Edberg - die Bilder von Steffi und Boris gehen um die Welt.

Tennis wird zum Publikumsmagnet

Was heute als fast unmöglich erscheint, hat damals niemanden wirklich überrascht: Zwei deutsche Tennisprofis gewinnen am selben Tag im würdevollsten Wallfahrtsort des Sports. Die Weltstars Boris Becker und Steffi Graf prägen den Sport bis in die späten Neunzigerjahre hinein.

Für Becker trat 1991 allerdings ein neuer Konkurrent auf dem Spielfeld auf. Es war der aus Elmshorn stammende Michael Stich, die Antithese zum emotionalen Publikumsliebling. In Beckers Wohnzimmer besiegt der Kühle, von den deutschen Tennisfans Zeit seiner Karriere respektierte, aber selten so innig beckerhaft geliebte Stich den Hausherren glatt in drei Sätzen. Eine der bittersten Niederlagen in Beckers Karriere.

Beckers dahingemurmelten Worte, die über die Außenmikrofone der Tennisanlage aufgefangen werden, sind Ausdruck dieser herben Niederlage: "Ich mag nicht mehr",  flucht Becker. 1992 werden beide gemeinsam Olympiasieger im Doppel, Freunde werden sie nie.

Der Beginn einer Serie von Niederlagen

1992 verliert Becker in Wimbledon schon im Viertelfinale gegen Andre Agassi, 1993 wird er im Halbfinale von Pete Sampras gestoppt. 1994 scheitert Becker im Halbfinale am kroatischen Aufschlagriesen Goran Ivanišević.

1995 gelingt dem alternden Becker, der langsam auf die Zielgerade seiner Karriere einbiegt, noch einmal eines dieser besonderen Wimbledon-Turniere. Im Halbfinale demontiert er den seinerzeit besten Grundlinienspieler der Welt Andre Agassi, im Endspiel gewinnt Becker sogar den ersten Satz gegen Pete Sampras. Am Ende verliert Becker in vier Sätzen und verpasst seinen vierten Wimbledon-Triumph, sorgt aber noch einmal für eine echte Becker-Mania im altehrwürdigen Londoner Vorort.

Becker gegen Stich

Boris Becker (links) und Michael Stich vor dem Wimbledon-Finale 1991.

(Foto: imago/Kosecki)

1996 kommt das Aus schon in der dritten Runde. Nach einem Aufschlag des Südafrikaners Neville Godwin fällt Becker der Schläger aus der Hand, ein Schockmoment, Becker greift sich ans verletzte Handgelenk - und muss aufgeben. Ein verlorenes Spiel, ohne richtigen Kampf. 1997 reicht es noch einmal fürs Viertelfinale, 1998 fehlt der dreimalige Wimbledon-Sieger verletzt.

"Das war mein letztes Match"

Und dann ist 1999 endgültig Schluss. Das 83. Spiel auf dem Rasen von Wimbledon ist Beckers letztes, bis dahin hatte der Leimener bei seinem Lieblingsturnier eine Bilanz von 72 zu 10 Siegen, nach dem Match sind es elf Niederlagen. Nachdem er in drei Sätzen dem Australier Patrick Rafter in 3:6, 2:6, 3:6 klar unterliegt, verbeugt sich Becker ein letztes Mal und bedankt sich bei seinen treuen Fans, die ihn mit Ovationen feiern. Auf der Pressekonferenz sagt er wenig später den entscheidenden Satz : "Das war mein letztes Match." Die Ära Becker ist zu Ende, nicht nur in Wimbledon.

Beckers letztes Match

Das Ende einer Ära: Becker verabschiedet sich von seinen Fans.

(Foto: imago/Claus Bergmann)

Auch wenn neben Becker und Graf in Michael Stich und Anke Huber schon in den großen Neunzigerjahren weitere deutsche Weltklassespieler spielten, obwohl mit Angelique Kerber und Alexander Zverev auch heute deutsche Tennisstars große Turniere gewinnen - wie "damals" wurde es nie wieder. Auch dem deutschen Tennis fehlten danach die großen Vorbilder für den Nachwuchssport.

Auf den einst so gepflegten Tennisanlagen, in die seinerzeit jede Menge Gelder flossen, Spieler von Sponsoren umringt und umgarnt wurden, herrscht längst nicht mehr Hochbetrieb wie früher. Mit dem Abschied von Größen wie Becker aus der aktiven Tennis-szene hat der Sport seine größten Idole verloren. Und mit ihnen auch viel von seiner Faszination.

Quelle: n-tv.de

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