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Frustrierter Weber als X-Faktor Unsortierte "Bad Boys" suchen ihre Mitte

Letzte Chance Spanien: Nur ein Sieg hilft den deutschen Handballern, um nach einem durchwachsenen Turnier doch noch ins Halbfinale der EM einzuziehen. Nötig ist dafür eine Steigerung - auf fast jeder Position.

Wirklich bis zur allerletzten Sekunde musste der EM-Tross der deutschen Handballer bangen. Erst als Tschechiens Torhüter Tomas Mrkva beim Stand von 25:24 den Siebenmeter des Mazedoniers Dejan Manaskov entschärfte, stand fest: die DHB-Auswahl hat es im Spiel gegen Spanien (um 20.30 Uhr im n-tv.de-Liveticker) wieder selbst in der Hand, sich für das Halbfinale zu qualifizieren. In den Medien wird die Begegnung zum Endspiel gehypt, genau genommen aber ist es das letzte Hauptrundenspiel der deutschen Mannschaft. Das sie allerdings zur Fortsetzung des Turniers unbedingt gewinnen muss. "Alle warten darauf, dass man uns diese Chance gibt", hatte Präsidiumsmitglied Bob Hanning noch am Dienstag gesagt. "Und wenn wir sie bekommen, werden wir sie auch nutzen."

Die Zuversicht des wohl einflussreichsten Funktionärs im DHB speist sich nicht zuletzt aus der Vorstellung der Mannschaft im zweiten Hauptrundenspiel gegen Dänemark, als die Auswahl zwar mit 25:26 verlor, endlich aber einmal eine ordentliche Vorstellung bot. Die Leistung aber muss sie mindestens wiederholen, besser noch steigern, um die Spanier zu besiegen. Der Gegner ist gewarnt: Vor zwei Jahren standen sich beide Teams im EM-Finale gegenüber, das die deutschen Handballer völlig überraschend mit 24:17 gewannen und damit den Mythos der #badboys begründeten.

Aus den Nobodies von damals sind mittlerweile weltbekannte Spieler geworden, deren Stärken kein Geheimnis mehr sind. Auch deshalb werden sich die Iberer, die sich wie die deutsche Mannschaft eine EM-Medaille zum Ziel gesetzt haben, nicht noch einmal so überrennen lassen wie im Finale von Krakau. Eine der neu gewonnenen Stärken des spanischen Teams liegt im Defensivverbund. Angeführt vom Abwehrchef Gedeon Guardiola, Angestellter der Rhein-Neckar Löwen, stellt das Team von Trainer Jordi Ribera eine kompromisslose Deckungsreihe. "Wir erwarten eine sehr bewegliche 6:0-Abwehr", so Bundestrainer Christian Prokop. "Zudem beherrschen sie auch die 5:1-Variante."

Entrerrios muss "entzaubert" werden

Wollen die "Bad Boys" das spanische Angriffsspiel beschneiden, geht es vor allem darum, die Kreise von Barcelonas Raul Entrerrios, kreativer Spielmacher und Kopf der Mannschaft, zu stören. Gerade sein Zusammenspiel mit Kreisläufer Julen Aguinagalde birgt selbst für eine Weltklasse-Defensive wie die der deutschen Mannschaft große Gefahren. "Zudem ist die spanische Mannschaft äußerst routiniert und sehr beweglich auf den Beinen", sagt Prokop.

Wie schon 2016 wird also Schwerstarbeit auf das deutsche Abwehr-Bollwerk zukommen. Denn dort muss erneut die Basis für den Erfolg gelegt werden. Da trifft es sich schlecht, dass mit Paul Drux ein zentraler Baustein weggebrochen ist. Der Berliner Rückraumspieler verletzte sich im Match gegen Dänemark schwer und zog sich einen Meniskusriss zu. Drux ist bereits abgereist und soll am Donnerstag operiert werden. Für ihn ist Maximilian Janke, erst vor wenigen Tagen für Rune Dahmke aus dem Kader geflogen, wieder ins Team zurückgekehrt. Ausgerechnet er soll nun Drux´ Part übernehmen. "Janke muss das leisten", so Prokop, der fest davon überzeugt ist, dass die Defensive im Verbund mit den bislang sehr überzeugend agierenden Torhütern Silvio Heinevetter und Andreas Wolf wieder eine Mauer errichtet.

Gerade Wolf hatte sich im Finale von 2016 zur Legende gespielt. Mit einer märchenhaften Quote von über 50 Prozent gehaltener Bälle wurde er für die Spanier zum Monster-Keeper. Wolf selbst will von der Vergangenheit nichts mehr wissen. "An das Spiel vor zwei Jahren denke ich überhaupt nicht mehr", sagt der Torhüter mit Vertrag beim THW Kiel. "Ich bin eher ein wenig nervös vor dem Match, weil die Spanier eine starke Mannschaft sind, die bislang mit den besten Handball bei dieser EM gezeigt haben."

Was ist los mit Philipp Weber?

Auch deshalb muss die DHB-Auswahl im Angriffsspiel noch zulegen. Das gilt für die positionsbezogene Offensive ebenso wie für das rasche Umschaltspiel. Gerade das Tempospiel, unter Prokops Vorgänger Dagur Sigurdsson eine der effektivsten Waffen und damit ein Eckpfeiler im Spiel der Deutschen, lahmte in Kroatien bisweilen. Und auch in der zentralen Spielsteuerung, wo EM-Neuling Philipp Weber noch nicht die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllen konnte, offenbarten sich Mängel. "Dort brauchen wir gegen Spanien unbedingt eine exzellente Angriffsführung", so Prokop. "Ich setze deshalb mein vollstes Vertrauen in Weber, Steffen Fäth und Maximilian Janke."

Weber ist sich selbst ein Rätsel. Er hat zuletzt viel gesprochen, mit den routinierten Kollegen im Team und mit seinem Zimmerkollegen Silvio Heinevetter. Jetzt gilt es für ihn, die Eindrücke aus den weniger guten Spielen abzuschütteln. "Wir müssen unbedingt wieder dahin kommen", sagt der Mittelmann des SC DHfK Leipzig, "Spiele mit Intelligenz zu entscheiden." Vielleicht aber wird neben der Cleverness auch die Kraft den Ausschlag geben. Denn während die deutsche Mannschaft nach dem Dänemark-Spiel zwei Tage Pause hatte, mussten die Spanier noch am Dienstag gegen Slowenien ran. Das könnte dem Titelverteidiger in die Karten spielen. "Wir sind fit", sagte Bundestrainer Prokop. "An der Kraft wird es sicher nicht liegen."

Quelle: ntv.de