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Morgenstern zu Tande-Horrorsturz "Wenn der Ski weggeht, bist du machtlos"

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Thomas Morgenstern beendete 2014 seine aktive Karriere.

(Foto: Matthias Heschl/Red Bull Content Pool)

Der Horrorsturz von Daniel Andre Tande beim Skifliegen in Planica schockierte die Skisprung-Welt. Olympiasieger Thomas Morgenstern verletzte sich selbst bei einem Sturz schwer und beendete seine erfolgreiche Karriere wegen der psychischen Folgen. Im ntv.de-Interview spricht er über Tande, seine Erinnerungen und seine neue Leidenschaft.

ntv.de: Herr Morgenstern, Sie haben nach mehreren schweren Stürzen Ihre Karriere mit 27 Jahren beendet, lagen selbst auf der Intensivstation. Was haben die Bilder bei Ihnen ausgelöst, als Sie den Sturz von Daniel-Andre Tande gesehen haben?

Thomas Morgenstern: Natürlich wird man in so einem Moment wieder eher nachdenklich. Ich denke zurück an meinen Sturz von 2014 am Kulm. Vor allem wenn ich mir den Sturz von Tande angeschaut habe, die Bilder angeschaut habe, dann habe ich bemerkt, dass das schon ziemlich ähnlich war. Er hat kurzfristig ein geschlossenes System gehabt und auf einmal ist ihm der linke Ski nach unten weggegangen und hat Oberluft bekommen. Dann bist du machtlos. Gerade bei den Skiflugschanzen, wo man mit 100, 105 Stundenkilometern unterwegs ist. Der Aufprall ist dann unvermeidlich. Das hat irrsinniges Herzklopfen bei mir verursacht und weckt Gedanken an damals.

Wobei man dazu sagen muss, dass ich kein Gefühl, keine Erinnerungen an meinen Sturz von damals habe. Ich habe jedoch die Bilder vom Fernsehen aufgearbeitet und analysiert. Trotzdem: Man sieht sich dann doch irgendwie von außen wieder.

Wie ist es, den eigenen Sturz im Fernsehen zu sehen?

Erinnerungen habe ich bis heute keine. Mir war es wichtig, den Sturz zu sehen. Weil ich eben wissen wollte, was passiert ist. Warum ist es passiert? Warum liege ich jetzt im Krankenhaus und auf der Intensivstation? Dann ist mein damaliger Cheftrainer, Alexander Pointner, ins Krankenhaus gekommen und hat mir den Sprung gezeigt. Und dass ist so, wie wenn man einen Film oder ein Skispringen anschaut, wo man sich selbst sieht und eigentlich nicht weiß, was jetzt passiert. Das war ein Gefühl, das habe ich noch nie in meinem Leben erlebt und seither nie wieder. Aber das war sehr crazy.

Kann man im Flug selbst noch etwas retten? Oder ist man dann nur noch Passagier?

Bei Stürzen so wie jetzt bei Daniel Andre Tande, bei mir damals oder bei Lukas Müller (2016 am Kulm, der Österreicher ist seitdem querschnittsgelähmt, Anm. d. Red.): Da kann man gar nichts retten. Da ist man absolut Passagier. Da kann man nur noch schauen, dass man vielleicht irgendwie eine Schonhaltung einnimmt. Dass vielleicht der Aufprall halbwegs glimplich vonstatten geht. Mit 100 km/h aus fünf, sechs Metern Höhe: Da hat man keine Chance mehr.

Bereitet man sich im Training darauf vor, dass sowas passieren kann?

Dass es passieren könnte, ist ein Restrisiko beim Skispringen. Das ist klar. Wir fliegen auf Skiflugschanzen mit 200 Metern Länge und über 100 km/h Geschwindigkeit. Im Flug beschleunigt man noch auf 120, 130 km/h. Dass da ein gewisses Restrisiko ist, das ist logisch. Ich habe 10.000 Sprünge in meiner Karriere gemacht, ich habe vier schwere Stürze gehabt. Das ist eigentlich ein sehr geringer Bruchteil.

Es gibt viele Athleten, die haben solche Stürze gar nie in ihre Karriere gehabt, manche öfters. Das kommt ein bisschen auf den Sprungstil und die äußeren Umstände an. Eine Schonhaltung beim Sturz einzunehmen, das kann man nicht trainieren. Das macht man intuitiv. Wenn man dann in der Situation ist und der Ski geht weg und man steuert kopfüber auf den Schnee: Dann muss man versuchen, halbwegs intuitiv eine Bewegung zu machen, um die Folgen zu mildern.

Zur Person:

Mit vierzehn Goldmedaillen ist Thomas Morgenstern, Jahrgang 1986, einer der erfolgreichsten Sportler Österreichs. Als einer der wenigen Skispringer konnte er die großen vier Titel gewinnen: Olympische Spiele, Weltmeisterschaft, Vierschanzentournee und Gesamtweltcup.

In der Saison 2013/14 stürzt er zweimal schwer: erst in Titsee-Neustadt, dann am Kulm. Im Anschluss beendet er seine Karriere.

Auf Facebook und Instagram teilt er nun seine neue Leidenschaft: das Helikopterfliegen.

Wenn ein Kollege stürzt, wie ist es dann auf der Schanze? Kann man das einfach ausblenden?

Ich glaube, das ist von Athlet zu Athlet unterschiedlich. Bei mir war es so: Ich habe meine Grenzen schon 2003 in Kuusamo bei meinen ersten Sturz aufgezeigt bekommen. Da war ich jung, 17 Jahre und unverwundbar quasi - und dann ist der Sturz passiert. Ich habe gewusst, dass es durch meinen Sprungstil und zu starkem Aufwind passiert ist. Der Körper ist gegen den Skier geprallt, wurde zu schwer und der Skier hat Oberluft bekommen. Das hat mich meine ganze Karriere verfolgt.

Ich werde nie den Moment bei der Skiflugweltmeisterschaft in Vikersund 2012 vergessen. Da war es auch sehr, sehr windig und Vikersund ist dazu noch die größte Schanze der Welt (Der Schanzen- und Weltrekord liegt bei 253,5 Metern von Stefan Kraft, Anm. d. Red.). Vor mir waren ein paar Springer: Andi Kofler zum Beispiel, der ist vor mir gesprungen und wäre fast gestürzt. Er fing dann mit den Händen zu rudern an. Ich habe derweil oben gesessen, gewartet und unten haben sie ein Musikstück gespielt: "Highway to Hell". Ich habe mir nie so gewünscht, dass ein Wettbewerb abgebrochen wird, wie an diesem Tag. Und genau vor mir, nachdem ich zwei, dreimal auf den Balken musste und immer wieder runter, weil zu viel Wind war, haben sie abgebrochen. Ich war der Einzige, der sich riesig gefreut hat über diesen Abbruch.

Es ist nicht einfach, wenn vor einem einer stürzt und dann vor allem sehr schwer stürzt. Die Schwere der Verletzung bekommt man als Athlet nicht mit, wenn man da oben steht und wartet. Aber wenn die Unterbrechung dementsprechend lange dauert, dann kann man schon davon ausgehen, dass das heftig ausgegangen ist. Und dann als Nächstes runterspringen, das ist eine richtige Überwindung. Speziell auf Flugschanzen.

Man bekommt wahrscheinlich auch nicht mit, wenn es Entwarnung gibt.

Da direkt bekommt man gar nichts mit. Also da muss man sich auch auf sich selbst konzentrieren und auf seinen Sprung, weil wirklich ein Gedanke, der irgendwo anders ist und abschweift, birgt ja auch ein Risiko für mich selbst. Da muss man zu 100 Prozent bei sich selbst sein. Und wenn die Ampel auf Grün geht und man muss springen: Dann gibt es kein Zurück mehr.

Sie haben gesagt, dass Sie die Bilder von Ihrem Sturz unbedingt ansehen wollten. Ist es wirklich so, dass man im Krankenbett schon wieder ans Springen denkt?

In meiner Situation war es so, dass ich im Krankenhaus war, auf der Intensivstation. Ich bin aufgewacht und habe meine Krankenschwester gefragt, warum ich im Krankenhaus liege und was passiert ist. Sie hat gesagt, dass ich am Kulm schwer gestürzt wäre. Dann habe ich gesagt: "Nein, das stimmt nicht. Ich bin in Titisee-Neustadt vor drei Wochen schwer gestürzt." Ja, und am Kulm auch. Dann habe ich gesagt: "Kann schon sein, glaube ich aber nicht, weil ich kann mich daran nicht erinnern."

Und dann bin ich am Bett aufgesessen und habe meinen Bewegungsapparat angeschaut und bemerkt: "Okay, Beine, Hände, das ist eigentlich alles ganz okay." Luft habe ich ein bisschen schwer bekommen, weil ich ja eine Lungenquetschung gehabt habe. Und mein Kopf hat irrsinnig wehgetan. Da habe ich gedacht: "Okay. Eine leichte Gehirnerschütterung." Bis ich dann erfahren habe, dass ich ein Schädel-Hirn-Trauma gehabt habe. Das habe ich aber nicht zuordnen können, weil ich nicht gewusst habe, was das mit mir macht.

Erst über die nächsten Tage, Wochen und Monate hat sich das herausgestellt. Ich wollte von Anfang an so schnell wie möglich wieder auf die Schanze, mich meiner Angst stellen und so schnell wie möglich wieder runterspringen, weil ansonsten werde ich wahrscheinlich nie wieder auf einer Schanze sein. Und das war mein Antrieb und mein Ziel: Dann auch bei den Olympischen Spielen in Sotschi starten zu können.

Sie wussten also, dass die Angst noch größer wird, wenn man eine Pause macht?

Nach den Olympischen Spielen in Sotschi habe ich meine Saison beendet. Ich bin wieder zurück in die Reha und habe dann langsam wieder angefangen, für die neue Saison zu trainieren. Und umso mehr Zeit vergangen ist, umso ängstlicher bin ich geworden. Das war dann auch der logische Schritt, meine Karriere zu beenden, weil ich nicht mehr an meine Grenzen habe gehen können. Und dann war es leider vorbei.

Sie haben sehr offen darüber gesprochen, dass Sie mit 27 Ihre Karriere aus Angst beenden. Nicht viele Profisportler trauen sich das und es ist wirklich etwas Mutiges. Hat Sie das Überwindung gekostet?

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Kulm 2014: Morgenstern ist froh, den schweren Sturz ohne körperliche Folgen überstanden zu haben.

(Foto: imago/Eibner)

Überhaupt keine Überwindung, muss ich sagen. Weil wie gesagt, ich habe einen Sturz von einer der größten Schanzen der Welt gehabt mit über 100 km/h aus acht Metern Höhe. Ich bin dankbar und froh, dass ich das überlebt habe und dass ich schlussendlich jetzt gesund bin. Ich glaube, jeder Mensch hat das Recht, Angst auch beim Wort zu nennen. Das war einfach der Fall. Ich hätte mich schon getraut, von einer Schanze zu springen. Aber um erfolgreich zu sein, um Weltcups zu gewinnen, musst du an deine Grenzen gehen und Risiko auch in Kauf nehmen, um ganz vorne zu sein. Und das war dann in diesem Moment, in dieser Zeit nicht wirklich möglich.

Was gab es für Reaktionen? Haben sich Leute gemeldet und gesagt: "Gut, dass Sie darüber öffentlich sprechen"?

Alle Menschen, mit denen ich gesprochen habe, haben gesagt: super Entscheidung, verständlich, ganz klar. Es gab durch die Bank positive Reaktionen. Ich glaube, es war auch der richtige Moment, meine Karriere zu beenden. Ich hatte ja auch noch eine erfolgreiche Saison 2013/14. Natürlich, ich hätte mir mein Karriereende anders vorgestellt und auch nicht schon mit 27 Jahren. Aber oft spielt das Leben eben so und man muss nach vorne blicken. Die Zeit nach der aktiven Karriere ist länger als die aktive Karriere. Und mir war wichtig: Ich will gesund sein und habe diese Entscheidung getroffen.

Aber grundsätzlich haben Sie mit Extremen kein Problem als Helikopterpilot? Sie sind jetzt wahrscheinlich schneller, höher und weiter unterwegs, als Skispringer.

Es war am Anfang in dieser Zeit 2014 auch oft noch ein ängstliches Gefühl dabei, einen Helikopter zu fliegen. Natürlich ist viel Zeit vergangen. Ich habe jetzt viel mehr Stunden im Helikopter verbracht, viel gelernt, viel Sicherheit wieder gewonnen. Und auch gute Ausbilder. Gute Trainer. Gute Lehrer. Bei denen ich das Gefühl von Angst nicht mehr habe. Und beim Helikopterfliegen ist es wie beim Skispringen: Es geht einfach um Vorbereitung. Es muss alles passen, alles muss gut geplant sein. Die Maschine muss in einem guten Zustand sein. Für mich ist wichtig: Ich brauche nicht der beste Pilot auf der Welt sein, sondern ich will ein alter Pilot werden.

Das ist ein gutes Motto. Vermissen Sie manchmal das Skispringen?

Nein, bin ich seit September 2014 nie mehr gesprungen. Das war mein letzter Sprung damals. Vermissen tue ich es natürlich. Es gibt immer Momente, speziell die Vierschanzentournee oder Weltmeisterschaften und Großereignisse, wo gute Bedingungen sind, wo man sich oft zurückerinnert: Wie schön wäre es, wenn ich jetzt in so einer richtig guten Form wäre und ganz vorne mitspielen könnte. Aber wenn ich die letzte Saison betrachte, dann geht es mir so, wie es jetzt ist, auch gut. Ich kann meine neue Leidenschaft zum Beruf machen: die Helikopter-Fliegerei. Und es freut mich immer wieder, wenn ich Menschen mit Emotionen erlebe, wenn wir durch die Berge fliegen.

Mit Thomas Morgenstern sprach Sebastian Schneider

Quelle: ntv.de

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