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Football-Ekstase in London Wie die NFL Europa erobert

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Mit den Philadelphia Eagles kommt der amtierende Super-Bowl-Champion nach London.

(Foto: AP)

Wenn die NFL ihre Gastspiele in London absolviert, strömen Football-Fans aus ganz Europa in die Stadt. Der Hype ist angekommen - auch in Deutschland könnte es bald ein Match geben. Doch für die Spieler sind die Strapazen enorm.

An diesem Nachmittag trägt die nordamerikanische Football-Liga NFL zum dritten Mal in drei Wochen ein reguläres Spiel in London aus. Die Philadelphia Eagles, amtierender Super-Bowl-Sieger, treffen im Wembley Stadion auf die Jacksonville Jaguars. Das Team aus Florida hat in der Vorsaison nur knapp das Endspiel verpasst. Es ist ein Highlight, wie es die Fans in Europa selten zu sehen bekommen - zumal sich eigentlich keines der Teams eine Niederlage leisten kann. Die Liga fährt in diesem Jahr erneut große Geschütze auf. Und die "International Series" soll noch größer werden.

Die NFL gibt es seit fast 100 Jahren, aber erst seit 13 Jahren werden reguläre Saisonspiele außerhalb der USA ausgetragen. Das erste fand 2005 im Aztekenstadion von Mexiko City statt, ein Jahr später kam die NFL zur Europa-Premiere nach London. Mittlerweile gibt es auf der Insel bis zu vier Partien pro Saison. Tendenz steigend. 2019 kommt das neu gebaute Stadion von Tottenham Hotspur hinzu, der Boden ist extra für die NFL aus Kunstrasen. Für Fußballspiele kann ein echter Rasen hineingefahren werden.

Kompletter Umzug nach London?

Gindorf und die NFL

Matthias Gindorf ist Football-Fan, seit die Buffalo Bills viermal in Folge den Super Bowl verloren. Er berichtet über die NFL - auch aus den Stadien. In seinem Blog beimfootball.de geht es um den Blick auf die Liga und die Spiele, mit Interviews und Expertentalks.

Mit den Spielen in London haben die Expansionspläne der NFL allerdings noch lange nicht den Gipfel erreicht. Der Markt in den USA ist gesättigt, die Liga hat Fans in aller Welt - und so geht es Schritt für Schritt hinaus aus Nordamerika. Schon länger wird diskutiert, ein komplettes Team nach London zu verlegen. Solche Umzüge in andere Städte sind in der NFL völlig normal, bislang jedoch innerhalb der Vereinigten Staaten. Unabhängig davon sind China, Brasilien und vor allem Deutschland als mögliche Austragungsorte für Footballspiele im Gespräch.

Die beiden deutschen Ex-Profis Sebastian Vollmer und Markus Kuhn sind für die NFL so etwas wie "Botschafter des Footballs" in ihrer Heimat. Sie sollen den Weg ebnen, damit auch in Berlin, München oder Frankfurt ein Spiel der International Series stattfindet. "Das ist bei der NFL ganz oben auf der Liste", sagte Vollmer kürzlich im Interview mit n-tv.de. Auch wenn es noch keinen konkreten Zeitplan gibt, ein Interesse an der Ausrichtung des Mega-Events dürfte vorausgesetzt sein.

Die Liga fährt groß auf

Bei den Fans sorgen die Pläne ohnehin für Begeisterung. Der Markt ist da, die Zuschauerzahlen wachsen. Zu den Spielen in London kommen Tausende, sie wollen einmal ganz dicht dran sein - ohne den teuren Trip in die USA zu zahlen. Selbst in einer riesigen Metropole wie London wimmelt es von Menschen in Trikots. Dabei müssen es nicht mal Jerseys der Mannschaften sein, die an dem Tag spielen - Hauptsache, es ist Football. Ganz billig ist der Spaß allerdings auch in London nicht. Tickets kosten mindestens 100 Euro.

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Die "London Games" sind ein absolutes Highlight der Saison.

(Foto: AP)

Es dürfte jedoch gut investiertes Geld sein für Fans, die einmal das Football-Gesamtpaket erleben wollen. Möglich macht das das "Tailgating" - die US-Version von Fanfest und Fanmeile. Riesige Burgerbuden, Getränkestände und Action-Spielplätze sind aufgebaut. Es wird Football gespielt, Cheerleader sorgen für Stadion-Atmosphäre. Dazu gibt es einen Fanshop mit 32 Verkaufstresen - für jedes NFL Team einer. Mitten drin tummeln sich Ex-Spieler, Promis, US-Fernsehreporter - oder auch gerne mal der Chef der NFL, Rodger Goodell, höchstpersönlich.

Teams machen Videonanalyse des Rasens

Die Spieler sehen die Auftritte in London mit gemischten Gefühlen. Die Anreise ist aufwendig und anstrengend, die Zeitumstellung muss verkraftet werden. In diesem Jahr waren traf das beispielsweise die Oakland Raiders, die LA Chargers und die Seattle Seahawks: alles Teams von der US-Westküste. Zwischen ihrem Zuhause und dem Spielfeld liegen acht Stunden Zeitunterschied. Die NFL kommt den Vereinen nach dem London-Trip aber entgegen. Für alle Beteiligten ist am anschließenden Wochenende spielfrei.

Eine große Umstellung ist für die Teams auch der Naturrasen in Wembley. Die Tennessee Titans, die in der Vorwoche zu Gast in London waren, hatten sich extra per Videoanalyse auf den Rasen vorbereitet, denn in der NFL wird größtenteils auf Kunstrasen gespielt. Nach dem Spiel schwärmten dann die meisten Profis von der unglaublichen Stimmung in Wembley. Philip Rivers, Quarterback der L.A. Chargers, sagte am vergangenen Sonntag: "Ich war schon vor zehn Jahren einmal hier. Ich wusste, dass die Stimmung großartig sein kann. Aber mir war nicht bewusst, dass es so enorm wird." 80.000 Fans waren zum Spiel seines Teams gekommen, während es daheim in Los Angeles meist nur 25.000 sind.

Vorbild für den Fußball?

Die NFL hat eine Regelung geschaffen, mit der alle 32 Teams verpflichtet sind, international zu spielen. So muss beispielsweise eine Stadt, die einen Super Bowl ausgetragen hat, innerhalb der darauffolgenden fünf Jahre mit ihrer Mannschaft an der NFL International Series teilnehmen. Nur die Green Bay Packers und die Carolina Panters standen noch nie in Mexiko oder London auf dem Platz.

Inzwischen ist die NFL International Series so etabliert, dass sie für Spieler und Fans einer der Saisonhöhepunkte ist. Die Strapazen für einen Trip nach Europa werden akzeptiert, die Stimmung wird genossen und die Vereine profitieren - auch durch den Verkauf ihrer Fanartikel. Die Liga hat die Expansion behutsam durchgeführt und nicht mit dem Holzhammer. Wie es etwa im spanischen Fußball passieren soll. Dort gibt es Pläne, ein Ligaspiel in die USA zu verlegen, um die Fans vor Ort zu erreichen. Das geht vielen Anhängern zu schnell, viele Spieler weigerten sich zudem schlicht. Das Modell der NFL könnte für die Verantwortlichen somit ein Vorbild sein, wie man die eigene Liga erfolgreich international vermarktet.

Auch in diesem Jahr wird Liga-Chef Roger Goodell nach dem letzten Spiel vermutlich wieder sagen: "Ein Team in London ist realistisch". Oder: "Ja, Deutschland ist ein interessanter Markt". Er wird sich jedoch vermutlich nicht auf einen Zeitpunkt festlegen und wenig Konkretes liefern, die Expansion will gut durchdacht und schonend vorangetrieben werden. Es gilt schließlich eh als ausgemacht: Die "NFL International Series" wird eines Tages nach Deutschland kommen. Bis dahin lohnt sich ein Trip nach London.

Quelle: n-tv.de

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