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Tennis-Weltmeister Tsitsipas Wer den Tod besiegt, der fürchtet niemanden

Stefanos Tsitsipas ist der jüngste Tennis-Weltmeister seit beinahe 20 Jahren. Doch der 21-Jährige ist viel mehr: Er ist ein neuer Hoffnungsträger, der die Dominanz der großen Champions brechen soll. Dass er dem Tod schon ins Auge gesehen hat, soll ein Schlüssel zum Erfolg sein.

"Ein, zwei Atemzüge" nur entschieden zwischen Tod und Leben. Eine kurze Zeitspanne im Überlebenskampf. Eine Zeitspanne, die darüber entschied, dass Stefanos Tsitsipas heute noch am Leben ist. Und wohl auch, dass er seit Sonntagabend der neue Tennis-Weltmeister ist. Dem "Tennismagazin" hatte der 21-Jährige, der in London die ATP-Finals gewonnen hat, die Geschichte von seiner Nahtoderfahrung erzählt. 2016 hatte sich das Talent nach einem Sieg bei einem drittklassigen Future-Turnier im Meer abkühlen wollen, gemeinsam mit einem Freund sprang der junge Stefanos in eine beinahe tödliche Situation: Die hohen Wellen überraschten die beiden.

"Ich wäre beinahe ertrunken. Ich war ein, zwei Atemzüge vom Tod entfernt", sagte Tsitsipas. Beide wurden von Apostolos Tsitsipas gerettet. Der nahe Tod war ein Erweckungserlebnis, auch sportlich. "Es war wie ein Weckruf. Ich hatte so viel Glück. Es hat mir gezeigt, was wirklich wichtig im Leben ist, und es hat mir geholfen, stärker und reifer zu werden", berichtete Tsitsipas nicht ganz unpathetisch Jahre später. Und weiter: "Seit diesem Tag habe ich vor nichts Angst im Leben."

Tsitsipas ist "überzeugt, da hin zu gehören"

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Kein Wunder also, dass der neue Weltmeister nicht vor großen Ansagen zurück schreckt: "Ich glaube, ich bin nah dran, zu einem Grand-Slam-Champion gekrönt zu werden", sagte der 21-Jährige: "Ich weiß, dass das große Worte sind. Aber ich bin davon überzeugt, dass ich da hin gehöre." Stefanos Tsitsipas ist keiner, der es langsam angehen lässt. Gerade hatte er im Finale der ATP-Finals, der Weltmeisterschaft der Tennisprofis, in einem packenden Match den favorisierten Österreicher Dominic Thiem geschlagen und damit den größten Titel seiner noch jungen Karriere errungen.

In seiner nicht eben mit einer gewaltigen Tennishistorie gesegneten Heimat löste Tsitsipas schon weit vor dem großen Triumph mittlere Beben aus: "Plötzlich gucken alle Tennis. Man hat mir erzählt, dass Großväter in entlegenen Dörfern den Fernseher einschalten und meine Matches verfolgen. Menschen, die überhaupt keine Ahnung haben, wie Tennis funktioniert. Die Leute sind verrückt geworden", berichtete Tsitsipas Ende des letzten Jahres im Rahmen der US Open. Kein griechischer Tennisprofi hatte es vor ihm auch nur unter die besten 100 der Weltrangliste geschafft.

"Stefanos the Great"

Das Jahr 2019 schließt Tsitsipas nun als sechstbester Tennisspieler der Welt ab. Und in Griechenland brechen alle Dämme: "Stefanos the Great" und "Tsitsipas auf dem Gipfel der Welt", schrieb das größte griechische Sportportal "sport24.gr" am Sonntagabend. Von "Löwenherz Tsitsipas" war beim Portal "Sportfm.gr" zu lesen. Zahlreiche Radiosender unterbrachen am Sonntagabend ihr Programm und berichteten über die letzten Minuten des Endspiels, das der Athlet aus Athen in 2:35 Stunden für sich entschied. "Triumph Tsitsipas" titelte die größte griechische Sonntagszeitung "Toprotothema.gr" auf ihrer Homepage. Die Athener Zeitung "Ta Nea" schrieb: "Tsitsipas hat Geschichte geschrieben".

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Fans hat der neue Weltmeister aber nicht nur auf dem Peloponnes – im Gegenteil: "Du verdienst es absolut", sagte der nach Siegen gegen Novak Djokovic und Roger Federer favorisierte Thiem und gratulierte fair: "Du bist ein fantastischer Spieler und ich hoffe, wir werden noch ein paar Finals gegeneinander spielen."

Wofür ihn die Gegner respektieren und immer mehr Tennisanhänger lieben lernen, liegt auf der Hand: "Jeder zu kurz geratene Ball wird direkt von ihm attackiert", beschrieb es Roger Federer, der wohl größte Champion der Tennisgeschichte, nach der glatten Zweisatz-Niederlage im Halbfinale. "Er ist großartig fürs Tennis, einfach weil er so einen attraktiven Spielstil hat." Federer meinte den festen Willen Tsitsipas' zur Attacke, er ist kein Freund der langen, ermüdenden Rallies, mit denen beispielsweise ein Rafael Nadal seine Gegner zermürbt. Je schneller ein Punkt entschieden ist, desto wahrscheinlicher ist, dass er auf der Habenseite des Griechen landet.

Der Nächste, der antritt, die Alten zu ärgern

Seine Mutter, eine russische Tennisspielerin, die es immerhin auf Rang 194 der Weltrangliste geschafft hatte, berichtete dem Tennismagazin, dass der neue Weltmeister es schon immer eilig hatte: "Als er geboren wurde, kam er mit ausgestrecktem Arm zur Welt, so als wolle er gleich servieren." Da sollte es eigentlich nicht überraschen, dass der Grieche sich jetzt zum jüngsten Weltmeister seit dem damals 20-Jährigen Australier Lleyton Hewitt 2001 krönte.

Für die Fans und die Marketingstrategen schwang sich der Grieche – wildes Äußeres, attraktiver Spielstil, charismatisch auf und neben dem Platz, 160.000 Abonnenten auf seinem Youtube-Kanal, den er mit selbstgedrehten und veredelten Videos bespielt - schon längst zum neuen Hoffnungsträger auf, der die nun über zehn Jahre währende Dauerdominanz der Big Four des Tennis brechen soll. Djokovic, Federer, Nadal und Andy Murray teilen schon seit einer Ewigkeit die allermeisten der wichtigen Titel untereinander auf, ohne dass einer aus der neuen Generation um Alexander Zverev, Dominic Thiem und eben Stefanos Tsitsipas den Großen ernsthaft hatte zusetzen können.

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Zwar gewann Zverev letztes Jahr in London, danach verabschiedete sich der Deutsche jedoch in eine Krisensaison. "Ehrlich gesagt würde ich dieses Jahr gerne einen anderen Sieger sehen", sagte Tsitsipas im Sommer während des Turniers in Wimbledon. "Natürlich hoffe ich, dass ich der Sieger sein werde, aber ich denke, es wäre gut für den Sport, ein bisschen Abwechslung zu haben. Es ist langweilig, immer die gleichen Leute siegen zu sehen."

Dass Tsitsipas es schaffen kann, die Regentschaft der großen, aber in die Jahre gekommenen Champions zu durchbrechen, glaubt auch Patrick Mouratoglou, schillernder Coach von Serena Williams, an dessen Akademie in Südfrankreich auch Tsitsipas oft trainiert: "Er hat das Gesamtpaket, um die Tenniswelt zu erobern. Er ist cool, er ist kreativ, er hat fast immer die richtige Lösung für ein Problem." Und, so Mouratoglu: "Er ist bereit, jeden Tag Schwächen auszumerzen. Und dazu zu lernen." Das Ergebnis ist kein Wunder, nur eine logische Folge, findet der Gelobte selbst: "Ich messe mich mit den besten Spielern der Welt und habe das Gefühl, dass der Aufwand, den ich betreibe, ein solches Resultat verdient."

Der enttäuschte Finalgegner von London gratulierte: "Es war ein unglaubliches Spiel. Wir üben beide den in mentaler Hinsicht brutalsten Sport aus. Wir haben beide bis zum Schluss gekämpft. Du verdienst es", sagte Dominic Thiem. In mentaler Hinsicht brutal also. Wer ein, zwei Atemzüge vom Tode entfernt war, dem bereitet ein wichtiger Schlag in den größten Momenten eines Matches eben auch einfach kein großes Kopfzerbrechen mehr.

Quelle: n-tv.de