Sport

Reaktion auf Russland-Ausschluss "Verheerender Schlag für saubere Athleten"

Regierungschef Medwedew reagiert scharf auf die vierjährige Sperre seines Landes im Weltsport. Er spricht von "antirussischer Hysterie". Russlands Anti-Doping-Chef Ganus fordert ein Eingeständnis - und die Wada erklärt, sie könne nachweisen, welche Labordaten manipuliert worden sind.

Moskaus Regierungschef Dmitri Medwedew hat die Strafen der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) gegen sein Land als "antirussische Hysterie" kritisiert. Die Sperre Russlands für die Olympischen Spiele in den kommenden vier Jahren sei Teil einer gegen das Land gerichteten Kampagne, sagte Medwedew der Agentur Interfax zufolge. Er räumte zwar ein, dass Russland erhebliche Probleme mit Doping habe. "Ich kann das nicht leugnen", sagte er. Trotzdem hielt er es nicht für gerechtfertigt, dafür die Athleten zu bestrafen. Kurz zuvor hatte die Wada-Exekutive in Lausanne die Sanktionen bekanntgegeben. Russland müsse beim Internationalen Sportgerichtshof (Cas) in Lausanne Einspruch einlegen gegen die Strafen, sagte Medwedew.

Als aussichtslos bezeichnete das aber der Chef der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada, Juri Ganus. Vielmehr müsse untersucht werden, wie es zu der von der Wada nun bestraften massenhaften Manipulation von Daten in einem Moskauer Analyselabor gekommen sei. Ganus plädierte erneut dafür, in der russischen Sportpolitik viele Funktionäre auszuwechseln. Der Rusada-Chef hatte immer wieder ein mangelndes Bewusstsein in der russischen Politik für den Ernst der Lage beklagt. Sportminister Pawel Kolobkow hingegen sagte, der Kampf gegen Doping zeige in Russland Wirkung. Er wolle an seiner bisherigen Linie festhalten.

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US-Anti-Doping-Kämpfer Tygart ist mit der Entscheidung nicht einverstanden.

(Foto: REUTERS)

Zugleich sagte er, dass die Strafen der Wada politisch motiviert sein könnten. Der Chef des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), Stanislaw Posdnjakow, nannte die Entscheidung der Wada enttäuschend. "Die Sanktionen tragen einen unpassenden, unlogischen und überzogenen Charakter", sagte Posdnjakow vor Journalisten. Das NOK werde alles dafür tun, dass die Athleten bei den Olympischen Spielen in Tokio 2020 unter der russischen Trikolore und Hymne antreten könnten. Russland hat 21 Tage Zeit, das Urteil anzunehmen oder es vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas anzufechten.

"Zu lange dem sauberen Sport geschadet"

"Das Doping in Russland hat zu lange dem sauberen Sport geschadet", sagte Wada-Präsident Craig Reedie. Der Verstoß der russischen Behörden gegen die im September 2018 genehmigten Bedingungen zur Wiedereinsetzung der Rusada verlangten nach einer robusten Reaktion. "Genau das wurde heute geliefert", betonte er. Die Wada hatte die dauerhafte Aufhebung der Rusada-Sperre mit der Herausgabe der Dopingdaten aus dem Moskauer Labor verbunden. Doch es wurden manipulierte Daten geliefert.

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Rusada-Chef Ganus hält einen Protest gegen die Sperre für aussichtslos.

(Foto: imago images/ITAR-TASS)

Russland sei jede Gelegenheit geboten worden, sein Haus in Ordnung zu bringen, "aber es entschied sich stattdessen dafür, seine Haltung der Täuschung und Verleugnung fortzusetzen", sagte der Reedie. Die starke Entscheidung des ExCo zeige die Entschlossenheit der Wada. Dabei seien die Rechte der russischen Athleten gewahrt worden, die nachweislich nicht von den "betrügerischen Handlungen" profitierten. Die Einzelfallprüfung gilt für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2020 in Tokio und 2022 in Peking, für die Olympischen Jugendspiele und Weltmeisterschaften von Sportarten, die den Wada-Code unterschrieben haben, sowie sogenannte "Major Sport-Events".

Forensische Untersuchungen durch Wada-Experten hatten ergeben, dass die Moskauer Daten von 2012 bis 2015 "weder vollständig noch vollständig authentisch" sind. Dies konnte im Vergleich mit einer der Wada 2017 von einem Whistleblower zugespielten Kopie nachgewiesen werden. Die dreiste Manipulation dürfte vergebens gewesen sein. "Die Wada hat jetzt die Namen aller verdächtigen Athleten in der LIMS-Datenbank", teilte Jonathan Taylor, Leiter der Prüfkommission CRC, mit: "Einschließlich der 145 Athleten in der Zielgruppe der verdächtigsten Athleten." Diese Athleten, so sie denn noch aktiv sind, sollen von den Olympischen Spielen ausgeschlossen werden. Trotz der Schwere des Betrugs empfahl seine Kommission keinen kompletten Olympia-Bann. Er verstehe die Forderungen. Dennoch sei es die "einhellige Ansicht" der CRC gewesen, so Taylor, unschuldige Athleten nicht zu bestrafen.

Bundesregierung befürwortet Strafe

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Andrea Gotzmann, Deutschlands Nada-Chefin, fordert eine schnelle Umsetzung der Sanktionen.

(Foto: imago images / Christian Ditsch)

Die Bundesregierung begrüßte den Strafenkatalog gegen Russland und dass Doping derart konsequent verfolgt werde. "Das ist Aufgabe der Wada", sagte ein Sprecher des für den Sport zuständigen Innenministeriums. Unterdessen forderte Andrea Gotzmann die Weltsportverbände auf, die Sanktionen "anzuerkennen und ohne weiteren Verzug umzusetzen", sagte die Vorstandsvorsitzende der Nationalen Anti-Doping-Agentur. Ein Umdenken werde es nur geben, wenn eine systematische Manipulation dieser Größenordnung entsprechende Konsequenzen erfahre und klar werde, "dass der langjährige Betrug an den sauberen Athleten in aller Welt inakzeptabel" sei. Und: Die russischen Verantwortlichen "hatten viele Chancen, Fehlverhalten einzugestehen und dieses im Sinne des fairen Sports zu korrigieren. Die nun vorliegende eindeutige Beweislage zeigt, dass stattdessen weiterhin manipuliert wurde." Die Entscheidung sei bereits "der kleinste gemeinsame Nenner" und dürfe nicht weiter verwässert werden.

Mit Zufriedenheit und Sorge kommentierte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes die Entscheidung. "Wer über Jahre hinweg die Werte des Sports mit Füßen tritt, gehört auf die Strafbank", sagte Alfons Hörmann. Insofern sei die heutige Rote Karte nur die logische Konsequenz für das unablässige Manipulieren und Verstoßen gegen die Regeln des Weltsports. "Es bleibt die Befürchtung, dass nun erhebliche juristische Auseinandersetzungen folgen werden, aber dennoch ist dieser Weg alternativlos", meinte er. Die entscheidende Frage sei aber einmal mehr: "Ist die Strafe schmerzvoll genug, dass in Russland ein Umdenken stattfindet und wertorientiertes Handeln erreicht wird oder erleben wir nur eine neue Stufe des weiter so?"

Für den amerikanischen Anti-Doping-Kämpfer Travis Tygart gehen die Sanktionen der Welt-Anti-Doping-Agentur gegen Russland nicht weit genug. "Russland einem kompletten Bann entkommen zu lassen, ist ein weiterer verheerender Schlag für die sauberen Athleten, die Glaubwürdigkeit des Sports und Rechtsstaatlichkeit", sagte der Chef der amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada. Alle, die den Sport schätzen, sollten laut Tygart "eine Revolte gegen das kaputte System" starten, um Reformen zu erzwingen. Die Wada habe 2018 die härtesten Sanktionen angekündigt, sollte Russland die Regeln nicht befolgen. "Doch jetzt geht es wieder los. Die Wada sagt etwas und macht etwas ganz anderes", monierte Tygart. Es sei unbestritten, dass Russland die vorsätzlichste, tiefgreifendste und weitreichendste Korruption in der Sportwelt begangen habe. Russland habe "Geld über Moral, Missbrauch über Gesundheit und Korruption über olympische Werte und Träume der Athleten" gesetzt.

Quelle: ntv.de, tsi/dpa